Nachbarn treffen sich

Geschrieben von Sibylle Ulbrich (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 30. November 2013 unter <http://www.politische-bildung-schwaben.net/2013/11/nachbarn-treffen-sich/>
Abgerufen am 24. November 2017 um 01:15 Uhr

Teilnehmer der Fachtagung im aktiven Austausch

Vernetzungsstrukturen und Grundlagen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit in der Schweiz, Vorarlberg, Südtirol, Tirol und in Bayern

Der Bezirksjugendring Schwaben (BJS) veranstaltet zweimal jährlich Fachtagungen für hauptamtliche Mitarbeiter/innen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OJA) in Schwaben. Das Thema der Veranstaltung vom 16/17 Oktober in Babenhausen entstand auf Wunsch der Basis des Bezirksjugendrings. Kein Wunder also, dass die Möglichkeit, sich ein differenziertes Bild über die Arbeitsweise der Nachbarländer zu verschaffen großen Anklang fand. Die Fachtagung des BJS war mit ca. 50 Gästen so gut besucht wie noch nie.

Den Besuchern der Veranstaltung war das Kennenlernen von Strukturen und Projekten der Offenen Jugendarbeit in den deutschsprachigen Nachbarländern besonders wichtig. Unterschiede und Gemeinsamkeiten wurden herausgestellt und die Teilnehmer/innen konnten sich gegenseitig über ihre Konzepte, Methoden und Praxisprojekte informieren. Es gab viele Anregungen und Ideen für die praktische Arbeit vor Ort. Angedacht ist künftig die konkrete Vernetzung einzelner Jugendzentren mit Einrichtungen der Nachbarländer.

Bemerkenswert ist, wie sehr geschichtliche und kulturelle  Rahmenbedingungen die OJA der Länder prägen. In Österreich und Deutschland sind dies vor allem die Ereignisse des 3. Reichs und die Indoktrination der Jugendarbeit durch das NS-Regime. Jugendarbeit ist hier gesetzlich verankert und verbandlich organisiert. Politische Bildung ist ein wichtiger Bestandteil des Auftrags.

Der Gedanke, demokratische Zusammenarbeit bei der Lösung überverbandlicher Aufgaben zu verankert ist sicher ein Verdienst der amerikanischen Besatzungsmacht. Sie respektierten das Eigenleben der einzelnen Gruppen, wollten sie jedoch auf einer durchschaubaren Basis zur Lösung der vielfältigen Jugendprobleme zusammenführen.[1] Das Pendant zu den deutschen Jugendringen ist in Österreich die Bundesjugendvertretung.

Im autonomen Südtirol und der Schweiz ist die Jugendarbeit nicht in vergleichbaren Gesetzen geregelt. In Südtirol gibt es beispielsweise keine öffentlichen, sondern nur private Träger (meist in Form von Vereinen). Auch das schweizerische Jugendfördergesetz von 2013 ist ein reines Subventionsgesetz, ein gesetzlicher  Auftrag vergleichbar dem deutschen SGBVIII ist hier nicht gegeben.

In Südtirol und der Schweiz liegen die Grundlagen für die OJA vor allem in der kulturellen Vielfalt innerhalb des Landes. Was in Österreich und Deutschland als neue Herausforderung durch strukturellen und gesellschaftlichen Wandel gesehen wird steht in diesen mehrsprachigen Ländern längst auf der Tagesordnung: Sprachschwierigkeiten und kulturelle Differenzen bei Vernetzungstreffen, sowie Dolmetscherbedarf bei Gremienarbeit und Fachtagungen. Die kulturellen Gegebenheiten haben mitunter einen beträchtlichen Einfluss auf die Ausgestaltung der OJA.

In der Schweiz ist diese stark geprägt durch die französische Tradition der »Soziokulturellen Animation«. Dieses Arbeitsprinzip fördert soziale Netze, kulturelle Aktivitäten und politische Aktionen von Menschen allen Alters. Entstanden aus der Bewegung der éducation populaire, bzw. der Arbeiterbildungsbewegung des frühen 20. Jahrhunderts setzt sich die Sozikulturelle Animation heute vorwiegend für eine autonome Jugendkultur und die Demokratisierung von Kunstprojekten ein. Anfänglich war eine strenge Abgrenzung von der Gemeinwesenarbeit gegeben. Man sah sich zunächst nicht als Teil der Sozialarbeit. Mittlerweile fließen die Prinzipien der Soziokulturelle Animation in das Studium der Sozialen Arbeit ein. Die Kenntnis dieser sozio-kulturellen Hintergründe ist wichtig, um die Arbeitsweise von Anouk Haehlen und Rolf Friedli aus der Region Bern zu verstehen. Aufsuchende Jugendarbeit ist hier nicht vergleichbar mit dem hier zu Lande bekannten Modell des streetworks. Die Zielgruppe der OJA sind nicht allein die Jugendlichen. »Da wird das ganze Viertel bespielt«. Die aufsuchende Arbeit passiert nicht zu Fuß, sondern mit Fahrrad(Anhänger) und Kunstmobil. Wenn die bunten Gefährte der Sozialarbeiter um die Ecke biegen weiß jeder: jetzt ist gleich was los im Viertel.

Das beschriebene Projekt in Trägerschaft der katholischen Kirche, Region Bern ist nur ein Beispiel für den spannenden Austausch im Rahmen der Fachtagung. Vorgestellt wurden desweiteren Projekte der Jugendgemeindeberatung (Hall in Tirol, Ö), aus der beruflichen Qualifizierung von NEETS[2] (Dornbirn, Ö), aus der Sexualpädagogik (Bruneck in Südtirol, I) und ein interkulturelles Ferienprojekt mit Flüchtlingen (Augsburg, D).

Bis spät in die Abendstunden wurden Anekdoten aus den verschiedenen Projekten erzählt; wurden gesetzliche Standards und politische Rahmenbedingungen diskutiert. Neben dem fachlichen war auch genug Raum für den persönlichen Austausch. Sei es beim geselligen Zusammensitzen oder im sportlichen Schlagabtausch an der Tischtennisplatte. So manch einer konnte sich nur schwer trennen. So hieß es beim Abschied – schwerbepackt mit Flyern und Visitenkarten –  einhellig: »Lasst uns Kontakt halten« und »bis bald im Nachbarland«. Schön, wenn aus Nachbarschaft  Freundschaft wird.


[1] Vgl.: http://www.bjr.de/bjr/geschichte.html ; http://www.jugendvertretung.at/

[2] NEET (engl.) Not in Education, Employment or Training.Jugendliche, die keine Schule besuchen, keiner Arbeit nachgehen und sich nicht in beruflicher Ausbildung befinden fallen oft aus der Statistik heraus. Sie sind am ehesten über OJA, bzw. mobile JA zu erreichen.