Soziale Arbeit – (K)ein Ort der Menschenrechte?

Geschrieben von Julia Poweleit (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 31. Mai 2017 unter <http://www.politische-bildung-schwaben.net/2017/05/soziale-arbeit-kein-ort-der-menschenrechte/>
Abgerufen am 17. Oktober 2017 um 22:25 Uhr

Welches Selbstverständnis hat die Soziale Arbeit heute und hatte sie in der Vergangenheit im Umgang mit dem Thema Flucht und Migration?

Diese Frage stand im Mittelpunkt der Fachtagungsreihe, zu der die Katholische Stiftungsfachhochschule Benediktbeuern (http://www NULL.ksfh NULL.de)in Kooperation mit der Akademie für Politische Bildung Tutzing (https://www NULL.apb-tutzing NULL.de/)und dem Deutschen Berufsverband für Soziale Arbeit e.V. (https://www NULL.dbsh NULL.de/) im vergangenen Monat zum dritten Mal einlud.

Durch die verschiedenen Angebote im Rahmen dieser Tagung bekamen die Teilnehmer*innen einen Einblick in die verschiedensten Perspektiven und Bereiche des Themas Flucht von der Zeit des Zweiten Weltkriegs bis zur aktuellen Flüchtlingsbewegung. Spannende Auseinandersetzung mit den verschiedenen Gesichtspunkten boten die Workshops und Vorträge.

Dabei wurde nicht nur thematisch zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart »gezappt«, sondern auch die Tagungsorte (Benediktbeuern und Tutzing) tageweise gewechselt.

 

Fremde ist der Fremde nur in der Fremde (Karl Valentin)

Der Auftakt der Tagungsreihe war der Münchner Dokumentarfilm »Töchter des Aufbruchs«. Dieser zeigte Frauen, die als Gastarbeiterinnen in den 60er Jahren nach Deutschland kamen und bis heute geblieben waren – und auch Frauen, die aus ihrer Heimat geflüchtet sind und nun ganz am Anfang ihres Lebens in Deutschland stehen. Die Protagonistinnen geben in diesem Film die Möglichkeit, in ganz persönliche Geschichten über den langen Weg der Integration und den Umgang mit der erlebten Heimatlosigkeit einzutauchen, ohne dabei den Sinn für ihren Humor verloren zu haben. Mit Regisseurin Ulrike Bez und Protagonistin Roula Balhas konnten sich die interessierten Zuhörer*innen im Anschluss an den Film austauschen und Fragen stellen.

 

»Life in Transit« und »die Wanderbank«

Einen gelungenen Auftaktabschluss stellte die Eröffnung gleich zweier Ausstellungen:

 «Life in Transit« (http://life-in-transit NULL.de/de/home/) ein Projekt dreier Studentinnen der KSFH über einzelne Lebensportraits der Menschen im Transit – in Istanbul (wir berichteten hier darüber).

»Die Wanderbank« (http://www NULL.bahnhofsmission-wuerzburg NULL.de/was-wir-machen/wanderbank/) ein Projekt der beiden Künstlerinnen Christiane Huber und Scanne Kurz im Auftrag von IN VIA Bayern e.V.. Die Wanderbank ist eine Bank, auf der Passanten neben einer »Geschichtensammlerin« Platz nehmen können. Sie lädt ein als Aufenthaltsort, zur Verschnaufspause oder auch als ganz persönlichen Raum, in dem man seine Geschichte erzählen kann. Die Ausstellung »Wanderbank« zeigt diese Bank und die vielen Geschichten, die auf ihr erzählt wurden.

Beide Ausstellungen waren bis Mittwoch 25. Mai 2017 im ersten Stock des Campus Benediktbeuern zu besichtigen.

