Fragen an die Bundestagsabgeordnete Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen)

Geschrieben von Redaktion (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 30. August 2009 unter <http://www.politische-bildung-schwaben.net/2009/08/fragen-an-die-bundestagsabgeordnete-claudia-roth-bundnis-90die-grunen/>
Abgerufen am 30. Juli 2010 um 19:23 Uhr

Stellen Sie sich bitte persönlich vor und informieren Sie uns über Ihre Erfahrungen in der Jugendarbeit.

Mein Name ist Claudia Roth, ich bin Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen und Bundestagsabgeordnete für Augsburg Stadt und Königsbrunn. Für mich war schon als Jugendliche klar, dass ich die Welt lebenswerter und gerechter machen möchte. In der Schule und im Gymnasium war ich Klassensprecherin, politisch habe ich mich bei den »Deutschen Jungdemokraten« engagiert, die damals als undogmatisch-linke Jugendorganisation der FDP nahe stand und sich 1982 nach dem von der FDP betriebenen Ende der sozial-liberalen Bundesregierung von ihrer Mutterpartei abspaltete. Während und nach der Schulzeit versuchte ich meine Ziele über das Theater zu erreichen. Gerade in der Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben wir tolle, kreative Projekte durchgeführt und damit im Kleinen die Welt ein wenig verändert.Bevor ich Mitte der achtziger Jahre zu den Grünen kam, war ich Managerin der Band »Ton Steine Scherben«, die sich intensiv mit Jugendkultur auseinandersetzte.

Für die Grünen zog ich 1989 ins Europaparlament ein und war dort unter anderem Fraktionsvorsitzende. 1998 wurde ich über die bayerische Landesliste in den Bundestag gewählt. In der rot-grünen Regierung war ich Beauftragte für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe im Auswärtigen Amt. Von 2001 bis 2002 und seit 2004 bin ich Bundesvorsitzende von Bündnis 90/ Die Grünen. In diesem Jahr kandidiere ich erneut als Spitzenkandidatin für die bayerischen Grünen und als Direktkandidatin im Wahlkreis Augsburg Stadt und Königsbrunn.

Das Engagement für Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit hat mich lebenslang begleitet. Der Austausch und die Zusammenarbeit mit jungen Menschen, die in Zukunft auf diesem Planeten und in unserem Land leben und mit unseren Hinterlassenschaften fertig werden müssen, ist mir dabei immer besonders wichtig.

Woher bekommen Sie Ihre Informationen über die junge Generation?

Welche Kontakte pflegen Sie zu den Jugendorganisationen (Jugendverbände, Jugendringe etc.) in Ihrem Wahlkreis?

Ich pflege einen stetigen Kontakt zu Jugendverbänden in Form von Spitzentreffen und auch Veranstaltungen auf lokaler Ebene. Über die Augsburger Grünen bin ich weit in die Jugendorganisationen hinein vernetzt. Die Kontakte reichen vom Stadtjugendring Augsburg, über die Jugendbildungsstätte Babenhausen bis hin zu Jugendorganisationen der Kirchen. Auch unsere jungen Stadträte in Augsburg halten mich über die Anliegen der jungen Menschen in und um Augsburg auf dem Laufenden. Natürlich habe ich auch intensiven Kontakt zu der Jugendorganisation unserer Partei, der Grünen Jugend. Jugendverbände spielen eine zentrale Rolle für unsere Gesellschaft und unsere Demokratie. In ihnen können junge Menschen aktiv werden, mitmischen und sich einmischen. Sie können Demokratie erleben und praktisch erfahren, wie es ist, die eigene Umgebung zu gestalten. Jugendverbände sind die zentrale Stütze ehrenamtlichen Engagements junger Menschen – denn ohne feste Strukturen ist solches Engagement kaum möglich. Und sie sind ein unverzichtbarer Bestandteil unseres Bildungssystems – wenn es um sportliche, künstlerische und musische Aktivitäten geht.

Was antworten Sie jungen Menschen die sagen »Politiker/innen sind für mich nicht mehr glaubwürdig«?

Denen sage ich: Mischt euch ein! Werdet selbst aktiv. Schaut über den Tellerrand, macht euch ein eigenes Bild über die Parteien, über die Kandidatinnen und Kandidaten. Denn DEN Politiker oder DIE Politikerin gibt es nicht. Lernt die Jugendorganisationen der Parteien kennen. Meine Erfahrung ist, dass Jugendliche absolut nicht unpolitisch sind. Sie sind kritisch, sie fragen genau nach, sie wollen alles ganz genau wissen. Das ist genau die richtige Einstellung!

Wie möchten Sie junge Menschen zur aktiven politischen Teilhabe motivieren?

Indem ich mit ihnen diskutiere und versuche klarzumachen, dass es um ihre Zukunft geht, um ihr Land und um ihren Planeten. Politische Teilhabe heißt ja auch nicht nur, sich in politischen Parteien zu engagieren. Politische Jugendverbände, Bürgerinitiativen oder andere zivilgesellschaftliche Gruppen, die ein politisches Anliegen verfolgen, bieten auch die Möglichkeit, Politik kennenzulernen und sich politisch einzumischen.

Wichtig ist, den Kopf nicht in den Sand zu stecken, wenn man sich über Gesetze oder Entscheidungen ärgert – sei es auf kommunaler Ebene, im Land oder im Bund.

Die Schülerproteste haben gezeigt, wie lautstark Jugendliche ihre Interessen vertreten können. Das ist hochpolitisch!

Was antworten Sie jungen Menschen die sagen »ich gehe nicht wählen«?

Da sage ich klar und deutlich: wirf deine Stimme nicht weg. Gerade die Interessen junger Menschen sind von politischen Entscheidungen massiv betroffen: ob beim Klimaschutz, in der Sozialpolitik, in der Bildungspolitik oder der Steuerpolitik. Die Politik von heute bestimmt mit, wie die Welt, unser Land, unsere Region in 20, 30 oder 40 Jahren aussieht. Wie stark die Folgen des Klimawandels sein werden oder wie groß das Loch in der Staatskasse wachsen wird – das ist EURE Zukunft und darüber wird heute entschieden. Wir fordern deshalb sogar, das Wahlalter auf 16 abzusenken, damit junge Menschen schon früher mitreden und mitentscheiden können.

Wir setzen uns außerdem für bundesweite Volksentscheide ein. Denn die direkte Beteiligung an Demokratie ist der beste Weg, um das Interesse für Politik und Demokratie zu wecken und zu merken: meine Meinung zählt.

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