Der neue Irak – Nationalstaat oder ethnisch/konfessioneller Flickenteppich?

Geschrieben von Helme Burch (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 27. März 2006 unter <http://www.politische-bildung-schwaben.net/2006/03/der-neue-irak-nationalstaat-oder-ethnischkonfessioneller-flickenteppich/>
Abgerufen am 8. Februar 2012 um 10:38 Uhr

Dr. Henner Fürtig, Deutsches Orient-Institut,

27. April, 19:00, Mesopotamien Verein, Mendelssohnstr. 21, 86154 Augsburg

Eintritt 5€

Die von der US-Zivilbehörde (CPA) ab April 2003 forcierte Neuordnung und –besetzung irakischer Institutionen und Ämter nach ethnisch/konfessionellem Proporz schwächte die Konstruktion des neuen Irak entscheidend. Ohne Not wurde der Kardinalfehler bei der kolonialen Gründung Iraks (1920) wiederholt.

Die tiefen Gräben zwischen den verschiedenen Ethnien und Konfessionen des Landes sind nicht zu leugnen, aber Irak ist mehr als die Summe aus kurdischen Norden, sunnitischen-arabischen Mitte und schiitischen-arabischen Süden. Im Kampf um die nationale Souveränität und in der Abwehr äußerer Feinde entstand ein gemeinsames irakisches Nationalgefühl. Selbst auf der Sollseite führten jahrzehntelange forcierte Binnenmigration, Regimeterror und insbesondere die Auswirkung des internationalen Embargos zu neuen Trennlinien innerhalb des irakischen Gesellschaft, (z.B. zwischen Stadt und Land, staatlichen und Stammesstrukturen, sowie vor allem zwischen Arm und Reich), die die traditionellen Linien nicht ersetzen, aber überlagerten.

Die Politik der CPA setzte nicht bei diesen neuen Faktoren an, sondern sie reduzierte die Identität der Bürger des Landes auf ihre ethnische Herkunft oder ihr Glaubensbekenntnis. Damit erhielten – wie wohl unbeabsichtigt – Optionen einer neuen ethnisch/konfessionellen Diktatur oder eines Bürgerkrieges neue Nahrung. Zudem verschärfte sich der Trend zur Verschiebung des politischen Kräfteverhältnisses vom Zentrum in die Peripherie. Der andauernde Widerstand verstärkt den Trend, weil er Bagdad vom übrigen Land, und Irak insgesamt vom Ausland isoliert. Die Schwächung der Zentralgewalt, sowie Konfessionalisierung und Ethnisierung führen zudem zu einer regressiven Entwicklung staatlicher Strukturen, d.h. Clans, Familien, Verbände, peer groups etc. gewinnen immer mehr an Bedeutung.