Alter Wein in dünnen Schläuchen? Der »Bundesfreiwilligendienst« kommt…
Veröffentlicht am 20. Dezember 2010 unter <http://www.politische-bildung-schwaben.net/2010/12/bundesfreiwilligendienst/>
Abgerufen am 23. Februar 2012 um 07:37 Uhr

Deutschland steht vor dem historischen Schritt zur Aussetzung der allgemeinen Wehrpflicht nach mehr als 50 Jahren. Damit endet auch der Zivildienst in seiner bisherigen Form, zuletzt von neun auf sechs Monate verkürzt. Stattdessen wird es einen neuen »Bundesfreiwilligendienst« für gemeinnützige Tätigkeiten geben, offen für alle nicht mehr schulpflichtigen Bürgerinnen und Bürger (auch Frauen und Senioren als Zivi-Ersatz), der die Folgen des Endes der Wehrpflicht für die Sozialverbände abfedern soll. Um die genaue Ausgestaltung gibt es aber Streit: Weil es in der Verantwortung der Länder bereits Freiwilligendienste wie das Freiwillige Soziale und das Ökologische Jahr gibt, sind die neu entstehenden Doppelstrukturen strittig. Nach dem »Entwurf eines Gesetzes zur Einführung eines Bundesfreiwilligendienstes« (16.11.2010) führt »die faktische Aussetzung der Wehrpflicht (…) zur faktischen Aussetzung des Wehrersatzdienstes Zivildienst und damit zu negativen Effekten auf die Engagementmöglichkeiten junger Männer und die vom Einsatz der Zivildienstleistenden unmittelbar profitierende soziale Infrastruktur. Ziel dieses Gesetzes ist es, diese negativen Effekte zu minimieren, auch zukünftig möglichst viele Menschen die positive Prägung sozialen Engagements erfahren zu lassen und die Möglichkeit zu erhalten, den Zivildienst als Wehrersatzdienst im Bedarfsfall wieder aktivieren zu können.« Viele Soziale Dienste befürchten aber, dass in Zukunft ihr Angebot noch mehr leiden wird. In den vergangenen Jahren mussten Soziale Dienste immer wieder notdürftig Löcher stopfen. Sich auf alte und behinderte Menschen einzulassen braucht Zeit, Vertrauen und Verlässlichkeit. Auch andere Hilfsdienste wie das THW sorgen sich um den Nachwuchs. Derzeit absolviert etwa jeder Dritte der rund 42.000 aktiven Helfer seinen Wehrersatzdienst beim Katastrophenschutz; mindestens vier Jahre lang müssen sie dazu mehrmals im Monat Dienstabende besuchen sowie an Übungen und Einsätzen teilnehmen. Mit Aussetzung der Wehrpflicht entfällt auch die Pflicht zu diesem Ersatzdienst. Können freiwillig Engagierte für diese Dienste quantitativ und qualitativ für ausreichend Ersatz sorgen? Was ändert sich 2011 grundsätzlich, welche Auswirkungen sind vom Aus des Zivil-/Ersatzdienstes zu erwarten, wohin geht es mit den Freiwilligendiensten?
Diese offenen Fragen hat der Bezirksjugendring Schwaben zum Anlass genommen, um seine Mitgliedsverbände und Jugendringe bei der Ausschusssitzung im November über neue Entwicklungen und ihre möglichen Auswirkungen auf die Jugendarbeit zu informieren. Dazu machte Tina Muck, BDKJ-Diözesanvorsitzende in der Erzdiözese Bamberg und Referentin für die Freiwilligendienste, grundlegende Ausführungen: Bisher gibt es in Deutschland drei bedeutsamen Formen von Freiwilligendiensten:
- das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ),
- das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ) und
- den Weltfreiwilligendienst »weltwärts«, in Verantwortung des Entwicklungsministeriums BMZ.
