Interview mit Winfried Dumberger-Babiel

Geschrieben von Redaktion (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 29. September 2005 unter <http://www.politische-bildung-schwaben.net/2005/09/interview-mit-winfried-dumberger-babiel/>
Abgerufen am 8. Februar 2012 um 05:08 Uhr

2004_dumberger-babiel.jpgWir haben mit dem Initiator Winfried Dumberger-Babiel, Geschäftsführer des Bezirksjugendrings Schwaben, über das Projekt »Politische Bildung in Schwaben« gesprochen. Dieses Projekt ist aus der Agenda 21 des Bezirks Schwaben entstanden. Für Dumberger-Babiel ist dieses Projekt so bedeutend, weil er politische Bildung als Kernstück der Demokratie ansieht und politische Bildung zum gesetzlichen Auftrag der Jugendarbeit gehört.

Eines der Hauptziele des Projekts ist es, schulische und außerschulische Organisationen, die politische Bildung anbieten zu vernetzen und politische Bildung insgesamt wieder stärker ins Gespräch zu bringen. Um dieses zu erreichen, müssen u. a. Informationen über diese Angebote auch Online verfügbar sein.

Was ist politische Bildung?

Dumberger-Babiel: Der diesem Projekt zugrunde gelegte Begriff von politischer Bildung ist sehr weit gefasst. In diesem Verständnis ist politische Bildung eine bewusste, an den Normen der Demokratie orientierte Arbeit für die politische Kultur. Damit ist politische Bildung ein unverzichtbarer Baustein für die kulturelle, ökonomische, soziale und politische Entwicklung von Staat und Gesellschaft. Sehr wichtig ist weiterhin, dass politische Bildung ein Übungsfeld für die demokratische Beteiligung darstellt und Aktions- und Betätigungsfeld im Rahmen des bürgerschaftlichen Engagements sein soll.

class=«Stil1«>Was war Ihre Motivation, das Projekt »Politische Bildung« zu initiieren?

Dumberger-Babiel: Warum wir uns mit dem Thema befasst haben, hängt mit einer Agenda-Befassung des Bezirks zusammen. Das war eigentlich der Ausgangspunkt. Im Rahmen dieser Arbeit ist sehr deutlich von den Bezirksräten immer wieder formuliert worden, dass politische Bildung nicht mehr wie früher im Bewusstsein ist, bzw. Angebote nicht mehr so wahrgenommen werden. Ein entscheidender Indikator dafür waren die Kommunalwahlen 2002, bei denen die Bezirksräte festgestellt haben, dass die Wahlbeteiligung in manchen Gemeinden teilweise unter 50 % gesunken ist. Allen war klar, hier sollte etwas getan werden! Es lag nahe, dass der Bezirksjugendring auf diesem Gebiet einen Beitrag leisten kann, da er naturgemäß an diesem Thema dran ist. Einerseits, weil es für ihn hierzu nach § 11, KJHG einen gesetzlichen Auftrag gibt und andererseits, weil politische Bildung schon immer auch ein Kerngeschäft der Jugendring- und Verbandsarbeit war und auch noch ist.

Auch persönlich bin ich hoch motiviert, denn für mich gibt es keine unpolitischen Menschen. Die uns umgebende Gesellschaft prägt uns und Politik beeinflusst uns, ob wir wollen oder nicht. Die Frage ist nur, ob ich, wenn ich schon beeinflusst werde, nicht auch selber Einfluss ausüben kann und das ist auch ein Motivationsstrang bei diesem Projekt.

class=«Stil1«>Warum ist es wichtig, politische Bildung zu betreiben?

