Sag’ zum Zivi leise Servus. Ein Nachruf.

Geschrieben von Lisa Bundlechner (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 20. Dezember 2010 unter <http://www.politische-bildung-schwaben.net/2010/12/zivildienst-bundesfreiwilligendienst/>
Abgerufen am 23. Februar 2012 um 07:38 Uhr
Zivi

Eigentlich sollte hier ein ganz anderer Artikel stehen; an dieser Stelle wollte ich »Zivisteckbriefe« veröffentlichen. Ich dachte mir, es interessiert Sie sicher, was Zivildienstleistende von der Abschaffung des Wehr- und Zivildienstes halten. Also entwarf ich einen »Steckbrief« und versandte ihn an verschiedene Einrichtungen in Schwaben mit Zivi-Plätzen. Das Resultat war erschreckend: Ich bekam nur eine Antwort.

Schlechte Recherche und zu wenig Nachdruck? Ich glaube, die Gründe, sind ganz andere. Bei einem Telefonat mit einer Zivildienst-Stelle erhielt ich folgende Antwort: »Eine sehr gute Idee! Ich finde es wichtig, zu zeigen, was Zivildienstleistende leisten, aber ich kann Sie unseren Zivi nicht interviewen lassen! Er macht hier nämlich Arbeiten, für die er gar nicht angestellt ist. Wirklich, wir sind ohne unseren Zivi aufgeschmissen, aber rein rechtlich darf er gar nicht tun, was er für uns tut!«

Naja, eigentlich egal, oder? Der Zivildienst wird ohnehin abgeschafft und die Problematik, dass Zivis in Einrichtungen Dinge tun, die sie rechtlich gar nicht machen dürften, wird sich damit wohl auch geben. Nur, wer übernimmt denn dann die Aufgaben?

Die Bundesregierung hat darauf eine klare Antwort: Der neue Bundesfreiwilligendienst wird auf alle Generationen ausgeweitet. Junge wie auch ältere Freiwillige können sich in Zukunft gegen Unterkunft, Verpflegung und ein kleines »Taschengeld« ein halbes bis ein Jahr lang, in Einzelfällen sogar bis 24 Monate, freiwillig engagieren. Wie viele sich wirklich für diesen Dienst entscheiden und ob der Bedarf an »freiwilligen und billigen« MitarbeiterInnen damit in den einschlägigen sozialen Einrichtungen Deutschlands gedeckt werden kann, steht bislang noch in den Sternen.

Was mit einer Abschaffung des Zivildienstes allerdings unter den Tisch fällt, lässt sich heute schon sagen: unsere Zivildienstleistenden gehörten wohl zu den friedliebendsten, flexibelsten und spontansten Arbeitskräften im Land. Welche Hausfrau und Mutter, die sich mit 40 für ein halbes Jahr Freiwilligendienst entscheidet, ist so mobil, einfach mal den Wohnort zu wechseln, Schichtdienst zu übernehmen oder auch nachts und am Wochenende zu arbeiten?

Ich erinnere mich beispielsweise an meine Oma, die nach einem Krankenhausaufenthalt stets begeistert von den vielen netten Zivis erzählte, die sie behutsam im Rollstuhl zu den Untersuchungen fuhren. Ich denke, dass gerade in Einrichtungen wie Pflege- und Seniorenheimen, Krankenhäusern, Behindertenfahrdiensten u. ä., wo es alte oder behinderte Menschen zu betreuen gilt, die jugendliche Ausstrahlung unserer Zivis nicht durch den geplanten Bundesfreiwilligendienst kompensiert werden kann. Sicher steht der Dienst auch jungen Menschen weiterhin offen, aber sind wir doch einmal realistisch: Welcher Schulabgänger arbeitet denn für 350 Euro im Monat Vollzeit, wenn er eine Ausbildung oder ein Studium machen kann? So wird meine Oma wohl in Zukunft auf den netten jungen Mann verzichten müssen, der sie im Rollstuhl herum schob, und sich bloß auf die ohnehin überlasteten Krankenschwestern verlassen müssen.

Haben Sie sich auch schon einmal überlegt, welche Kompetenzen mit dem Wegfall des Zivildienstes verloren gehen? Viele junge Männer schoben den Zivildienst hinter ihre Ausbildung, als Schreiner, Tischler, Automechaniker, Elektriker, … etc. Unabhängig von den neuen Ideen und der völlig anderen Vorgehensweise, die die jungen Zivis mit an ihre Arbeitsstelle brachten, gehen damit auch noch zusätzliche Ressourcen verloren. Junge Schulabgänger haben zum Beispiel im Normalfall kein Problem damit, eine Powerpoint Präsentation zu erstellen, etwas bei Google zu suchen, oder eine Homepage zu bearbeiten. Damit könnten sich ältere Freiwillige, die nun mal zu den »digitalen Einwanderern« gehören, eher schwer tun.

Zum Schluss möchte ich doch noch Zivis zu Wort kommen lassen, nämlich Raphael und Philipp, beide 20 Jahre alt, die in einer Jugendbildungsstätte in Schwaben arbeiten:

Warum habt Ihr Euch für den Zivildienst entschieden?

  • Nicht für den Zivildienst, sondern gegen die Bundeswehr!
  • soziales Engagement, persönliche Reifung, neue Erfahrungen
  • Nähe zum Wohnort
  • keine elitäre Einheit

Was sind Eure Aufgaben?

  • Küchendienst (Spüldienst, Reinigung Speisesaal)
  • Hausmeisterei (Arbeiten aller Art im und ums Haus)
  • Büro (organisatorische Assistenz).

Was würde passieren, wenn es Eure Stelle nicht mehr gäbe?

  • Es würde mehr Arbeit auf weniger Personal fallen, was zur Folge hätte, dass die zurzeit sehr gute Gästebetreuung gekürzt werden muss! Arbeiten würden länger aufgeschoben, Stress steigt, Moral sinkt, Arbeitsklima verschlechtert sich….
  • Überstunden des Personals häufen sich
  • Verschiebung der hausinternen Hierarchie des Personals