Die Akademie für Politische Bildung Tutzing – ein “Kraftzentrum” für die politische Bildungsarbeit

Geschrieben von Ursula Münch (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 28. November 2012 unter <http://www.politische-bildung-schwaben.net/2012/11/akademie-fuer-politische-bildung-tutzing-ein-kraftzentrum-fuer-die-politische-bildungsarbeit/>
Abgerufen am 23. Januar 2018 um 05:13 Uhr

Der Name ist zugegeben etwas sperrig: Akademie für Politische Bildung Tutzing. Kein Wunder, dass nicht nur Taxifahrer und Journalisten gern auf „Politische Akademie“ verkürzen. Politisch ist die Akademie tatsächlich. Beschäftigen sich die Direktorin und die insgesamt neun wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schließlich mit grundsätzlichen und aktuellen Fragen bundesdeutscher und bayerischer Politik, der Demokratie als Lebens- und Herrschaftsform, der Verfassungs- und Rechtspolitik – aber auch mit Aspekten der Philosophie und Zeitgeschichte sowie mit Fragen der Ökonomie und Ökologie. Und doch wurde der Bezug auf die politische Bildung im Gründungjahr der Akademie 1957 mit Bedacht gewählt: Das eigens erlassene Gesetz des Bayerischen Landtags umschreibt den Auftrag: Die Akademie dient „der Festigung des Gedankengutes der freiheitlich-demokratischen Staatsordnung.“

Die Gründer der Akademie, zu denen Hans-Jochen Vogel und Hildegard Hamm-Brücher gehörten (von ihr stammt die Zuschreibung als „geistig-pädagogisches Kraftzentrum für die gesamte politische Bildungsarbeit“), waren bewegt von der Sorge um die Demokratie und deren unzureichende Verankerung im Volk. Ihre Antwort auf diese Diagnose bestand darin, eine Akademie mit gesetzlich garantierter Unabhängigkeit zu schaffen und dafür zu sorgen, dass die Akademie für Politische Bildung ihre Arbeit an einem besonders attraktiven Ort – direkt am Ufer des Starnberger Sees – aufnehmen konnte.

Die Akademie dient zum einen als Stätte der Weiterbildung für all diejenigen, die zur politischen Meinungsbildung beitragen, also etwa für Lehrkräfte und Journalisten. Zum anderen bietet die Akademie für Politische Bildung allen Verantwortlichen aus Politik, Medien, Bildung und Wissenschaft die Gelegenheit zum fachlichen Austausch. Neben diesen „Multiplikatoren“ bestand der Kernauftrag der Akademie für Politische Bildung von Anfang auch darin, die interessierten Staatsbürger zu erreichen und zu Tagungen und Seminaren entweder in die Akademie selbst oder auch zu Außenveranstaltungen einzuladen – etwa zum „Akademiegespräch im Bayerischen Landtag“.

Seit meinem Amtsantritt im November 2011 setzt sich die Akademie für Politische Bildung noch intensiver denn je mit den neuen Herausforderungen an die politische Bildung auseinander. Diese ergeben sich zum einen aus den Veränderungen der Politik, etwa durch die Europäisierung und Globalisierung sowie die wachsende Distanz eines größer werdenden Teils der Bevölkerung gegenüber der Politik. Zum anderen wird die politische  Bildung auch durch die Veränderung ihres Adressatenkreises herausgefordert: Der Anteil der alten Menschen in unserer Gesellschaft wächst kontinuierlich, die Jungen werden weniger werden. Doch gerade weil ihr quantitatives Gewicht zurückgehen wird, müssen die jungen Menschen – egal ob ihre Familien schon lange in der Bundesrepublik leben oder erst seit einer Generation – ein starkes Interesse daran haben, Argumente inhaltlich fundiert nach außen zu tragen und sich im politischen Prozess Gehör zu verschaffen. Politische Bildung kann maßgeblich dazu beitragen, junge Menschen entsprechend zu motivieren und zu befähigen. Gerade ihnen ist die Erfahrung zu vermitteln, dass sie durch ihr Engagement und ihr Verhalten aktiv dazu beitragen können, wie diese Gesellschaft in Zukunft aussehen wird. Demokratielernen beginnt also bereits in der Schule oder auch im Verein und setzt sich im Rahmen der unterschiedlichen Formen der Erwachsenenbildung fort. Dabei gilt: Patentrezepte für die verschiedenen Gruppen von Adressaten sind weder möglich noch sinnvoll. Eine stärkere Differenzierung der Angebote und damit auch der Vermittlungsformen politischer Bildung erscheint erforderlich: Nicht nur die Erwartungshaltung und die Ansprüche der Adressaten politischer Bildung entwickeln sich auseinander,  sondern gerade auch die Rezeptionsgewohnheiten, Kompetenzen und der persönliche Hintergrund. Politische Bildung hat die Aufgabe, spezifische Methoden und eigenständige Formen der Vermittlung zu entwickeln, um auch die Menschen anzusprechen und zur Teilhabe zu motivieren, die eher im politikfernen Leben und Denken verharren bzw. dorthin gelangt sind. Veränderte Nachfrage und Nutzungsgewohnheiten gerade auch der nachwachsenden Generation sowie die Auswirkungen der Digitalisierung von Politik machen die Stärkung zum Beispiel von online-Vermittlungsformen notwendig. Das Internet als das Jugendmedium schlechthin muss stärker als bisher zur Plattform der politischen Bildung werden. Und schließlich müssen die Angebote der Politischen Bildung dazu beizutragen, dass die verschiedenen Zielgruppen – Alte, Junge, Migranten, Arbeitslose und Erwerbstätige, Christen und Andersgläubige – stärker ins Gespräch kommen als bisher. Nur so lässt sich der Leim anrühren, der die Gesellschaft zusammenhält. Und: Ohne Kommunikation keine Integration und keine Teilhabe.

Gerade für junge Menschen in der Ausbildung hat die Akademie für Politische Bildung ihre Kompetenz in Sachen Politiksimulationen deutlich erweitert: Zusätzlich zu den bereits stattfindenden Planspielen etwa im Bereich Einwanderungspolitik und Umgang mit Rechtsextremismus wurde innerhalb der Akademie eine eigene Europapolitiksimulation u.a. für Schulklassen entwickelt. Die Teilnehmer schlüpfen dabei in die Rolle von Mitgliedern des Ministerrates und des Europäischen Parlaments und verhandeln – unter inhaltlicher und prozeduraler Anleitung –  über eine EU-Richtlinie.

Auch diese Politiksimulation dient damit dem meines Erachtens zentralen Ziel, das Handlungs- und Orientierungswissen auszubauen und vor allem die politische Urteilskraft der Bürgerinnen und Bürger zu stärken.

Die Akademie für Politische Bildung Tutzing wird ihr Profil als renommierte, wissenschaftlich fundierte Einrichtung, an der geforscht und auf sehr hohem fachlichen Niveau doziert und diskutiert wird, weiter schärfen; und sie wird gleichzeitig ein Ort sein, den die genannten neuen Adressatengruppen zur Ausgangs- oder Zwischenstation ihrer eigenen Reise in die fordernde Welt der politischen Mitsprache und Teilhabe machen können.

Informationen über die Akademie für Politische Bildung, die dort stattfindenden Tagungen und Seminare sowie unsere Kooperationspartner sind zu finden unter:

http://www.apb-tutzing.de/ (http://www NULL.apb-tutzing NULL.de/).