Schulerfolg über alles?!

Geschrieben von Malena Schulte-Spechtel (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 30. Mai 2013 unter <http://www.politische-bildung-schwaben.net/2013/05/schulerfolg-ueber-alles/>
Abgerufen am 24. November 2017 um 01:14 Uhr

Das Kind denkt

»Eltern – Lehrer – Schulerfolg. Wahrnehmungen und Erfahrungen im Schulalltag von Eltern und Lehrern«, so lautet der Titel der Studie der Katholischen Stiftungsfachhochschule Benediktbeuern, die im Februar diesen Jahres erschienen ist. Die Untersuchung fand im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie der Konrad-Adenauer-Stiftung statt.

Katja Wippermann, eine der Autorinen, war so freundlich und hat uns einige Fragen zu der Studie beantwortet:

Was war der Anlass der Studie?

Die Vorgängerstudie »Eltern unter Druck« aus dem Jahr 2008 hatte schon gezeigt, dass der Bedeutungsanstieg von Schule die Familien unter einen erhöhten Druck setzt. Nun bot sich mit der aktuellen Studie die Möglichkeit, sich voll und ganz auf dieses Thema zu konzentrieren und den Einfluss der Schulkultur auf Eltern und das »System Familie« sowie auf das Personal in den Schulen selbst, die Lehrerinnen und Lehrer, zu untersuchen.

Können Sie kurz die Kernaussagen der Studie zusammenfassen?

1. Bildung ist für Eltern die zentrale Voraussetzung und der elementare Schlüssel für den späteren Lebenserfolg ihrer Kinder. Dass Bildung wichtig ist, ist bei allen Eltern angekommen und die dominierende Einstellung, die in keiner Hinsicht bezweifelt wird. Und: Mehr als jemals zuvor fühlen sich Eltern heute für den Schulerfolg ihrer Kinder selbst verantwortlich.

2. Gleichzeitig setzt Schule Kinder und Jugendliche unter einen massiven Leistungs- und Lerndruck. Dies gilt besonders für Gymnasien. Für die Eltern bedeutet dies: ihre Kinder können heute die Schule ohne ihre Unterstützung nicht mehr erfolgreich durchlaufen. Damit ihre Kinder nicht scheitern, müssen Eltern heute zu Hilfslehrern werden – das ist Schulalltag – das ist Schulkultur. Der Schulerfolg hängt daher in hohem Maße von den Ressourcen im Elternhaus ab. Diese sind jedoch in den Familien sehr ungleich verteilt.

3. Diese auf den elterlichen Ressourcen basierende Schulkultur trägt dazu bei, dass sich die Bildungskluft in Deutschland verstärkt. Zwar ist das Bildungssystem einst mit der Verheißung angetreten, dass es maßgeblich dazu beiträgt, bestehende soziale Ungleichheiten zu dämpfen, talentierten und engagierten Menschen unabhängig von ihrer Herkunft Chancen und Wege zum Aufstieg zu ermöglichen. Aber die Tatsache, dass der Schulerfolg eines Kindes heute immer mehr von den Eltern abhängt, führt dazu, dass dieses Prinzip der Chancengleichheit mehr und mehr ausgehöhlt wird.

Alle reden von Schulerfolg, was versteht man eigentlich darunter?

Schulerfolg bedeutet für die Eltern zunächst, den für das Kind angestrebten Schulabschluss zu erreichen. Dabei gibt es einen klaren Trend zur Höherqualifizierung. Die Hauptschule ist in den Augen der Mehrheit der Eltern längst eine »Restschule« mit wenigen Chancen auf späteren beruflichen Status und Erfolg. Daher streben viele Eltern (v.a. aus der Mitte der Gesellschaft) für ihr Kind mindestens die Realschule, besser noch das Gymnasium an.

Gleichzeitig ist Schulerfolg aber auch ganz eng an die Noten geknüpft! Es reicht nicht mehr allein der Schulabschluss: in der großen Konkurrenz der Gleichaltrigen geht es darum, sich durch möglichst guten Noten herauszuheben. Hier wirkt u.a. noch das Thema »doppelte Abschlussgänge« (G8 / G9) nach.

Können Sie kurz darlegen von welchen Faktoren Schulerfolg abhängt?

Anders als noch vor 10 oder 20 Jahren hängt Schulerfolg nicht mehr primär vom Kind bzw. Jugendlichen ab, sondern in hohem Maße davon, welche Ressourcen in seinem Elternhaus vorhanden sind. Und die »Kernressourcen« sind: Zeit, Bildung und Geld.

So entscheiden sich z.B. Mütter aus der Bürgerlichen Mitte der Gesellschaft heute vielfach dazu, ihre berufliche Tätigkeit aufzugeben oder auf 20 Stunden pro Woche zu beschränken, um genügend Zeit für ihre Kinder und deren Schule zu haben. Sie sehen sich unter massivem sozialen Druck, nachmittags zuhause zu sein, um die Kinder voll und ganz bei der Bewältigung von Schule zu unterstützen: sie fragen Vokabeln ab, erstellen Lernpläne vor Schularbeiten, bereiten mit ihnen Referate vor, üben, üben, üben – und das täglich. Diese Mütter sind die »Schulmanager« ihrer Kinder! In den Milieus am oberen Rand der Gesellschaft, v.a. im Milieu der Etablierten, wird dagegen eher Geld in professionelle Nachhilfe investiert und das Thema Schule so an externe Dienstleister delegiert.

