Der Bezirk das (un)bekannte Wesen

Geschrieben von Malena Schulte-Spechtel (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 30. Juli 2013 unter <http://www.politische-bildung-schwaben.net/2013/07/der-bezirk-das-unbekannte-wesen/>
Abgerufen am 24. November 2017 um 01:13 Uhr

Veranstaltung zur Bezirkstagswahl September 2013

»Der Bezirk das (un)bekannte Wesen« – so lautete der Titel der Veranstaltung anlässlich der Bezirkstagswahlen am 12. Juli. Eingeladen hatten der Bezirksjugendring Schwaben und die Politische Bildung Schwaben in die Jugendbildungsstätte Babenhausen. Ziel der Veranstaltung war, einen Austausch zwischen Vertreter(inne)n der Jugendverbände und Bezirkstagspolitiker(inne)n/-kandidat(inn)en auf Augenhöhe im partnerschaftlichen Diskurs zu ermöglichen. Thematisch ging es um die Aufgaben des Bezirks Schwaben. Insbesondere darum, wie seine Arbeit auch bei jungen Menschen bekannter gemacht werden kann, und was sich andererseits junge Menschen und Jugendverbände von der Bezirkspolitik erwarten. Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden des Bezirksjugendrings Manfred Gahler wurden die Teilnehmenden mit Videointerviews zum Thema Bezirk und Bezirkstagswahl konfrontiert, aufgenommen kurz zuvor mit Studentinnen und Studenten der Sozialen Arbeit sowie einer Bibliothekarin an der Katholischen Stiftungsfachhochschule (KSFH) in Benediktbeuern. Wirklich überrascht über die Aussagen – kaum jemand wusste, was der Bezirk eigentlich ist und welche Bedeutung die Bezirkstagswahlen haben – schien jedoch niemand. Sind diese Aussagen rein zufällig, alles andere als repräsentativ, müssen sie dennoch nachdenklich stimmen. Anschließend folgte ein Impulsreferat von Professor Gerhard Kral von der KSFH Benediktbeuern. Anschaulich belegte er mit Zahlen, wie innerhalb der letzten Jahre und im internationalen Vergleich das Interesse der deutschen Wahlbevölkerung – insbesondere der jungen und Erst-Wähler – an Politik und Parteien abgenommen hat. Betrachte man die Stimmung im Land, verstärke sich der Eindruck, im Verhältnis zwischen Bürger und Politik stimme etwas nicht (so die Schlagzeile in der Süddeutschen Zeitung vom 29. Juni 2013). Das Vertrauen zwischen dem Volk und seinen Vertreter(inne)n leide, die Verwandtenaffäre im Bayerischen Landtag habe weiteres Vertrauen zerstört, die ohnehin schon bestehenden Risse erweitert. Das zeigt sich z.B. beimBezirkstagswahlen_Plakat Blick auf die Entwicklung und den aktiven Stand der Parteimitgliedschaften von 1990 bis 2012: bei der CDU ein Minus von 40 %, bei der SPD ein Minus von über 49 %, bei der FDP ein Minus sogar von über 65 %. Etwas moderater ist der Rückgang bei der CSU: ein Minus von über 20 %. Zulegen konnte nur – zumindest – eine in den Landtagen, im Bundestag und im EU-Parlament vertretene Partei, Bündnis 90/Grüne: ein Plus von über 44 %. Auch im internationalen Vergleich wird deutlich, dass es mit der Lebendigkeit der Demokratie bei uns nicht zum Besten steht: die Parteimitgliedschaft in Prozent der Wahlberechtigten liegt bei uns bei gerade mal 2 % (1980, bezogen auf West-Deutschland, lag sie noch bei 5 % !). In Österreich dagegen erreicht sie einen Wert von 17 % (1980: 28 %). Und in den Krisenstaaten Griechenland 7 %, Spanien 4 % und Italien 6 %. Bezogen auf die »Qual der Wahl« unter der Überschrift »Der ganz normale Nichtwähler« (Süddeutsche Zeitung vom 11. Juni 2013) ist festzustellen: je jünger, desto geringer die Neigung, am 22. September zur Buntestagswahl zu gehen: »bestimmt« zur Wahl gehen wollen 64 % der über 60jährigen, aber nur 38 % der Jüngeren bis 29 Jahre.

