Vernichtung der Kultur: Die Bücherverbrennung im Mai 1933. Eine Wanderausstellung

Geschrieben von Thomas Felsenstein (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 26. Juli 2006 unter <http://www.politische-bildung-schwaben.net/2006/07/vernichtung-der-kultur-die-bucherverbrennung-im-mai-1933-eine-wanderausstellung/>
Abgerufen am 8. Februar 2012 um 10:53 Uhr

Im Frühjahr 1933 loderten in vielen deutschen Städten die Scheiterhaufen. Bejubelt von begeisterten Menschenmassen, warfen Studenten missliebige Bücher zu Hunderten und Tausenden auf eigens errichtete Scheiterhaufen. In den Flammen verglühten die Schriften jüdischer, sozialistischer oder christlich-konservativer Verfasser, darunter viele der damals meistgelesenen Autoren.
Zum 70. Jahrestag der Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten erarbeitete das Haus der Bayerischen Geschichte eine Ausstellung (http://www NULL.hdbg NULL.de/buecher/), mit der die Ereignisse um den 10. Mai 1933 in Bayern dokumentiert werden sollten.

Auf acht Tafeln werden Fotos, Plakate und Dokumente präsentiert, um die Vorgeschichte, den Ablauf und die Hintergründe dieser so genannten »Aktion wider den undeutschen Geist« zu verdeutlichen.
Die Ausstellung wurde jetzt für die Verwendung in Schulen neu aufgelegt. Sie ist leicht transportierbar und kann jederzeit ausgeliehen werden. Erste Station war das Peutinger-Gymnasium in Augsburg, wo die Ausstellung am 10. Mai 2006 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Die acht Tafeln der Ausstellung haben folgenden Inhalt:

  • »Die Vernichtung der Kultur« (1 Tafel):
    Einführung und politischer Hintergrund

  • »Propaganda und Bürokratie« (2 Tafeln):
    Säuberung von Museen und Bibliotheken, Erstellung von Schwarzen und Weißen Listen

  • »Ins Feuer mit der Zersetzungspest« (2 Tafeln):
    Ablauf der Verbrennungsakte

  • »Verbrennt mich!« (2 Tafeln):
    Reaktionen auf die Bücherverbrennung im In- und Ausland

  • »Verfemt, verfolgt und ins Exil gezwungen« (1 Tafel):
    Verfolgung und Verbrennung

Interessenten melden sich bitte per e-mail unter tfelsenstein@t-online.de (tfelsenstein null@null t-online NULL.de?subject=)

Theatralische Inszenierungen

Wenn man die acht Tafeln dieser kleinen Ausstellung betrachtet, dann fällt als erstes auf, dass es hier eine Menge zu lesen gibt. Briefe, Plakate und andere Schriftquellen sind vorherrschend. Das ist für eine Ausstellung nicht gerade vorteilhaft, sollte es dabei doch vor allem um die Verbildlichung eines Themas gehen – wer will schon im Stehen die vielen Texte lesen?
Doch bei der Recherche für die Ausstellung haben wir feststellen müssen, dass es von den insgesamt 22 Bücherverbrennungen, die am 10.Mai 1933 in ganz Deutschland durchgeführt wurden, tatsächlich nur wenige aussagekräftige Bilder gibt. Aus München, wo die weitaus größte Veranstaltung stattfand, existiert nicht ein einziges Foto. Dabei handelte es sich beileibe nicht um heimliche Aktionen. Im Gegenteil: Zehntausende von meist begeisterten Zuschauern drängten sich auf den Verbrennungsplätzen, dazu kamen Hunderttausende, die die Rundfunkübertragung am Volksempfänger verfolgten. Man war ja auch um eine möglichst große öffentliche Wirkung bemüht und inszenierte die Aktionen mit großer Theatralik. So waren z.B. in München die Straßen, durch die der kilometerlange Fackelzug mit den zu verbrennenden Büchern zog, von riesigen Pechpfannen gesäumt, deren Flammen die Stadt schaurig beleuchteten.
Der so genannte Verbrennungsakt selbst fand – ebenfalls aus theatralischen Gründen – in den meisten Städten erst gegen Mitternacht statt. Da war es für Fotos zu dunkel. Nur der Berliner Opernplatz wurde für die Filmaufnahmen der Wochenschau mit großen Scheinwerfern taghell ausgeleuchtet – hier war die zentrale Kundgebung mit der Rede des Propagandaministers Goebbels.

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Berlin, 10. Mai 1933: Studenten verladen Bücher für die Verbrennung vor der Staatsoper

Die wenigen, meist unscharfen Bilder, die es gibt, zeigen denn auch immer nur das gleiche: Junge Männer in Uniform stehen in militärischer Haltung neben brennenden Scheiterhaufen, in denen Tausende Bücher, aber auch schwarz-rot-goldene Fahnen und Büsten verfemter Schriftsteller in Flammen aufgehen.
Da bieten die Dokumente nun tatsächlich Spannenderes: Sie machen deutlich, wer hier die Hand im Spiel hatte, sie zeigen, wes Geistes Kind die Täter waren, sie lassen auch die Opfer zu Wort kommen, die mundtot gemachten und ins Exil getriebenen Schriftsteller, und sie zeigen Beispiele von Mut und Widerstand. Die Ausstellung soll deshalb zum Schauen und zum Lesen anregen – es lohnt sich.

