Politische Bildung – Auftrag und Kern der Jugendarbeit
Veröffentlicht am 30. März 2009 unter <http://www.politische-bildung-schwaben.net/2009/03/politische-bildung-auftrag-und-kern-der-jugendarbeit/>
Abgerufen am 30. Juli 2010 um 19:37 Uhr
Der demokratische Rechts- und Sozialstaat unserer Verfassungsordnung ist angewiesen auf die Bereitschaft mündiger Bürgerinnen und Bürger, sich an der Bewältigung gesellschaftlicher Aufgaben so zu beteiligen, dass öffentliche Verantwortung wahrgenommen und dabei der Horizont der eigenen Interessen überschritten wird. Diese Bereitschaft existiert nicht voraussetzungslos und ist auch nicht durch moralische Appelle herstellbar.
Demokratie braucht Politische Bildung, sie lebt vom Mitdenken und Mittun ihrer Bürgerinnen und Bürger und ihrer Bereitschaft, sich selbst- und sozialverantwortlich ein Urteil zu bilden, in der Verfassung normierte Regeln und Werte zu respektieren und sich für sie zu engagieren. Die Grundlagen für das Gelingen einer lebendigen demokratischen Kultur erfordern ständige Lernprozesse des einzelnen, die ganz wesentlich durch die außerschulische Politische Bildung initiiert und begleitet werden.
Politische Bildung leistet einen fortdauernden und unverzichtbaren Beitrag zu persönlicher und gesellschaftlicher Orientierung sowie zur Entwicklung und Festigung demokratischer Einstellungen und Verhaltensweisen. Politische Bildung kann verstanden werden als ein Prozess, in dem man lernt, sich mit den Institutionen, Machtverhältnissen, Entscheidungsorganen und Verfahrensweisen gesellschaftlicher Entscheidungen vertraut zu machen. Politische Bildung ruht auf den beiden Säulen schulische Bildung (formalisiert und institutionalisiert) und außerschulische Sozialisation (informell und frei). Beide Bereiche sind unerlässlich für die Identifikation mit und die Partizipation der jungen Generation an dieser Demokratie. Keine dieser Säulen kann die andere ersetzen, aber zumindest entstandene Defizite ein Stück weit kompensieren. Dies ist umso wichtiger dann, wenn eine Säule ihre Funktion nur unzureichend erfüllt, vielleicht sogar überhaupt nicht errichtet ist. Zugewanderte ältere Jugendliche z.B. aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion haben grundsätzlich meist keine Chance mehr, Politische Bildung im Rahmen des allgemeinbildenden Schulsystems zu erfahren. Auch besuchen nicht alle eine berufsbildende Schule. Dieses Manko kann nur und muss unbedingt die außerschulische Jugend- und Erwachsenenbildung ausgleichen: das ist Kernaufgabe der verbandlichen und der offenen Jugendarbeit. Die Jugendarbeit verfügt seit jeher über einen eigenständigen (außerschulischen) Bildungsauftrag und hat berechtigt den Anspruch, ein eigenständiger Bildungsort zu sein.
Das bestätigt zuletzt offiziell der Zwölfte Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung, indem er den Einrichtungen der Jugendarbeit ausdrücklich »eine explizite, auch gesetzlich verankerte, Bildungsaufgabe« bestätigt und ihnen eine ganz besondere, ergänzende Rolle als »bildungsbedeutsame und –relevante institutionelle Orte und Angebote« zuschreibt: Bildungsangebote und –leistungen der Jugendarbeit weisen, im Gegensatz zu vielen formalen Bildungsinstitutionen, einen hohen Grad an Selbstorganisation durch Jugendliche auf. Sie sind durch eine Aneignungs- und Vermittlungsstruktur gekennzeichnet, in der lebensweltliche und sozialräumliche Bedingungen und Gegebenheiten zum unverzichtbaren Bestandteil gehören«.
