Partizipation im Jugendverband – Anregungen für eine aussichtsreiche Praxis

Geschrieben von Theresa Riechert (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 31. Dezember 2009 unter <http://www.politische-bildung-schwaben.net/2009/12/partizipation-im-jugendverband-anregungen-fur-eine-aussichtsreiche-praxis/>
Abgerufen am 25. Oktober 2014 um 05:25 Uhr

Partizipation ist ein konstitutiver Bestandteil der Jugendverbandsarbeit, der sich sowohl in der Tradition, dem heutigen Selbstverständnis, dem gesetzlichen Auftrag, als auch nicht zuletzt in der Praxis finden lässt. Aber diese Beteiligung findet oftmals im »Verborgenen« statt und wird von den Handelnden selbst meist nicht bewusst wahrgenommen. Insbesondere wenn man die mehreren »Dimensionen« der Partizipation betrachtet, so ist festzustellen, dass bislang die politische Partizipation im Zentrum steht und die Potenziale einer pädagogischen und pädagogisch-politischen Partizipation nur unzureichend reflektiert und nach Außen vertreten werden. Der vorliegende Artikel möchte die unterschiedlichen Dimensionen und ihre jeweiligen Potenziale herausstellen um der vielfach gelebten Partizipation die angemessene Aufmerksamkeit zukommen zu lassen und eine Diskussion über weitere Unterstützungsmöglichkeiten anzuregen.

Partizipation – politisch, pädagogisch, unpräzise?

Was bedeutet eigentlich Partizipation? Was Partizipation von Kindern und Jugendlichen? Diese Fragen lassen sich nicht einfach beantworten, was insbesondere an einer unpräzisen und vielfältigen Verwendung des Begriffs liegt. Will man es aber versuchen, dann bieten sich einige Kriterien an, die zumindest etwas Klarheit schaffen können:

  • Partizipation ist zuvörderst ein Recht von Kindern und Jugendlichen
  • Partizipation beinhaltet die Abgabe von Gestaltungsmacht, wie beispielsweise der DBJR betont
  • Partizipation beruht auf Freiwilligkeit
  • Partizipation heißt auch Verantwortungsübernahme: wer sich beteiligen will, muss auch zur Verantwortungsübernahme (in größerem oder geringerem Maße) bereit sein
  • Partizipation braucht Qualifikation: wer andere beteiligen will, braucht dazu entsprechende Kompetenzen und Wissen

Darüber hinaus ist es sinnvoll, zwischen einer pädagogischen und einer politischen Partizipation zu unterscheiden, wie Christian Lüders dies tut. Die Merkmale sind für beide Arten dieselben, allerdings unterscheiden sie sich hinsichtlich ihrer Zielsetzung: Während die pädagogische Partizipation im Sinne eines Bildungsauftrags auf das Erleben und Erlernen von Partizipation abzielt, beabsichtigt die politische Partizipation die Interessensvertretung nach »Außen«, also in Gesellschaft und Politik. Beide Arten sind gleichbedeutend, die pädagogische Partizipation schafft die Voraussetzungen für die politische, und gerade die Jugendverbände bieten einen Raum für diese Verknüpfung.

Partizipation in Jugendverbänden – drei Dimensionen, viele Potenziale

Wenn man an Partizipation hinsichtlich der Jugendverbände denkt, so fällt zunächst der Blick auf die Ermöglichung einer Interessensvertretung der Jugendlichen, auf einen zweiten Blick jedoch zeigt sich, dass Partizipation auf mehrdimensionale Weise erfolgt: in den Jugendgruppen, in den Strukturen der Jugendverbände und aus der Jugendverbandsarbeit heraus.

(1) Partizipation innerhalb der Jugendgruppe (als pädagogische Partizipation)

Partizipation innerhalb der Jugendgruppen beinhaltet die gemeinsame Planung von Unternehmungen und die Beteiligung der Kinder und Jugendlichen an Entscheidungen in der Gruppe. Die eigenen Interessen können eingebracht werden, Entscheidungen beeinflusst und Planungen gestaltet werden. Hier kann Partizipation in einem pädagogischen Sinne erfolgen, wobei dies sowohl von den Jugendleitern, als auch den Teilnehmern oft nicht als partizipativ wahrgenommen wird.

(2) Partizipation innerhalb der Strukturen der Jugendverbände (als pädagogisch-politische Partizipation)

Jugendverbände bieten darüber hinaus die Möglichkeit, durch die Belegung von Ämtern seine Interessen und die Interessen der Gruppe zu vertreten, sei es beispielsweise auf lokaler, oder Landesebene. Diese Partizipationsform entspricht in gewisser Hinsicht einer Mischung aus pädagogischer und politischer Partizipation: einerseits findet sie in einem »geschützten« Rahmen statt, andererseits sind die Strukturen explizit für die Regelung von Interessenskonflikten geschaffen und die Jugendlichen haben ein Mandat inne, das sie mit der Interessensvertretung beauftragt.

(3) Partizipation aus dem Jugendverband heraus (als politische Partizipation)

Diese Form ist der politischen Partizipation zuzurechnen: es handelt sich um die Interessensvertretung, die die Jugendverbände auf unterschiedlichen politischen Ebenen für Kinder und Jugendliche leisten.

Diese unterschiedlichen Partizipationsmöglichkeiten stellen ein bedeutsames Setting für Partizipation dar: Die eigene Beteiligung, die Wirksamkeit der eigenen Interessensvertretung und die Möglichkeiten einer gemeinsamen Entscheidungsfindung werden im konkreten Lebenszusammenhang erlebt und Kompetenzen dafür erlernt. Beginnend in den einzelnen Jugendgruppen lässt sich der Lernprozess durch Einbringung in den Verbandsstrukturen fortführen und die erlernten Fähigkeiten können auf je höherer Ebene erprobt und ausgebaut werden. Somit wird ein fließender Übergang von (eher) pädagogischer zu (eher) politischer Partizipation geschaffen, der nicht nur dem Recht der Kinder und Jugendlichen auf Beteiligung gerecht wird, sondern auch vielfältige Lernchancen für ein Leben in einer demokratischen Gesellschaft bereithält.

Warum das Ganze? Unterstützung einer aussichtsreichen Praxis

Man kann sich nun natürlich fragen, warum es einer Auseinandersetzung mit Partizipation in Jugendverbänden überhaupt bedarf, wenn sie doch in Tradition, Selbstverständnis und Praxis bereits verankert ist. Ein Grund hierfür wurde bereits genannt: die Partizipation geschieht oftmals unbewusst, eher aus einem »Habitus der Jugendarbeit« heraus. Darüber hinaus wird von den Handelnden selbst oftmals kein Zusammenhang zwischen ihrem eigenen Tun und einer (politischen) Partizipation gesehen. Das führt dazu, dass Partizipation zwar oftmals schon »gelebt« wird, allerdings durch einen Mangel an Reflexion die eigentlichen Potenziale nicht gänzlich ausgeschöpft werden. Deshalb möchte dieser Beitrag eine Diskussion über Partizipation in Jugendverbänden anregen, die sich die unterschiedlichen Partizipationsdimensionen vergegenwärtigt, die bereits gelebte Partizipation identifiziert und ins Bewusstsein rückt und dementsprechend die eigene Praxis selbstbewusster in der Öffentlichkeit vertritt. Es bräuchte nicht viel, um die bereits aussichtsreiche Praxis dabei zu unterstützen, ihre Partizipationspotenziale umfassend zu nutzen.