Anknüpfend an diesen Impuls erwarteten die Teilnehmenden fünf Diskussionstische mit den Themen »Bezirkspolitik«, »der (un)bekannte Bezirk«, »Jugendarbeit und Bildung«, »Soziales und Gesundheit«, sowie »Kultur und Heimat«. Eingeteilt in feste Gruppen nahmen die Gäste an jeweils einem Tisch platz. Nach zwei Wechseln an andere Tische wurden die Ergebnisse zu den jeweiligen Themen kurz vorgestellt.  Beim Thema Bezirkspolitik (wie sieht diese aus, in welche Lebensbereiche wirkt sie hinein und wie kann sie transparenter gemacht werden?) kamen die Teilnehmden zu dem Schluss, dass der Bezirk in viele Bereiche hineinwirkt (Soziales, Gesundheit, Jugendbildung, Kultur) und somit auch viele Menschen damit in Berührung kommen, dies aber nur wenigen bewusst ist. Durch die Bezirksumlage erscheint der Bezirk einigen als teuer und so entsteht des öfteren ein negatives Bild von eben diesem. Als Gründe, warum der Bezirk in der Öffentlichkeit so wenig präsent ist, wurden zum einen geringes Medieninteresse und komplizierte Strukturen (z.B. Unterscheidung zwischen Bezirk und Regierung) genannt. Zum anderen bearbeitet der Bezirk Themen, wie Sucht, Behinderung, psychische Störungen uDSC05258nd Pflege, mit denen viele Menschen nichts zu tun haben wollen. Mit der Frage, wie der Bezirk an Bekanntheit gewinnen könnte beschäftigten sich auch die Diskussionen an dem Thementisch »der (un)bekannte Bezirk«. Vorschläge waren zum Beispiel Infohefte für den Sozialkundeunterricht an Schule zu erstellen, mehr Exkursionen »Bezirk Schwaben erleben (http://https://www NULL.bezirk-schwaben NULL.de/bildung/bezirk-schwaben-erleben/projekt/)« anzubieten, sowie spezielle Informationen für Jugendliche und Schüler auf der Homepage des Bezirks Schwaben bereitzustellen und aktuelle Geschehnisse über Facebook zu veröffentlichen. Auch wurde der Wunsch geäußert mehr Beteiligungsmöglichkeiten für junge Menschen zu schaffen und den Dialog zwischen Bezirk und Jungendverbände zu stärken. Ebenso sollten wichtige Beschlüsse der Bezirksgremien mehr in die Öffentlichkeit getragen werden und auch Einrichtungen, deren Hauptfinanzier der Bezirk ist, sollten dies öffentlich machen.

Beim Bereich »Gesundheit und Soziales«, in den 90% des Bezirkshaushaltes fließen, ging es in erster Linie darum, welche Angebote es gibt und was junge Menschen davon haben. Hier kamen die Diskutierenden zum Schluss, dass der Bezirk grundsätzlich Menschen hilft, die nicht mehr in der Lage sind für sich selbst zu sorgen. Die Angebote reichen von Hilfen bei psychischen Erkrankungen über Inklusion bis hin zu Hilfen für Menschen im Alter. Davon können auch junge Menschen direkt oder indirekt betroffen sein. So bietet der Bezirk beispielsweise eine Reihe von Ausbildungsstellen im Bereich Gesundheit und Soziales an. Welche konkreten Bildungsangebote für junge Menschen der Bezirk unterstütz wurde am Tisch »Jugend und Bildung« diskutiert. Hierzu gehören zum Beispiel Berufsfachschulen für Gesundheits- und Krankenpflege, Ergotherapie, Physiotherapie und Logopädie, sowie Ausbildungsmöglichkeiten an der Berufsfachschule für Musik. Außerdem werden durch die Finanzierung des Bezirksjugendringes Veranstaltungen wie die »Nacht der Demokratie« ermöglicht.

Ein weiterer Bereich, den der Bezirk fördert ist »Kultur und Heimat«. Hier bei geht es um Sprache, Mundart, Volksmusik, Lieder, Essen, Brauchtum, Tracht, Denkmäler und Geschichte. Der Thementisch hierzu beschäftigte sich mit der Frage, wie dies gerade für junge Menschen besser zugänglich gestaltet werden kann.  Hier bietet der Bezirk Museen, Sprachatlas, Volksmusik, Volkslieder und Volkstanz, Trachtenberatung, Jugendtheater und Denkmalpflege an. Attraktiver für junge Menschen könnte dies zum Beispiel durch vergünstigte Eintritte für Jugendgruppen in Bezirksmusen und durch Werbung für bestehende Angebote in der offenen Jugendarbeit und bei Jugendverbänden gemacht werden.12.7._draußen

Im Anschluss an die Diskussionen hatten die Teilnehmenden noch Gelegenheit, ihr Wissen über den Bezirk Schwaben in einem kleinen Quiz unter Beweis zu stellen.

Nach einer Abschlussrunde, bei der sich die Gäste sehr positiv über die Veranstaltung äußerten, bot sich die Gelegenheit, beim Grillen gemütlich zusammen zu sitzen und die angefangenen Gespräche zu vertiefen.