Vorgeschichte, Ablauf und Folgen der Bücherverbrennungen

Anhand einiger ausgewählter Exponate sei hier ein kurzer Einblick in die Vorgeschichte, den Ablauf und die Folgen des 10. Mai 1933 gegeben.
Da ist z.B. das Foto einer Bücherverbrennung in Berlin von 1922: Ein relativ kleiner Scheiterhaufen, ein Mann, der eine Rede hält und Schulkinder, die sich das Ganze anschauen. Worum geht es? Im Rahmen der »Kampagne gegen Schmutz und Schund in der Jugendliteratur« werden hier vor den Augen von Schülern die Bücher verbrannt, die diese wahrscheinlich abends unter der Bettdecke gelesen haben.
Daraus wird deutlich: Bücherverbrennungen sind keine Erfindung der Nationalsozialisten. Es gibt sie wohl so lange es Bücher gibt und Autoren, die der jeweiligen Obrigkeit nicht passen.
Die Bücherverbrenner des Mai 1933 beriefen sich denn auch explizit auf Luther, der 1520 die Bannbulle des Papstes öffentlich verbrannte. Vor allem aber betonten sie, in der Tradition jener deutschen Studenten zu stehen, die 1817 bei einer Kundgebung auf der Wartburg im Namen der Freiheit und Einheit die Bücher »undeutscher« Autoren verbrannten

Nationalsozialistische Studentenfunktionäre kämpfen um Pfründe und Karrierechancen

Das unscheinbare hektographierte Schreiben mit einer »Eil-Anordnung« des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbunds vom April 1933 macht etwas sehr Interessantes deutlich: Die Bücherverbrennung war nicht – wie oft dargestellt – das Werk des Reichspropagandaministers Goebbels bzw. eine von staatlichen Stellen organisierte Maßnahme. Sie war vielmehr Teil eines Machtkampfes zwischen Studentenfunktionären um die Pfründe und Karrierechancen, die das eben an die Macht gekommene NS-Regime zu bieten hatte. Der Hintergrund dieser »Eil-Anordnung« ist folgender: Gerade hatte man beim NSDStB trotz größter Geheimhaltung erfahren, dass die Konkurrenzorganisation, die Deutsche Studentenschaft (DSt) eine öffentliche Bücherverbrennung plant. Eilig werden nun die NS-Studentenfunktionäre angewiesen, an dieser Aktion nicht nur teilzunehmen, sondern selbstverständlich die Führung zu übernehmen. Eigentlicher Antrieb war die Angst, bei der geplanten Neuordnung der Hochschulen durch das NS-Regime auf der Strecke zu bleiben: Welcher der beiden großen Studentenorganisationen würde die Macht an den Hochschulen übertragen werden, welche würde verschwinden müssen?
Der NSDStB war Parteiorganisation und hatte bislang vor allem durch Schlägereien und Krawalle auf sich aufmerksam gemacht, dominierte aber inzwischen die meisten AStAs.
Die DSt war eine gesetzlic
h anerkannte Körperschaft und organisierte die soziale Selbstverwaltung an den Unis.
Beide Organisationen waren stramm nationalsozialistisch ausgerichtet und zutiefst antisemitisch eingestellt. Doch gerade deshalb standen sie nun unter dem Druck zu beweisen, dass sie die für das Regime verlässlichere und vor allem durchsetzungsfähigere Kraft waren. Als Nicht-Parteiorganisation hatte die DSt hier die schlechteren Karten. Sie musste also mit besonders radikalen Aktionen auf sich aufmerksam machen. Man beschloss deshalb eine vierwöchige reichsweite Aktion an den Universitäten zu starten, die unter dem Motto »Wider den undeutschen Geist« stand. Dazu gehörte der Kampf gegen missliebige Professoren, die Vertreibung der jüdischen Kommilitonen sowie die Säuberung der Bibliotheken. Als Höhe- und Schlusspunkt war für den 10.Mai die öffentliche Verbrennung der durch die Studenten konfiszierten Bücher geplant.
Das Dokument zeigt aber auch, gegen wen die Aktionen vor allem gerichtet waren: Es geht, heißt es da, um die »öffentliche Verbrennung jüdischen zersetzenden Schrifttums durch die Studentenschaften … aus Anlass der schamlosen Hetze des Weltjudentums gegen Deutschland«. Damit stellten die Studenten ihre Aktion als unmittelbare Fortsetzung der vom NS-Staat am 1. April 1933 durchgeführten reichsweiten Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte dar. Was SA und SS auf den Straßen veranstalteten, wollten die Studenten nun in den Hochschulen nachahmen und so die antisemitischen Maßnahmen vom Wirtschaftlichen auf das Geistige ausdehnen. »Dem Führer zuarbeiten«, nannte man dieses Vorgehen, durch das sich die verschiedensten Interessengruppen das Wohlwollen der neuen Machthaber sichern wollten, indem sie auf eigene Faust die NS-Ideologie in ihrem Bereich durchsetzten.

