Evaluation politischer Bildung – Ist Wirkung messbar?

Geschrieben von Birgit Sichelstiel (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 17. August 2005 unter <http://www.politische-bildung-schwaben.net/2005/08/evaluation-politischer-bildung-ist-wirkung-messbar/>
Abgerufen am 8. Februar 2012 um 09:59 Uhr

Der Sammelband soll, so die Anliegen der Herausgeber, sowohl einen Beitrag zur theoretischen Diskussion und Reflexion von Wirkungsevaluation politischer Bildung und ihrer Methoden leisten, als auch konkrete Anregungen für die Praxis der Evaluation von Projekten der politischen Bildung liefern. Erklärtes Ziel ist es, theoretische und praktische Aspekte aufeinander zu beziehen, so dass sie ein sinnvolles und für die Praxis hilfreiches Gesamtkonzept ergeben und dazu beitragen können, Evaluation in der politischen Bildung als »Routine-Maßnahme« zu etablieren.


Entstehung und Hintergrund

Den Rahmen der gesammelten Standpunkte und Erkenntnisse bildet das Projekt »Erziehung zu Demokratie und Toleranz« (http://www NULL.cap NULL.uni-muenchen NULL.de/bertelsmann/toleranz NULL.htm), ein Kooperationsprojekt der Bertelsmann Stiftung und des Centrums für angewandte Politikforschung (CAP) der Universität München. Die Erfahrungen bei der Evaluation der einzelnen Programme dieses Projekts sind gleichzeitig Ausgangspunkt und Kernpunkt des Sammelbands.

Gliederung der Beiträge

Der Sammelband gliedert sich in drei Teile: In einem ersten Teil A enthält er Ausführungen zur Evaluierbarkeit politischer Bildung bzw. zu Möglichkeiten und Grenzen der Evaluation allgemein. Darüber hinaus setzt er sich mit der Verwirklichung eines partizipativen Evaluationskonzepts (http://www NULL.politische-bildung-schwaben NULL.de/portal/index NULL.php?option=content&task=view&id=52&Itemid=)auseinander, das alle Beteiligten und Betroffenen einer Bildungsmaßnahme in die Evaluation einbezieht. Dieses Verständnis von Evaluation bildet die Basis der im Band vorgestellten Projekte.

Die Beiträge des Teil B stellen dann diese bereits umgesetzten Evaluationsprojekte vor und vermitteln daraus gewonnene Erkenntnisse und Erfahrungen, während sich der Teil C konkret mit Methoden der Evaluation politischer Bildung auseinandersetzt und diese reflektiert.

Behandelte Ausgangsfragen

Die Beiträge beleuchten grundsätzliche Fragen der aktuellen Situation bzw. Diskussion der Evaluation von politischer Bildung. Dabei werden vor allem im Teil A sowohl wissenschaftstheoretische Aspekte, wie etwa die Spannweite der Definitionsansätze von Evaluation, diskutiert, wie auch pädagogisch-didaktische Grundsatzfragen wie die Problematik der Planbarkeit von Lernprozessen und damit die Messbarkeit bzw. Operationalisierbarkeit von Lernergebnissen.

Darüber hinaus befassen sich die Beiträge mit ungelösten Fragen der Evaluationsforschung, wie die Bestimmung von Zielkriterien eines Projekts der politischen Bildung, sowie mit speziell praktischen Fragen der Umsetzung, wie etwa die Wahl der Instrumente.

Interessante Aspekte für den Leser

Durch das Aufgreifen dieser verschiedensten Fragen aus unterschiedlichen Bereichen, die mit Evaluation politischer Bildung zu tun haben, wird der Sammelband seinem Anspruch, Theorie und Praxis aufeinander zu beziehen, durchaus gerecht. Für den Leser kann er dadurch auf ganz verschiedenen Ebenen Anregung und Hilfe sein: Die Beiträge vermitteln neben Fragen der wissenschaftlichen Reflexion und der methodischen Umsetzung von Evaluation ganz nebenbei auch einen interessanten Einblick in innovative Projekte aus der Praxis der politischen Bildung.