Das Kinder- und Jugendhilfegesetz zählt zu den Schwerpunkten der Jugendarbeit ausdrücklich an erster Stelle die »außerschulische Jugendbildung mit allgemeiner, politischer, sozialer, gesundheitlicher, kultureller, naturkundlicher und technischer Bildung«. Ein weiterer, damit aufs Engste verbundener Schwerpunkt ist in diesem Sozialgesetz die »arbeitswelt-, schul- und familienbezogene Jugendarbeit«. In der ausdrücklichen Betonung einzelner, ganz spezifischer Inhalte und Akzente wird nicht nur die enorme Bandbreite der Bildungsaufgaben evident, sondern auch der Bezug zu den aktuellen lebenswelt- und alltagsbezogenen Interessen und Bedürfnissen Jugendlicher sichtbar. Hier bekommt die Rolle der Jugendbildung durch Jugendarbeit im Zuge des aktuellen gesellschaftlichen Wandels ein zusätzliches Gewicht:
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die Situation der Familien und damit deren Sozialisationsfunktion hat sich verändert (Geburtenrückgang, Aufwachsen ohne Geschwister, Instabilität der Ehen, immer mehr Alleinerziehende)
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die Leistungsorientierung, die Auslese und der zunehmende Konkurrenzdruck im Schulsystem, das im Spiegel der internationalen Vergleichsstudien selbst schwer in die Kritik geraten ist
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die lang anhaltenden und auch längerfristig kaum zu bewältigenden Unsicherheiten des Ausbildungs- und Arbeitsmarktes
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die vielfältigen Möglichkeiten der Medienwelt und Informationstechnologien, deren Nutzung mehr und mehr die zwischenmenschliche Begegnung ersetzen, bzw. zumindest erschweren
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die Mobilität der Gesellschaft, kulturelle und lebensweltliche Pluralisierung, Zwang zur individuellen risikobehafteten Lebensplanung (Stichwort: »Risikogesellschaft«) oder auch
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die Konsum- und Erlebnisorientierung mit einer bisher nicht gekannten Angebotsfülle und immer schwerer zu widerstehenden Verlockungen (Stichwort: »Erlebnisgesellschaft«/ »fun-generation«).
Hier Orientierung zu ermöglichen, die Persönlichkeit zu stärken, Selbst- und Mitverantwortung zu erproben, auch Werte zu vermitteln und Handlungsmuster für verantwortungsbewusste Entscheidungen erfahrbar zu machen, ist die aktuelle Herausforderung und Chance der Jugendbildung durch Jugendarbeit.
Eine Trendwende in der öffentlichen Wahrnehmung der breit gefächerten Bildung scheint eingeläutet, nachdem der Zwölfte Kinder- und Jugendbericht hohe Aufmerksamkeit erfahren hat. Zum einen wird hier ausdrücklich betont, dass erstens die bewusst gestalteten Bildungsprozesse an den aktuellen Lebenswelten und den Lebenslagen junger Menschen orientiert sein müssen, wie auch an den Erfordernissen ihrer Eltern. Zum zweiten wird der Blick erweitert auf die unterschiedlichen Bildungsorte und Lernwelten, zu denen neben Familie, Schule, Gruppen auch die Träger der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Jugendarbeit zählen. Jugendarbeit ist also grundsätzlich auch Bildung. Denn ohne Soziales Lernen und ohne Kompetenzaneignung bliebe der Bildungsbegriff verengt und defizitär. Er hätte so nicht den pädagogischen Grundsatz der notwendigen Einheit von Kopf, Herz und Hand umgesetzt. Je mehr es gelingt, zunächst stärker das öffentliche Interesse für diese (bisher vernachlässigte) Seite der Bildung zu erregen und dann die Aufmerksamkeit der verantwortlichen Politiker zu gewinnen, desto stärker setzt sich ein zeitgemäßes Bildungsverständnis durch, das Bildung, Betreuung und Erziehung sowohl vor als auch neben der Schule mit den institutionalisierten Bildungsprozessen verzahnt.
Dies ist die Zielsetzung, die der Bezirksjugendring Schwaben in Kooperation mit der Katholischen Stiftungsfachhochschule München/ Benediktbeuern mit der Entwicklung und Anwendung dieser aktuellen Handreichung und der vorausgegangenen Bausteine »Kommunalpolitik erleben!« (2006) und »Bezirk Schwaben erleben!« (2007) verfolgt.
Diese Handreichungen können Sie in unserem Downloadbereich herunterladen.

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