Politische Bildung Schwaben: Ein stabiles Netzwerk für die politische Teilhabe junger Menschen

Geschrieben von Malena Schulte-Spechtel (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 27. März 2013 unter <http://www.politische-bildung-schwaben.net/2013/03/politische-bildung-schwaben-ein-stabiles-netzwerk-fuer-die-politische-teilhabe-junger-menschen/>
Abgerufen am 24. November 2017 um 01:15 Uhr

Quelle: KSFH München

Erstmals wurde im Landkreis Ostallgäu – mit viel Erfolg – eine einjährige Fortbildungsreihe für Jugendbeauftragte in Kommunen durchgeführt. Die Fortbildung – als ein Gemeinschaftsprojekt vom Bezirksjugendring Schwaben, dem Kreisjugendring Ostallgäu (KJR), der Kommunalen Jugendarbeit Ostallgäu und unserer Hochschule – ist nur ein Baustein in der außerschulischen Bildungsarbeit des Netzwerks Politische Bildung Schwaben, bei der es darum geht, Jugendliche stärker in politische Prozesse einzubinden. Der Dekan der Sozialen Arbeit in Benediktbeuern, Prof. Dr. Gerhard Kral, der sich seit Jahren in diesem Bereich engagiert, spricht mit Sibylle Thiede (Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit an der KSFH) darüber, was es mit dem Netzwerk auf sich hat und wie sich die (Jugend-)Bildungsarbeit in den letzten Jahren entwickelt hat.

Seit wann und in welcher Form besteht die Kooperation zwischen der KSFH und dem Bezirksjugendring Schwaben?
Gerhard Kral: Wir blicken mittlerweile auf eine elfjährige, stabile Kooperation in der außerschulischen Jugendarbeit. Gemeinsam mit dem Bezirk Schwaben, zwei Gymnasien und der Universität Augsburg haben wir damals das Netzwerk »Politische Bildung Schwaben« gegründet, in dem es vordergründig darum geht, Kommunalpolitik für die jüngere Zielgruppe erlebbar zu machen – auch im partizipativen Sinne. An dem Online-Newsletter unseres Bildungsnetzwerks, der seit 2005 monatlich an einen deutschlandweiten Adressverteiler verschickt wird, schreiben Studentinnen und Studenten der KSFH mit.

Welche Bildungsmaßnahmen prägten die Jahre des gemeinsamen Netzwerks besonders?
Gerhard Kral: In den ersten Jahren lag unser Fokus noch ausschließlich auf der Projektarbeit mit Jugendlichen. Jugendliche und Kinder stehen auch heute noch im Vordergrund. So haben wir beispielsweise2012 im Bezirk Schwaben Energiedetektive geschult. Gemeinsam mit dem Energie- und Umweltzentrum Allgäu gestalteten wir eine Checkliste, in die unsere jugen Detektive Messwerte eintragen konnten, die sie mit Wärmemessgeräten ermittelt haben. Aus diesen Checklisten leiteten wir gemeinsam konkrete Handlungsempfehlungen für Energiesparen ab, mit denen die Kinder und Jugendlichen dann auf die jeweiligen Bürgermeister zugegangen sind. Das war schon ein echter Erfolg, sogar die Presse berichtete. Mittlerweile hat sich unsere Zielgruppe erweitert, wir arbeiten heute auch mit Erwachsenen.

Wie kam es dazu, sich für eine ältere Zielgruppe zu entscheiden?
Gerhard Kral: Wir haben nicht nur das Alter unserer Zielgruppe neu definiert, sondern auch deren politische Ausrichtung. Galten unsere Aktionen und Fortbildung bislang jungen Menschen aus dem nichtpolitischen Bereich, sollten fortan vor allem auch Politiker angesprochen werden. In jeder Kommune gibt es so genannte Jugendbeauftragte, die vom Stadtrat ernannt werden. Wie wir feststellten, sind die Kommunalpolitikerinnen und -politiker oft überfordert mit ihrer neu ernannten Position. Sie kennen die jugendliche Zielgruppe zu wenig, wissen oft nicht, wie und mit welchen Aktivitäten sie auf die Jugendlichen zugehen sollen. Die Jungbürgerversammlungen (JBV), die einmal im Jahr auf kommunaler Ebene veranstaltet werden, ähneln in ihrer Agenda einer regulären Gemeinderatssitzung. Eine Folge davon: Die Jugendlichen fühlen sich nicht angesprochen, ihre Teilnahme bleibt aus. Das Ziel unseres Netzwerks war nun, der Jugendpolitik auch ein jugendgerechtes Gesicht zu geben.

Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Gerhard Kral: Gemeinsam mit zwei Jugendbeauftragten aus den Allgäuer Gemeinden Westendorf und Marktoberdorf erarbeiteten wir 2010 einen Leitfaden für Jungbürgerversammlungen. Nach zweijähriger Vorarbeit, veranstalteten wir im Januar 2012 im Jugendzentrum Marktoberdorf eine Jungbürgerversammlung, bei der die Beteiligung von Jugendlichen – ob bei der Planung, Organisation oder Durchführung – oberste Priorität hatte.

Können Sie hier Beispiele nennen? Was unterschied die Jungbürgerversammlung am Jahresanfang 2012 von anderen?
Gerhard Kral: Wir haben uns bereits in der Vorbereitung an die Jugendlichen von Marktoberdorf gewandt. Die Einladungen wurden von Redakteurinnen der Schülerzeitungen verfasst, die Werbeplakate vom Kunstkurs einer Mittelschule entworfen. Die Moderation der Versammlung übernahmen ein Mädchen und ein Junge aus der Region – zu Beginn ersetzten sie das klassische Grußwort des Bürgermeisters durch ein Interview mit ihm. Das junge Publikum erfuhr, was ihr Bürgermeister samstags macht, ob er das Web 2.0 kennt und wann er das letzte Mal demonstiert hat. Vier große Stellwände, Kärtchen und Pins sorgten dafür, dass die Teilnehmer Wünsche und Anregungen jederzeit einbringen konnten. Ein zentrales Ergebnis der JBV war, dass sich die Mädchen und Jugen in Marktoberdorf eine neue Kneipe  als Treff punkt wünschten. Es fand auch eine auch lebhafte Diskussionsrunde nach der Fishbowl-Methode statt. Eine jugendliche Tanzgruppe gestaltete das Rahmenprogramm.

Wie war die Teilnahme an dem Abend? Wieviele Jugendliche waren anwesend?
Gerhard Kral: Wir sind zunächst von maximal 100 Jugendlichen ausgegangen. Bereits im Vorfeld der Versammlung stellte sich dann heraus, dass die Teilnehmerzahl größer als 200 sein wird. Leider waren die Räumlichkeiten nicht für so viele Menschen ausgelegt – wir durften nicht alle reinlassen.Die polizeiliche Absicherung übernahm die Jugendpolizei.

Wurde der Leitfaden für Jungbürgerversammlungen bereits von anderen Kommunen übernommen?
Gerhard Kral: Die gleichnamige Broschüre, die wir als Handhabung für die Praxis nach der Jungbürgerversammlung veröff entlichten, ist bereits fast vergriff en. Wir haben 600 Exemplare in Druck gegeben, jetzt sind noch circa 80 übrig. Daraus leitet sich ab, dass Bedarfe bestehen – und von einigen Jugendbeauftragten haben wir auch bereits die Rückmeldung, dass sie bei der Umsetzung der JBV nach unserem Leitfaden vorgegangen sind.

Neben dem JBV-Leitfaden gab es nun auch erstmalig eine vierteilige Fortbildung für kommunale Jugendbeauftragte, die von 2011 bis Ende 2012 stattfand.
Gerhard Kral: Ja, an der Fortbildung nahmen insgesamt 25 Kommunalpolitiker und -politikerinnen aus verschiedenen Gemeinden im Ostallgäu teil. Das vierteilige Bildungsangebot hatte als thematische Schwerpunkte die Neuen Medien, Beteiligungsmethoden, Moderation und Projektmanagement. Nicht alle Teilnehmer nahmen die vier Workshop- Angebote wahr. Ein Zertifikat haben all diejenigen erhalten, die entweder an drei oder vier Workshops teilgenommen haben – feierlich übergeben im Marktoberdorfer Landratsamt vom Landrat Johann Fleschhut.

Wird es eine Fortsetzung geben?
Gerhard Kral: Die Fortbildungsreihe ist mittlerweile bayernweit nachgefragt. Wir als Initiatoren hoff en natürlich, dass es in 2014 eine Fortsetzung geben wird.