Von zentraler Bedeutung für den Leser dürfte jedoch das Modell der Partizipativen Evaluation sein, das ein völlig neues Bild von Evaluation schafft: Es betrachtet etwa die »Messung von Wirkung« selbst schon als »Weiterbildungsmaßnahme« für alle Beteiligte, die durch den Evaluationsprozess nicht nur das jeweilige Bildungsprogramm optimieren, sondern unter anderem auch ihre Erkenntnisse über das jeweilige Projekt vertiefen. Darüber hinaus wird Partizipative Evaluation durch den Austausch von Erfahrungen und Interessen aus verschiedenen Perspektiven der Beteiligten und durch das gemeinsame Aushandeln von Evaluationsobjekten und –kriterien durch die Beteiligten selbst schon zum demokratischen Akt. Klassische Ängste und Vorbehalte gegenüber Evaluation werden durch Partizipative Evaluation auf diese Weise in Frage gestellt.

Konkrete Anregungen für die Evaluationspraxis

Neben grundsätzlichen Erkenntnissen über die Natur von Evaluation, erhält der Leser auch sehr konkrete Information zur Evaluationspraxis. Der Teil C, der sich mit der methodischen Umsetzung der Evaluationsprojekte befasst, bedient dabei auch wiederum unterschiedliche Leserinteressen. So behandeln die ersten drei Beiträge vor allem einzelne Aspekte zu Instrumenten der Datenerhebung und Auswertung in detaillierter Form und auf wissenschaftlich hohem Niveau. Eindrucksvoll werden dem Leser dabei Umsetzungsmöglichkeiten der zuvor diskutierten Ansprüche an Evaluation vorgeführt, wie etwa die Umsetzung eines multimethodischen Ansatzes der Evaluation oder die Arbeit mit einer Forschungsbegleitgruppe im Sinne einer Partizipativen Evaluation.

Auch die Verwirklichung neuerer Methoden der qualitativen Evaluationsforschung, wie die der Videoaufzeichnung und Gruppendiskussion werden anschaulich dargestellt.

Während die eben geschilderten Beiträge eher aus zwar partizipativen, aber doch externen Evaluationen stammen, die besonders aufwendig betrieben wurden und vor allem für »Evaluationsexperten« interessant sein dürften, schildert der letzte Beitrag den methodischen Ansatz der Selbstevaluation, der für die alltägliche Evaluationspraxis besonders hilfreich ist. Mit ihrer aus dem Ansatz der »Appreciative Inquiry« (http://www NULL.politische-bildung-schwaben NULL.de/portal/index NULL.php?option=content&task=view&id=54)This is an external linkstammenden, grundsätzlich wertschätzenden Haltung, wird die Selbstevaluation als ein Ansatz dargestellt, der ein besonderes Potential zur Erkenntnis und damit zur Verbesserung einer Maßnahme der politischen Bildung birgt. Dabei werden Grundsätze und methodische Umsetzung der Selbstevaluation so ausführlich und anschaulich beschrieben, dass auch Bildungspraktiker mit kleinerem Budget, die ihre Arbeit optimieren wollen, einen Zugang zur Evaluationspraxis bekommen können.

Fazit

Obwohl in diesem Band ein Verständnis von Evaluation vertreten wird, das kein fertiges Anwendungskonzept beinhaltet, liefert er erstaunlich konkrete und praxisbezogene Beispiele der Umsetzung dieses Verständnisses und vermittelt so einen Eindruck, was es heißt, nah am Projekt zu evaluieren. Er schafft es ohne Patentrezepte eine immer wieder diskutierte Willkür und Sinnlosigkeit von Evaluation gerade in der politischen Bildung mehr als nur in Frage zu stellen.