 

Professionelle Unwissenheit

Mit dem Blick auf die Migrationsdiskurse, stellt sich auch immer die Frage, wer führt diese Diskurse und wer sollte sie führen? Sollten nicht auch die Migrant*innen in diese Diskurse als vollwertige Teilnehmer unserer Gesellschaft miteinbezogen werden? Diese Frage stellte Luzia Jurt, Professorin am Institut für Integration und Partizipation Hochschule für Soziale Arbeit Nordwestschweiz, in ihrem Vortrag am Donnerstagvormittag »Das Subjekt im Migrationsdiskurs – eine Spurensuche«. Sie sprach von den langen Wegen, die für die Integration in der Schweiz und auch in Deutschland, früher und heute noch begangen werden müssen. Von den Integrationskursen, die von der einheimischen Mehrheitsgesellschaft für die Migrant*innen entworfen werden, von der Hilfe und der Hindernisse der Sozialen Arbeit, den Behörden und der Politik in beiden Ländern. Auch vom Aufruf, dass die Migrant*innen sich integrieren müssen und der einheimischen Gesellschaft, die sich aus dem praktischen Prozess der Integration herauszuziehen scheint. Der theoretische Prozess der Integration, der Wunsch nach interkulturellem oder sogar kulturspezifischen Hintergrundwissen, sei jedoch verstärkt da. Hierbei dürfe man jedoch nicht vor allem im beruflichen Feld den Blick auf die professionelle Unwissenheit verlieren. Das theoretische Wissen darf nicht so in den Vordergrund rücken, dass man den Blick auf das Wesentliche, den Menschen selbst, verliert.

Auch die Soziale Arbeit steht in der Kritik bei der Frage, wie viel Eigenengagement der Migrant*innen tatsächlich gewünscht wird oder ob nicht die Profession selbst hilflose Klienten als Existenzgrundlage benötigt.

 

Den Einstieg in die Vielseitigkeit der Tagung ergänzten zwei weitere Vorträge.

Einen Einblick in die Geschichte des französischen Lagers »Rivaltes« von 1941 bis 2007 zeigte Annette Eberle, Dekanin der KSFH Benediktbeuern, mit dem Fokus, dass es immer auch kritische Sozialarbeiter gab, die versuchten, die vorgegebenen Strukturen zu durchbrechen.

Über die Thematik der Migrationsberatung in den 50er Jahren bis heute, referierte Frau Nausikaa Schrilla, Professorin für Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule Freiburg, mit ihrem Vortrag »Die Konstruktion des Fremden durch die Gastarbeiterfürsorge«.

Auch zwischen Tagungsteilnehmern und Gästen entsteht ein Gespräch

 

Wie man zum Ausländer wird

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, luden die Veranstalter Sükran Aslan, Studentin an der KSFH, Nushin Rawahnmeer, Sozialarbeiterin in München und Gönül Yerli, Religionspädagogin und Vizedirektorin des Islamforums Penzberg, zu einem gemeinsamen Gespräch am Donnerstagnachmittag ein. Die Teilnehmer hörten hier die Perspektiven dreier Migrantinnen, die auf unterschiedliche Weise nach Deutschland kamen und doch ähnliche Erfahrungen machten. Geleitet und moderiert wurde das Gespräch von Susanne Nothafft, Professorin an der KSFH München und Annette Eberle.

Um tiefer in verschiedenen thematischen Schwerpunkte einzutauchen,wurden am Donnerstagnachmittag und Freitagvormittag verschiedene Workshops angeboten (siehe Kasten unten).

Den Abschluss dieser Tagung bildete eine Podiumsdiskussion mit dem Titel »Das Bayerische Integrationsgesetz – ein Ausgrenzungsgesetz? Auswirkungen auf die Soziale Arbeit« mit Gabriele Stark-Angermeier (Bundesvorsitzende des DBSH), Joachim Unterländer (MdL), Christine Kamm (MdL) und Michael Spieker als Moderator.

Den Flyer zur Tagung gibt's hier (http://www NULL.ksfh NULL.de/files/Presse/Soziale%20Arbeit_Fachtagung%20Mai%202017 NULL.pdf)