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Interview mit Dr. Christian Boeser Drucken E-Mail
Geschrieben von Redaktion   
Donnerstag, 29. September 2005

2004_boeser.jpgDr. Christian Boeser ist Leiter der zweiten Projektphase und unter anderem verantwortlich für die Konzeption dieser Homepage. Wie seine Arbeit aussieht, was seine Motivation und seine Erwartungen sind, ist in diesem Interview zu erfahren.

Redaktion: Das Projekt politische Bildung Schwaben war ja zunächst als Projekt zwischen dem Bezirksjugendring Schwaben und der Katholischen Stiftungsfachhochschule München gedacht. Wie haben sie davon erfahren und warum hielten Sie es für sinnvoll, dass die Universität Augsburg sich dabei engagieren sollte?

Christian Boeser: Ich wollte in Augsburg die politische Bildung vernetzen, vor allem mit dem Ziel, dass politische Bildung an den Schulen etwas lebendiger wird. Im Rahmen meiner Doktorarbeit mit dem Thema politische Bildung an der Schule habe ich erkennen müssen, dass durch einen sehr an Institutionen orientierten Unterricht die Gefahr besteht, dass Interesse und Potenziale bei den Schülern verloren gehen. Daraus entstand die Einsicht, dass der Einsatz von Methoden wie zum Beispiel Planspielen eine notwendige Ergänzung sein muss. Und um dies zu ermöglichen schien mir eine Kooperation von außerschulischen Angebotsträgern, wie zum Beispiel der Universität Augsburg, und den Schulen vor Ort nötig.

Ich bin dann auf Winfried Dumberger-Babiel vom schwäbischen Bezirksjugendring zugegangen, weil ich mir dachte, er könnte ein guter Bündnispartner sein und weil ich gehört hatte, dass er an dem Thema politische Bildung sehr interessiert ist. Dumberger-Babiel erzählte mir dann, zu meiner großen Freude, dass er selbst schwabenweit just ein solches Projekt startet und hat gefragt, ob ich nicht dabei mitarbeiten möchte. Das war natürlich eine wunderbare Möglichkeit, meine Idee, die ich auf Augsburg bezogen hatte, in einem größeren Zusammenhang gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern und mit einer gesicherten Finanzierung angehen zu können. Unter der Projektleitung von Prof. Dr. Gerhard Kral haben wir dann die letzten eineinhalb Jahre eine Bestandsaufnahme gemacht.

Warum halten Sie die Stärkung von politischer Bildung für wichtig?

Christian Boeser: Ich habe als Jugendlicher Anfang der 90er Jahre mit anderen in Nürnberg einen so genannten „Runden Tisch für Jugendliche“ gegründet. Dieser war ein Angebot zur Beteiligung, ohne parteipolitischen Hintergrund, in dem Jugendliche aus den unterschiedlichsten Richtungen, mit den unterschiedlichsten politischen Überzeugungen gemeinsam Projekte initiiert und umgesetzt haben. Das war für mich ein sehr schönes Erlebnis, dass Beteiligung offensichtlich möglich ist, wenn attraktive Angebote gemacht werden. Der Bedarf ist eigentlich da, aber oftmals sind die Angebote nicht präsent.

Das Thema „Beteiligung“ hat mich dann bis heute immer wieder beschäftigt. Unsere Gesellschaft bedarf des Engagements ihrer Bürger, sie bedarf der kritischen Frage aber auch der Solidarität. Sie braucht ehrenamtliches Engagement, weil der Staat definitiv nicht alles richten und organisieren kann, und sie braucht auch die Einstellung der Bürger: „Es ist auch meine Gesellschaft“. Für mich war der Ausspruch von John F. Kennedy immer faszinierend, der sinngemäß sagt: "Frage nicht was Deine Gesellschaft für Dich tun kann, frage was Du für Deine Gesellschaft tun kannst". Es geht also um eine gewisse Verantwortung für die Gesellschaft, in der man lebt. Jetzt ist die Frage, wie kommt man zu dieser Einstellung? Das geht nur durch Beteiligung, durch Partizipation. Verantwortlich ist man nur für das, was man selbst mitgestaltet und selbst mitgestalten kann. Deshalb erscheint es mir als zentrale Aufgabe, Mitgestaltungs- und Beteiligungsmöglichkeiten zu schaffen oder dort wo sie gegeben sind, vertraut zu machen. Letzteres ist ja auch ein wichtiges Thema in der schulischen Bildung. Im Lehrplan steht zum Beispiel, dass Beteilungsmöglichkeiten deutlich gemacht werden sollen. Hier ist es aber gerade so: Beteiligungsmöglichkeiten lassen sich verbal nur schwer vermitteln, sie müssen wirklich konkret vor Ort gesehen und gegebenenfalls erlebt werden. In diesem Bereich gibt es an vielen Schulen ganz klare Defizite in der politischen Bildung. Deshalb ist eine Zusammenarbeit zwischen Schulen und außerschulischen Trägern eine notwendige Reaktion.

Beruflich sehe ich es als große Herausforderung an, ein Netzwerk zur politischen Bildung zu etablieren. Dies ist nicht einfach, weil viele Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit ein Netzwerk erfolgreich ist. Ich finde es sehr interessant Ergebnisse aus der Wissenschaft zu sichten. Da ist gerade Prof. Endres von der Katholischen Stiftungsfachhochschule München wichtig gewesen, mit dem wir im Juli im Rahmen eines Workshops gemeinsam arbeiten werden, um zu sehen, wie wir ein starkes Netzwerk zur politische Bildung in Schwaben ermöglichen können.

Was ist generell wichtig für den Aufbau eines erfolgreichen Netzwerkes?

