ABBA NAOR: Der Zeitzeugen-Dialog – unvergesslich und unersetzlich

Geschrieben von Prof. Dr. Gerhard Kral (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 31. Dezember 2009 unter <http://www.politische-bildung-schwaben.net/2009/12/abba-naor-der-zeitzeugen-dialog-unvergesslich-und-unersetzlich/>
Abgerufen am 22. Dezember 2014 um 04:26 Uhr

Exkursion der Katholischen Stiftungsfachhochschule an die KZ-Gedenkstätte Dachau

Die Gedenkstättenpädagogik ist ein fester Baustein im Vertiefungsbereich »Umwelt- und Kulturpädagogik« des Studiengangs Soziale Arbeit an der Katholischen Stiftungsfachhochschule in Benediktbeuern – neben u.a. Museums-, Medien- und Erlebnispädagogik. Zusammen mit dem Projektteam »Politische Bildung Schwaben« und der Initiativgruppe »Ökoforum in Aktion« führte der Vertiefungsbereich Anfang Dezember die seit Jahren bewährte Exkursion an die KZ-Gedenkstätte in Dachau durch. Unter der Leitung von Professor Gerhard Kral und der Pädagogin Annette Eberle kam es dabei erstmals zu einer persönlichen Begegnung mit einem »Zeitzeugen«, einem Überlebenden der Konzentrationslager des Nationalsozialismus: ABBA NAOR, 82 Jahre alt.

Abba Naor muss bereits in frühester Jugend die Unmenschlichkeit und Grausamkeit der Minderwertigkeit, Ausgrenzung und Vernichtung durch den nationalsozialistischen Terror in seiner Heimat Litauen erfahren. Er wird von seiner Familie getrennt und erlebt immer wieder, wie Bekannte und Vertraute umkommen. Über die verzweifelten Versuche des Überlebenskampfes in den Ghettos in Kaunas, der täglichen Begegnung mit dem Tod und den mörderischen Transporten von Lager zu Lager bis nach Dachau berichtete er – ebenso ruhig wie emotional wie fesselnd – genauso wie über die allein rettende Überlebensstrategie: Organisieren und Solidarisieren. Wie ein Roter Faden zieht sich durch seine Biografie das Zusammentreffen lebensrettender Umstände, also Unwägbarkeiten und Zufälligkeiten, weswegen er auch heute noch davon berichten kann – er wird Zugfahrer, die Gleistrasse quert Rübenfelder (er sagt, er verabscheue Rüben, aber damals…), er wird als Fahrer abkommandiert, die Versorgung der SS mit Nahrung und Genussmittel zu bewerkstelligen. Er kommt dort hin, wo die Schweine gemästet und ausreichend mit Kartoffeln im Trog gefüttert werden – was den KZ-Häftlingen nicht zusteht, aber der Trog hier ist offen … . Nach einem letzten, unvorstellbar lebensvernichtenden, Einsatz im Außenlager Kaufering/Landsberg endet sein Leidensweg nach einem der berüchtigten »Todesmärsche« von Dachau in die propagierte »Alpenfestung« im Morgengrauen des 2. Mai 1945 in Waakirchen: er wacht auf – die SS-Wachmannschaft ist verschwunden.

ABBA NAOR unterlegt seine Ausführungen mit einer Fülle von Bildern und Dokumenten, macht die Beklemmung der Lebenslagen von Kaunas bis Dachau bzw. Waakirchen plastisch. Er nennt die Namen und zeigt die Bilder der Täter, soweit es ihm möglich ist. Als »displaced person« verbringt er noch einige Zeit in München, um dann nach Israel auszuwandern. Sein Vater, der neben ihm allein Überlebende der Familie, bleibt in München und lebt hier bis zu seinem Tod. Nach vielen Jahren erst kann sich ABBA NAOR dazu durchringen, mit seinem Schicksal in die Öffentlichkeit zu gehen und politische Präventionsarbeit zu leisten. Seine heutige »Mission« besteht darin, vor allem Kindern und Jugendlichen in den Schulen seine leidvollen Erlebnisse der nationalsozialistischen Zeit nahezubringen, aufzuklären und ihnen den hohen Wert von Toleranz und Gleichwertigkeit aller Menschen zu vermitteln.