Soziale Ungleichheit

Geschrieben von Fritz Multrus (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 17. August 2005 unter <http://www.politische-bildung-schwaben.net/2005/08/soziale-ungleichheit/>
Abgerufen am 8. Februar 2012 um 04:35 Uhr

Nicole Burzan: Soziale Ungleichheit. Eine Einführung in die zentralen Theorien, Wiesbaden 2004 (VS Verlag für Sozialwissenschaft), € 17,90, 209 S.

Klassen, Schichten oder Lebensstile und Milieus oder gar bloß Individualisierung als Modelle für soziale Ungleichheit sind heutzutage in soziologischen Fachbüchern und politischen Debatten präsent. Überblick und Einführung in diese verwirrende Theorievielfalt leistet ein schmales Bändchen von Nicole Burzan.


Klassische Theorien als Grundlage

In einem ersten Teil werden die älteren Theorieansätze von Karl Marx, Max Weber, Theodor Geiger, aber auch von Helmut Schelsky und Ralf Dahrendorf vorgestellt. Auch wenn deren empirische Ergebnisse längst überholt sind, so sind doch die theoretischen Erklärungsversuche immer noch die Grundlage oder Bezugspunkte der neueren Versuche zu Erklärung sozialer Ungleichheit.

Auf diesen neueren Ansätzen liegt der Schwerpunkt der Darstellung. Im Wesentlichen bringen neuere Klassen- und Schichtungstheorien seit den achtziger Jahren lediglich eine Modifizierung der älteren Ansätze, die allerdings im Detail wichtige Probleme differenzierter behandeln. Die alte ideologische Konfrontation sei längst einer Annäherung in Einzelaspekten gewichen, konstatiert die Autorin. Häufiger werden nun Lebensstile und Milieus für die Beschreibung verwendet, die nun auch die bisher wenig beachteten ‘neuen sozialen Ungleichheiten’ wie Alter, Geschlecht oder Ethnie berücksichtigen.

Es geht nicht darum, die eine Gesellschaftstheorie zu entwickeln

Vor allem Paul Bourdieu versucht, Klassentheorie mit dem Milieu- und Lebensstilansatz zu verbinden. Ulrich Becks Individualisierungsthese wird nach ihrer Brauchbarkeit untersucht und einige populäre Fehlurteile korrigiert. Im abschließenden Fazit wird festgestellt, dass keine Theorie oder Theorieansatz konsensfähig ist und den Zusammenhang von Theorie und Empirie überzeugend herstellen kann: »Es muss auch nicht darum gehen«, so die Autorin, »die eine integrierte Gesellschaftstheorie zu entwickeln, die alle Fragen der sozialen Ungleichheit beantworten kann.«

Eine neue Standardeinführung zum Thema »soziale Ungleichheit«

Die Einführung von Nicole Burzan bietet einen ausgezeichneten Überblick sowohl über einzelne Theoretiker als auch über die Geschichte dieser Theorieentwicklung. Es wird auf einen didaktisch überzeugenden Aufbau geachtet, der zuerst den jeweiligen Autor bzw. dessen Theorie in Grundzügen – aber mit wichtigen Schlüsselzitaten – vorstellt, dann die Kritik aus der wissenschaftlichen Fachliteratur zusammenfasst und zum Schluss eine knappe Zusammenfassung mit der Grundlagenliteratur anfügt. Eine ganze Reihe von Diagrammen erhöht den Gebrauchswert, wobei anzumerken ist, dass einige wegen schlechter Druckqualität schwer lesbar sind. Das schmale, aber gehaltvolle Bändchen wird sicher wegen seines zuverlässigen Überblicks bis zur unmittelbaren Gegenwart und seiner inhaltlichen Prägnanz zur Standardeinführung in das Thema werden.