Interview zum Projekt »Barriere(LOS) – geht's«

Geschrieben von Sibylle Ulbrich (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 28. Februar 2013 unter <http://www.politische-bildung-schwaben.net/2013/02/interview-zum-projekt-barrierelos-gehts/>
Abgerufen am 24. November 2017 um 01:14 Uhr

Zum Projekt »Barriere(LOS), des Stadtjugendrings Kempten, hat unsere Mitarbeiterin Sibylle Ulbrich Herrn Stefan Keppeler interviewt.

Stefan Keppeler: 36 Jahre, 2 Kinder, Key-Account-Manager, Vorsitzender des Stadtjugendring Kempten K.d.ö.R. mit 3 Jugendzentren und zahlreichen Projekten mit insgesamt ca. 40 Mitarbeiter, Jugendschöffe am Landgericht Kempten.

Sibylle Ulbrich: 42, Jahre, 2 Kinder, Handwerksmeisterin, Studentin der Sozialen Arbeit, KSFH München – Abt. Benediktbeuern, Studienschwerpunkte: Umwelt- und Kulturpädagogik, Inklusion und Gemeinwesenarbeit.

PBS: Herr Keppeler, 2012 hat der Stadtjugendring Kempten mit vielen Jugendlichen und Kooperationspartnern das Projekt »Barriere(LOS) – geht´s« im Stadtteil Sankt Mang durchgeführt. Sie haben das gesellschaftspolitisch hochaktuelle Thema »Inklusion« auf recht innovative und kreative Weise ins Bewusstsein der Kemptner Bevölkerung gebracht. Mit ihrem Konzept und der engagierten Umsetzung konnten Sie auch die Jury des Wettbewerbs »Volle Energie 2012« überzeugen und den 1.Preis entgegennehmen. Mit einigen Fragen zum Rahmen und zum Ablauf, möchten wir ihr Projekt näher vorstellen und das Interesse für Nachahmer wecken.

Herr Keppeler, wie sind Sie auf die Idee für dieses Projekt gekommen?

Keppeler: Unser Jahresthema für 2012 war Respekt. Der Stadtjugendring arbeitet dann mit seinen ganzen Einrichtungen, aber auch mit seinen Jugendverbänden in diesem Bereich. Zum Thema Respekt gehört aus unserer Sicht auch das Thema Inklusion. Daher haben wir versucht ein eigenes Inklusionsprojekt zu kreieren. In einer Arbeitsgruppe haben wir alle Möglichkeiten analysiert, immer mit dem Schwerpunkt der Synergie und mit dem Richtziel ein wirklich inklusives Projekt zu gestalten, das Begegnungsräume schafft und auch nachhaltig wirkt. Wir wollten auch ein Netzwerk implementieren.

PBS: Das hört sich interessant an, können Sie noch näher beschreiben, welcher Motivation Sie gefolgt sind, und welche Erwartungen, bzw. Ziele Sie hatten?

Keppeler: Wie oben beschrieben, war synergetisch nachhaltiges, pädagogisches Arbeiten, gepaart mit der Schaffung von Begegnungsräumen, unsere Hauptintention. Darüber hinaus war es uns wirklich wichtig, an die Bedürfnisse und Interessen der Zielgruppe anzusetzen. Unsere größte Herausforderung – daher auch unser Ziel – war es, junge Menschen mit und ohne Behinderung im sozialräumlichen Kontext an einem gemeinsamen Projekt arbeiten zu lassen.

PBS: Sie sprachen auch davon, ein Netzwerk einrichten zu wollen. Um im sozialräumlichen Kontext an einem gemeinsamen Projekt zu arbeiten, sind Kooperationspartner sicher sehr wichtig. Wie haben Sie diese Kooperationspartner gefunden und vor allem überzeugt?

Keppeler: Wir sind alle relevanten Projektpartner in Kempten durchgegangen und sind auf ein großes Unterstützungsreservoir getroffen. Wir wurden mit offenen Armen, speziell vom Verein der Körperbehinderte und von der Wohngruppe Denzlerpark aufgenommen. Das Jugendzentrum Sankt Mang war von der Idee auch wirklich angetan und es ging eher schnell darum: »Wie können wir ein gemeinsames Projekt angehen?« Was uns besonders freute war, dass die Robert-Schuman-Mittelschule das Projekt auch umfänglich unterstützte und begleitete.

PBS: Inklusion wird häufig mit Integration verwechselt. War ein Grundwissen über Inklusion bei den Kooperationspartnern und bei Ihren Mitarbeitern bezüglich Inklusion vorhanden, oder mussten Sie Aufklärungsarbeit leisten?

Keppeler: Wir hatten von beiden Seiten aus eigentlich keine rechte Vorstellung was uns erwartet und hatten selbst auch nur geringes Vorwissen. Die Träger im Bereich der Hilfe für Menschen mit Behinderung mussten die Möglichkeiten und Grenzen der offenen Jugendarbeit verstehen lernen. Wir mussten den Umgang mit Menschen mit Behinderungen, ihre Möglichkeiten aber auch ihre Einschränkungen internalisieren.