Daneben gibt es noch einen »Freiwilligendienst aller Generationen«, einen »Europäischen Freiwilligendienst«, einen »Internationalen Freiwilligendienst« (Familienministerium) und »Kulturweit« (Auswärtiges Amt). Nach dem Gesetz zur Förderung von Jugendfreiwilligendiensten (2008) haben die erstgenannten Dienste den Charakter eines Bildungs- und Orientierungsjahres für junge Menschen bis 27 Jahre in sozialen und ökologischen Einrichtungen. Zurzeit sind in Bayern rund 3.000 FSJ-ler bei 19 verschiedenen Trägern aktiv, bundesweit sind es etwa 35.000. Sie arbeiten in Krankenhäusern, Institutionen der Jugendhilfe, Alten- und Pflegeheimen, Kindertagesstätten, Ganztagsschulen, Werkstätten für behinderte Menschen und Sozialstationen. Im FÖJ engagieren sich in Bayern etwa 200 Jugendliche im Natur- und Umweltschutz, d.h. in Landwirtschaft und Gartenbau, in Forstämtern, im KLimaschutz, in der Umweltbildung und im ökologischen Lernen. Der Weltfreiwilligendienst »weltwärts« ist ein Bildungs- und Orientierungsjahr im entwicklungspolitisch-globalen Zusammenhang in Einsatzgebieten wie Bildung, Gesundheit, Landwirtschaft, Umweltschutz, Demokratieförderung und Jugendarbeit.
Der neue »Bundesfreiwilligendienst« für gemeinnützige Tätigkeiten soll nun ab Juli 2011 die bisherigen Formen nicht ersetzen, sondern ergänzen und auf alle Generationen ausgeweitet werden. Seine Dauer ist auf zwölf bis 24 Monate angelegt, für Ältere ist auch Teilzeit (mindestens 20 Stunden) möglich. Neben Unterkunft, Verpflegung und Dienstkleidung sollen die Dienstleistenden bis zu 330 Euro »Taschengeld« erhalten. Die Bundesregierung hofft auf 35.000 Freiwillige pro Jahr. Da für den neuen Dienst auch alle Träger des FSJ zugelassen sein werden, werden wohl erhebliche Veränderungen gerade beim FSJ nicht ausbleiben. Entsteht ein Wettbewerb um die Attraktivität bei der Entscheidung, sich freiwillig zu engagieren? Wie werden die Träger und Einrichtungen die Plätze, die unterschiedlich bezuschusst werden, neu verteilen?
Bei der Aussprache über die zu erwartenden Konsequenzen dieser grundlegenden Strukturreform äußerten die BezJR-Mitglieder starke Bedenken und ernsthafte Sorgen: kann der neue Bundesfreiwilligendienst nicht vielleicht als »arbeitsmarktpolitisches Steuerungsinstrument« bzw. als »soziales Auffangbecken« für Ältere und Arbeitslose missbraucht werden? Ebenso besteht die Befürchtung, dass es zu einem ungleichen Wettbewerb zwischen dem neuen Freiwilligendienst und dem FSJ kommt: warum wird vom Bund eine eigene Struktur aufgebaut, FSJ und FÖJ gehören zum Hoheitsbereich der Länder? Entwickelt sich der Bundesfreiwilligendienst zu einem ernsthaften Konkurrenten des traditionellen Ehrenamtes, muss man mit einem »Zweiklassensystem im Ehrenamt« rechnen? Ungeachtet dieser offenen Fragen wurde begrüßt, dass jungen Menschen grundsätzlich die Möglichkeit einer freiwilligen Bildungs- und Orientierungsphase geboten wird. Nur sollte dieses Angebot und diese Chance der Persönlichkeitsentwicklung v.a. in den Schulen noch vehementer propagiert werden.
Mag sich auch die Landkarte der Freiwilligendienste verändern – das ist zu erwarten -, so bleibt doch ein sozialpolitisches Strukturproblem unserer »Republik der Freiwilligen« ungelöst: 36 Prozent der Deutschen engagieren sich ehrenamtlich, ohne sie käme das soziale Leben wohl zum Erliegen. »Der Staat kann sich auf seine Zivilgesellschaft verlassen – und das weiß er auch. Das hat manchmal sogar eine zynische Konsequenz. Ausgerechnet der ehrenamtliche Kampf gegen Missstände kann Missstände noch zementieren. Exemplarisch dafür ist die Tafelbewegung, deren Mitarbeitern oft genau das vorgeworfen wird: Der Staat muss nicht grundsätzlich gegen Armut und Hunger vorgehen, weil er sich auf die Tafeln verlassen kann. Ähnliche Nachteile haben auch die Freiwilligendienste« (Charlotte Frank: »Republik der Freiwilligen«. In: Süddeutsche Zeitung 268 vom 19.11.2010).