»Undeutsch« und »Artfremd«

Das Plakat »Entartete Musik« zeigt die Karikatur eines schwarzen Jazzmusikers, der am Revers einen Judenstern trägt. Es stammt zwar aus dem Jahr 1938, macht aber auf exemplarische Weise deutlich, wie man den Stempel »jüdisch« benutzte, um die Ablehnung jeder Art von missliebiger Kunst auch rassisch begründen zu können. Was jüdisch war hatte hier nämlich ausschließlich mit der geistigen Haltung zu tun: Jüdisch ist das Artfremde, Undeutsche – undeutsch und artfremd aber ist eine pazifistische, demokratische, liberale oder sozialistische Einstellung. Artfremd ist der Expressionismus, die Psychoanalyse, vor allem aber die neue Großstadtliteratur, die als Asphaltliteratur diffamiert wurde. Ihr setzte man die volksgebundene reine und deutsche Literatur entgegen – was auch immer das bedeuten mag. In München hieß das z.B.: »Heinrich Heine ist zu verbrennen und durch Eichendorff zu ersetzen.«

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Autoren, deren Werke den Verbrennungen zum Opfer fielen: Karl Kautsky, Alfred Kerr, Sigmund Freud…
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… Heinrich Mann, Erich Kästner, Karl Marx..
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…Erich-Maria Remarque, Kurt Tucholsky

Ein weiteres unscheinbares, aber sehr aussagekräftiges Dokument ist das Rundschreiben der DSt, mit dem die neun so genannten bekannt gemacht wurden, die für die Verbrennungsaktionen verbindlich vorgeschrieben waren. Hier wird die ganze Bandbreite dessen deutlich, was man als undeutsch und artfremd bekämpfte. Die Bücher Heinrich Manns und Erich Kästners sollten z.B. mit folgendem Spruch verbrannt werden: 15 Autoren (Karl Marx, Karl Kautsky, H.Mann, Ernst Glaeser, Erich Kästner, F.W.Forster, Sigmund Freud, Emil Ludwig, Werner Hagemann, Theodor Wolff, Georg Bernhard, E.M.Remarque, Alfred Kerr, Kurt Tucholsky und Carl v. Ossietzky) wurden namentlich aufgeführt. Sie sollten sozusagen die verbindliche Grundlage der Verbrennungen bilden.

Darüber hinaus war es jeder Studentenschaft freigestellt, was sie je nach Vorliebe und Feindbild noch zusätzlich vernichten wollte. So wurden z.B. nur in Göttingen die Werke Thomas Manns verbrannt, die an anderen Unis noch hochgeschätzt waren. Der Münchner Studentenführer Karl Gengenbach wiederum bestand darauf, dass hier exklusiv auch die Schriften Heinrich Heines vernichtet werden.

Wildwuchs an »Schwarzen Listen«

Um den studentischen Stoßtrupps, die ab dem 6. Mai vor allem Volksbüchereien, Leihbibliotheken und Buchhandlungen überfallartig durchsuchten, einen Leitfaden an die Hand zu geben, wonach sie da eigentlich suchen sollten, begann man ab Mitte April Schwarze Listen zu erstellen. Auch hier gab es konkurrierende Organisationen, die sich über die Erstellung und Durchsetzung ihrer Listen profilieren bzw. ihre Vorstellung vom Artfremden durchsetzen wollten. So entwickelte sich 1933/34 ein Wildwuchs an Listen, in denen insgesamt rund 300 Autoren und Werke verzeichnet waren. Während auf den Schwarzen Listen die im In- und Ausland meistgelesenen deutschen Autoren standen, fehlten auf den Weißen Listen mit den zur Lektüre empfohlenen Büchern große Namen fast vollständig.

Die Karte der Verbrennungsorte in Bayern zeigt, dass am 10.Mai ausschließlich an Hochschulorten Bücher verbrannt wurden. Im Anschluss an die studentis
chen Aktionen kam es allerdings auch in anderen Städten und Gemeinden zur Vernichtung von Büchern.
Phantasie entwickelte dabei die so genannte Reinigungskommission, die im Sommer 1933 die Lehrerbibliothek des Augsburger Realgymnasiums (heute: Peutinger-Gymnasium) säuberte. Acht der beanstandeten Bücher wurden – wie es in einer handschriftlichen Notiz heißt – unter Zeugenschaft des Konrektors und dreier Lehrer »im Ofen der Zentralheizung verbrannt«.

Thomas Felsenstein
Seminarlehrer für Geschichte am Peutinger-Gymnasium Augsburg
tfelsenstein@t-online.de (tfelsenstein null@null t-online NULL.de?subject=)