Sie erkennen schon an diesen Beispielen, dass benachteiligt in diesem System jene Familien sind, die nur geringe Ressourcen haben. Ihre Kinder haben daher heute eine signifikant geringere Chance, einen guten Schulabschluss zu erwerben!

Welche Rolle spielt Schulerfolg für späteren beruflichen Erfolg?

Bei Eltern ist angekommen, dass Bildung DER zentrale Schlüssel für den späteren Berufs- und Lebenserfolg ihrer Kinder ist.

1. Ein guter schulischer Abschluss (möglichst hoch und mit möglichst guten Noten) ist aus Sicht der Eltern die unbedingt notwendige Basis, um sich im Ausbildungs- und Studienmarkt gegen die Konkurrenz der Gleichaltrigen durchsetzen zu können. Eltern haben verinnerlicht, dass der Hauptschulabschluss keine Wahlmöglichkeiten mehr im Ausbildungsmarkt bietet. In vielen Fällen reicht sogar ein guter Realschulabschluss nicht mehr aus, da sich für den gleichen Ausbildungsplatz immer auch Abiturienten bewerben.

2. Bildung ist nicht mehr mit der Verheißung für Aufstieg verbunden, sondern soll vor Abstieg schützen. Damit verbunden ist eine hohe Bildungsambition der Eltern für ihre Kinder. Nach Möglichkeit Gymnasium! Die Hauptschule kommt einem Scheitern gleich – nicht nur des Kindes, sondern auch der Eltern!

Wie sieht es mit Chancengleichheit in unserem Schulsystem aus?

Es ist absolut nachvollziehbar, dass diese Form der auf den elterlichen Ressourcen basierenden Schulkultur unweigerlich dazu führen muss und dazu beiträgt, dass sich die Bildungskluft in Deutschland weiter verstärkt. Verlierer sind jene Kinder und Jugendliche, die von ihren Eltern keine ausreichende Unterstützung bekommen, um die Schule zu bewältigen. In einer Klasse mit Schülern, die perfekt durch ihre Eltern gecoacht werden, haben sie zwangsläufig geringere Chancen auf gute Noten.

Auch darf es nicht sein, dass Bildung, wie es heute der Fall ist, für immer mehr Eltern aus der Oberschicht und aus den Milieus in der Mitte der Gesellschaft das zentrale Vehikel und Mittel der sozialen Distinktion gegenüber Eltern und Kindern aus Milieus am unteren Rand der Gesellschaft ist.

Welche Punkte halten Sie für besonders reformbedürftig in dem jetzigen Schulsystem?

Es ist aus mehreren Gründen wichtig, dass wir die Eltern wieder mehr aus der Schule heraushalten! Das wird nicht von heute auf morgen gelingen und setzt einen Dialog von Politik, Schule und Eltern voraus. Aber wir brauchen diesen Schritt! Ein Weg wird sicher über den Ausbau der Ganztagsschule führen. Dieser wird aber nur Akzeptanz finden auf breiter Basis, wenn er mit innovativen Konzepten einhergeht und nicht die Fortsetzung der Schule am Nachmittag bedeutet.

Wir müssen die Eltern mehr aus der Schule heraushalten zum einen, um die Chancengerechtigkeit der Schülerinnen und Schüler einer Klasse wieder zu erhöhen und die systematische Benachteiligung jener Kinder und Jugendlichen zu minimieren, deren Eltern keine ausreichenden Ressourcen haben, sie zu unterstützen.

Zum anderen ist es aber auch aus gleichstellungspolitischen Gründen wichtig, dass Schule wieder mehr zu einem Thema der Schülerinnen und Schüler und weniger zu dem der Eltern wird: Denn Schule führt heute zur Fortsetzung und Verstärkung der traditionellen Rollenteilung zwischen Frauen und Männern. Gerade zu Beginn der Sekundarstufe reduzieren die Mütter – vor allem jene aus der Mitte der Gesellschaft – ihre Erwerbstätigkeit oder steigen gar beruflich sogar ganz aus, um ihr Kind oder ihre Kinder bei der Bewältigung des Schulalltags zu unterstützen. Und diese Mütter sind nicht immer zufrieden mit dieser Lösung, das haben wir in den Interviews immer wieder gehört. Sie sehen sich unter einem massiven gesellschaftlichen Druck, voll und ganz für die Kinder und deren Schulerfolg da sein zu müssen!

Sie können sich die über das Bildungssystem hinausreichenden Konsequenzen vorstellen, etwa in Bezug auf die finanzielle Unabhängigkeit von Frauen, ihre Chancen beim beruflichen Wiedereinstieg, ihre Rentenansprüche etc. Auch im Fall einer Trennung oder Scheidung der Ehepartner wirkt sich dies oftmals katastrophal auf die Mütter aus: Dann müssen die Frauen oftmals sehr schnell eine Stelle suchen, um die Familie zu ernähren. Für viele ist das ein äußerst hartes Ankommen in der Realität und auch für die Kinder bedeutet dies eine massive Umstellung: sie sacken dann plötzlich schulisch (massiv) ab, weil die alten Unterstützungsroutinen wegfallen, weil es weder Zeit noch genug Geld gibt für die Hilfen.