PBS: Damit haben Sie sozusagen schon bei der Vorbereitung voneinander gelernt, mussten quasi inklusiv denken und sich in die Kooperationspartner hineinversetzten. Das ist bestimmt nicht immer leicht. Wie sind Sie dabei vorgegangen? Hatten Sie Unterstützung? Haben Sie mit Literatur / Handbüchern gearbeitet? Ich denke da z.B. an »Inklusion vor Ort« (Der Kommunale Index für Inklusion – ein Praxishandbuch)

Keppeler: Wir haben uns grundsätzlich informiert, hier aber auch einiges im Internet recherchiert. Wir wurden fachlich vor allem auch von den Profis aus dem Bereich der Behindertenhilfe vollumfänglich unterstützt.

PBS: Damit war eine erste Hürde ja schon geschafft. Auf welche weiteren Schwierigkeiten sind Sie bei der Initiierung des Projektes gestoßen?

Keppeler: Aufgrund einer umfänglichen Unterstützung durch die Aktion Mensch, durch die Schule, durch die Träger der Behindertenhilfe und durch ein klares Vorstandsmandat gab es keine Schwierigkeiten. Die größte Herausforderung war sicher die Jugendlichen ohne Behinderung für dieses Projekt zu gewinnen und vor allem während der gesamten Projektdauer zur Teilnahme zu motivieren.

PBS: Mit dieser, wohl auch finanziellen Unterstützung konnten Sie sich letztendlich voll auf die Umsetzung des Projektes konzentrieren. Was Ihnen ja sehr gut gelungen ist. Im Vorwort der Dokumentation schreiben Sie, dass durch das Projekt ein Impuls zur Barrierefreiheit in Kempten gesetzt werden konnte. Gibt es weitere Projekte, die diesem Impuls folgen?

Keppeler: Wir arbeiten aktuell an anderen inklusiven Themen:

  • Integration einer »Rolli-Tanzgruppe« in ein Jugendzentrum
  • Weiterarbeit an den Inklusionsklassen an der Volksschule Kempten Nord
  • Sexuelle Bildung für Menschen mit Behinderung (Projekt: Leben-statt-schweben)
  • Radioarbeit – vielleicht können wir dies auch inklusiv öffnen

PBS: Respekt, da scheint sich was zu bewegen. Sie sprachen davon, dass auch die Barrieren in den Köpfen abgebaut werden müssen, damit gleichberechtigte Teilhabe und Selbstbestimmung nachhaltig verankert werden. Macht sich diese Haltung, im Alltag bemerkbar? Gibt es neue Aktivitäten, Gespräche, Denkanstöße, Erlebnisse, die über den Abbau physischer Barrieren hinausgehen?

Keppeler: Die Durchführung eines solchen Projektes bewegt Menschen. Wir haben bewiesen, dass auch größere pädagogische Projekte im inklusiven Kontext möglich sind. Wir arbeiten daran, dass wir nachhaltige Lösungen finden. Um die Barrieren in den Köpfen abzubauen, sind aber solche Leuchtturmprojekte ein wichtiger Impuls. Inklusion ist auch ein politisches Thema – hier ist es gelungen einen wichtigen Impuls vorzuleben.

PBS: Das hört sich sehr ermutigend an. Oft sind es gerade die politischen Hürden, oder die Sorge davor nicht die nötige Unterstützung zu bekommen, die einen engagierten Start inklusiver Projekte verhindern. Durch den Gewinn des Wettbewerbs »Volle Energie 2012« der LEW ist ihr Projekt weithin bekannt geworden. Sehen Sie sich durch die Initiative als Multiplikator? Haben sich Nachahmer gefunden?

Keppeler: Wir sind offen, allen Einrichtungen der Jugendarbeit und der Behindertenhilfe unseren Konzeptentwurf zukommen zu lassen. Wir haben die Broschüre weiträumig verteilt und auch auf unsere Website (www.stadtjugendring-kempten.de (http://www NULL.stadtjugendring-kempten NULL.de/)) eingestellt. Wir haben aktuell noch keine Anfragen für eine Unterstützung von anderen Projekten erhalten.

PBS: Na dann wird es aber Zeit! Vielleicht kann dieser Beitrag motivieren, Ihre tollen Unterstützungsangebote zu nutzen. Was würden Sie AkteurInnen, die sich für kommunale Inklusion einsetzten wollen, mit auf den Weg geben?

Keppeler: Informiert euch, transferiert eure Informationen in Wissen, schafft durch euer Wissen Bewusstsein und handelt verantwortlich. Ohne Mut wird Inklusion nicht gelingen – Jugendarbeit ist und bleibt ein kreatives innovatives Arbeitsfeld, das sich fortwährend den Anforderungen anpassen muss – denn eines ist sicher, unsere Gesellschaft und vor allem die Kinder und Jugendlichen selbst sind in ständiger Bewegung. Daher ist das einzig stetige der Wandel.

Barriere-los geht's!

PBS: Das ist das perfekte Schlusswort. Ich danke Ihnen recht herzlich für die offenen Worte und interessanten Einblicke. Für ihr beherztes Engagement wünsche ich Ihnen weiter viel Energie und viele Nachahmer, auf dem Weg in eine inklusive Gesellschaft.