Dumberger-Babiel: Unser Ausgangspunkt ist, dass politische Bildung ganz wesentlich zur Demokratie dazugehört. Ich vergleiche gerne Demokratie mit einem großen Haus oder einem Dom, an dem ständig gearbeitet werden muss, damit die Substanz nicht Schaden nimmt. Genauso ist es mit der Demokratie, sie ist nie fertig; man muss immer wieder etwas verändern, neu ausrichten, sie so gestalten, dass sie von allen akzeptiert wird bzw. sich viele daran beteiligen können. Politische Bildung ist ein Bereich der in demokratische Handlungsweisen einführt, der uns Politik nahe bringt. Durch die nähere Befassung können wir neue Sichtweisen entdecken und uns eine politische Meinung bilden. Politische Bildung ist Wesensbestandteil der Demokratie.

Wenn wir eine lebendige Demokratie wollen und wenn wir wollen, dass sich die nachkommenden Generationen dafür engagieren, dann muss in der politischen Bildung mehr geschehen! Die Demokratie verliert ihre Basis, wenn nicht möglichst viele Bürger/innen Interesse für gesellschaftliche Themen aufbringen.

class=«Stil1«>Welche Defizite gab es im Bezirk Schwaben in der politischen Bildung?

Dumberger-Babiel: Ich möchte nicht von Defiziten sprechen. Wir haben über die Bestandserhebung festgestellt, dass es bereits eine breite Palette von Angeboten gibt. Die Frage ist jetzt, wie man stärker zielgruppenorientiert arbeiten kann.

Es gibt noch Herausforderungen, an die wir stärker herantreten sollten. Eine Herausforderung ist beispielsweise, über die Homepage eine bessere Vernetzung zu erreichen und somit eine Spur zu hinterlassen, der andere folgen können. Wir wollen also ein Beispiel darstellen, wie man der politischen Bildung noch Impulse geben oder, wie man durch übergreifende Zusammenarbeit die Interessen besser bündeln kann. Ich denke, über die Online-Präsenz schaffen wir ein Vorbild in Schwaben, denn es gibt über dieses Medium noch wenig Angebote.

class=«Stil1«>Welche Art politischer Bildung betreibt der Bezirksjugendring selbst?

Dumberger-Babiel: Die politische Bildung steckt in vielen Aufgabenfeldern des Bezirksjugendrings. Jugendpolitik gehört zu den Kernaufgaben des Bezirksjugendrings. Beispielsweise kooperieren wir mit der Jugendbeauftragten des Bezirkstags. Der Bezirk hat auch einen Jugendausschuss, in dem wir präsent sind und in dem wir auch selbst Themen einbringen können. Unser Ziel ist es, dass auch im Bezirkstag jugendpolitische Themen zur Sprache kommen und eine Auseinandersetzung damit stattfindet. Wenn wir möchten, dass sich die junge Generation für den Bezirk interessiert, dann sollte sie sich auch in dieser Politik wiederfinden können!

Es gibt aber auch Gespräche mit den Jugendorganisationen der politischen Parteien, Gespräche mit den Bezirkstagsfraktionen sowie Infos an die schwäbischen Vertreter/innen des Landtags, Bundestags, und des Europaparlaments, bisweilen auch persönliche Kontakte mit diesen Vertretern.

In diesem Jahr findet das 2. Forum Politische Bildung in Schwaben im Rahmen dieses Projekts statt, hier können sich die verschiedenen Organisationen und Personen der politischen Bildung in Schwaben austauschen. Der Bezirksjugendring bietet dafür die Plattform.

In vielen unseren Veranstaltungen sind immer auch Aspekte der politischen Bildung enthalten, ein Blick in unser Jahresprogramm oder das unserer Jugendbildungsstätte in Babenhausen macht dies deutlich.

Wir haben auch ein Jugendprogramm für Schwaben zusammen mit dem Bezirk entwickelt, das letztes Jahr fortgeschrieben und neu aufgelegt wurde. In diesem Programm formuliert der Bezirk eindeutig, was er für die Jugend in Schwaben tun will. Laut diesem Programm gibt es alle zwei Jahre gemeinsame Jugendforen mit dem Bezirkstag, bei denen jugendpolitische Themenstellungen im Mittelpunkt stehen.

Der Bezirksjugendring freut sich, dass es ihm in den vergangenen Jahren über zwei Jugendforen gelungen ist z. B. das Thema »Bürgerschaftliches Engagement« in die Arbeit des Bezirks einzubringen. Dieses Thema ist mittlerweile fester Bestandteil der Agenda 21 des Bezirks.

class=«Stil1«>Welche konkreten Schritte sind in Projektphase I unternommen worden?

Dumberger-Babiel: Nach dem wir vom Bezirk den Auftrag erhalten hatten, ein Modellprojekt durchzuführen, wurde ein Konzept entworfen, das vorsah, eine Bestandsaufnahme durchzuführen, um festzustellen, wer in Schwaben politische Bildung betreibt. Ziel war es, die vorhandenen Institutione
n und Organisationen zu erfassen, die politische Bildung anbieten. Im Laufe der Arbeit wurde uns klar, dass auch die Schulen mit erfasst werden sollten. Deshalb haben wir sowohl außerschulische wie schulische Organisationen zusammen befragt. Und das ist m. E. das interessante an diesem Projekt, dass wir beide Bereiche einigermaßen zusammenbekommen haben. Handlungsleitende Fragestellungen waren hierbei beispielsweise:

Welche spezifischen Formen politische Bildung werden praktiziert und favorisiert? Welche inhaltlichen und thematischen Schwerpunkte stehen im Vordergrund? Wie werden die Angebote genützt und welche Zielgruppen werden vorrangig angesprochen?

Zu Beginn haben wir eine Situation der politischen Bildung in Schwaben vorgefunden, die mit einer Landkarte mit großen weißen Flecken vergleichbar ist. Durch die Bestandsaufnahme ist es uns gelungen, diese Karte mit Konturen zu versehen!

class=«Stil1«>Welche Zwischenergebnisse gibt es nach Abschluss der I. Projektphase und welche weiteren Schritte sind geplant?

Dumberger-Babiel: Die I. Phase ist ziemlich erfolgreich verlaufen. Wir haben das Ziel, die außerschulischen und schulischen Angebote und Bedürfnisse zu erfassen, weitestgehend erreicht. Über diese Phase gibt es nun sehr gutes Datenmaterial und eine Interpretation dieses Materials. Wir werden demnächst einen »Atlas« veröffentlichen, in dem dieses Datenmaterial veröffentlich und in dem alle Institutionen, die mitgearbeitet haben und genannt sein möchten, aufgeführt sind. Es gibt auch die Option, dass weitere Interessenten noch in den Atlas aufgenommen werden können. Somit kann das Netzwerk immer größer werden. Mit dem »Atlas« erstellen wir quasi ein »Who is Who« in der politischen Bildung in Schwaben, damit man weiß, an welche Institutionen und Personen man sich wenden kann. In einem nächsten Schritt wird es nun darum gehen, das Erreichte zu stabilisieren und weiter auszubauen.

Welches Fernziel schwebt Ihnen bei diesem Projekt vor?

Dumberger-Babiel: Ich würde mich freuen, wenn wir einen Baustein Kommunalpolitik hinbekommen und, wenn vielleicht in zwei oder drei Jahren, verschiedene Schulen in Schwaben zusammen mit Jugendringen, Volkshochschulen und Verbänden, auf der Basis dieses Bausteins Projekte zur Kommunalpolitik durchführen.

Wichtig ist mir auch, über unser Projekt die politische Bildung wieder stärker ins Gespräch zu bringen, unter dem Aspekt von Weiterentwicklung von Demokratie.

Ein Effekt wäre auch, dass sich Kommunalpolitiker/innen darüber klar werden, welchen wichtigen Beitrag beispielsweise die Jugendringe zur politischen Sozialisation leisten.

Dann hat sich die Arbeit am Projekt rentiert!

Herr Dumberger-Babiel, wir danken Ihnen für das Gespräch!