Christian Boeser: Bei der Auseinandersetzung mit den Ergebnissen von Egon Endres ist mir aufgefallen, dass sehr viele vermeintlich weiche Faktoren wichtig sind. Er spricht von verschiedenen Erfolgsbausteinen und er zählt beispielsweise Vertrauen, die Fähigkeit zur Perspektivübernahme oder auch die Möglichkeit zu direkter Kommunikation dazu.

Ein weiterer Punkt ist, dass man gemeinsame Ziele hat. Wir brauchen deshalb in Schwaben eine offene Diskussion darüber, was wir eigentlich mit der Vernetzung von politischer Bildung erreichen wollen. Da gibt es momentan verschiedene Interessen, verschiedene Vorstellungen, vom Projektinitiator Winfried Dumberger-Babiel, dem Leiter der ersten Projektphase, Prof. Gerhard Kral oder auch von mir. Mich würde brennend interessieren, welche Interessen und Anliegen es sonst noch gibt.

Wie sieht die Aufgabenverteilung zwischen den jeweiligen Trägern aus?

Christian Boeser: Das Projekt wird finanziert vom Bezirk Schwaben. Formaler Auftraggeber ist der Bezirksjugendring Schwaben, der in der ersten Phase mit der Katholischen Stiftungsfachhochschule München, Abteilung Benediktbeuern, und in der zweiten Phase mit der Universität Augsburg einen Vertrag gemacht hat. In der ersten Phase war der Auftrag an Prof. Kral eine Bestandsaufnahme zur politischen Bildung im Bezirk Schwaben zu machen und jetzt in der zweiten Phase ist der Auftrag Netzwerketablierung und Netzwerkausbau.

Wie sieht Ihre momentane Aufgabe während der zweiten Phase aus?

Christian Boeser: Ein wichtiger Punkt ist die Etablierung einer Kommunikations- und Vernetzungsplattform. Wir haben uns da sehr auf das Internet gestützt und unter www.politische-bildung-schwaben.net ein Forum geschaffen, das es ermöglichen soll, dass man sich innerhalb von Schwaben kennt und weiß, wer eigentlich in der politischen Bildung in Schwaben aktiv ist, dass man gute und innovative Projekte kennen lernt und dass man mittelfristig eine Datenbank haben wird, die die Ergebnisse der schwabenweiten Erhebung beinhaltet. So kann ich dann jederzeit völlig problemlos sagen: „Ich brauche einen Experten, der zum Thema Europa Planspiele für Schulen anbietet.“ Dann gebe ich diese Kriterien in die Datenbank ein und dann wird mir, so die Vorstellung, eine Liste von drei bis fünf geeigneten Personen oder Institutionen vorgeschlagen. Im Rahmen der Homepage, im Rahmen der Datenbank, kann ich mich dann näher über diese Personen oder Institutionen informieren und mit ihnen in Kontakt treten. Es geht also darum, eine Servicestelle anzubieten, die es leicht macht, gute, innovative Projekte der politischen Bildung umzusetzen. Das ist zum einen für Schulen interessant, zum anderen kann es aber auch sein, dass jemand aus der außerschulischen Jugendbildung beispielsweise erfolgreich mit Aussiedlerjugendlichen gearbeitet hat und möchte, dass andere von diesen Kenntnissen profitieren. Dieser kann dann seine Erfahrungen ins Netz stellen oder sich selbst als Experte in die Datenbank aufnehmen lassen.

Klar ist aber auch, da wir vorhin von Erfolgsbausteinen von Netzwerken gesprochen haben, dass ein erfolgreiches Netzwerk mehr braucht als eine Internetplattform. Hier bietet sich durch die Konzentration auf Schwaben die Möglichkeit, in regelmäßigen Abständen in direkten Austausch zu treten. Es wird jedes Jahr, wie 2003 im Juni zum ersten Mal, ein großes Forum stattfinden und darüber hinaus einzelne Workshops, wie zum Thema Datenbank, zum Thema Netzwerke oder zum Thema Internet. Geplant ist darüber hinaus die Initiierung einer Arbeitsgruppe, die eine Konzeption entwickelt, wie man die Beteiligung in der eigenen Gemeinde bzw. Stadt für Schüler attraktiver machen kann.

Wie zufrieden sind sie mit dem bisherigen Verlauf des Projektes?

Christian Boeser: Das ist schwierig. Der Ertrag unseres Netzwerkes wird erst deutlich werden, wenn dieses Netzwerk funktioniert. Und bis ein Netzwerk funktioniert, stellt sich natürlich jeder die berechtigte Frage: „Lohnt mein Engagement in diesem Netzwerk?“

Wir sind, meiner Einschätzung nach, noch nicht auf der sicheren Seite. Die Gefahr, dass ein Projekt wie dieses mit großem Getöse startet und dann lau ausläuft ist gegeben. Ich habe mittlerweile viele Leute kennen gelernt, bei denen ich sage, da ist großes Interesse vorhanden. Manchmal habe ich aber das Gefühl, es fehlt so ein bisschen der letzte Kick, dass sie sagen: „Das ist jetzt auch mein Netzwerk.“ - und genau das brauchen wir.

Was mich beeindruckt und fasziniert ist, dass wir innerhalb von Schwaben unglaublich viele gute und engagierte Leute und Projekte haben, so dass die Vernetzung in jedem Falle lohnend wäre. Eine weitere Quelle der Kraft und der Zuversicht ist für mich zum einen die Kooperation mit Winfried Dumberger-Babiel und Prof. Gerhard Kral, die beide absolute Überzeugungstäter sind. Zum anderen ist die Zusammenarbeit mit einem jungen engagiertem Team von Studierenden der Universität Augsburg, die unter nicht besonders attraktiven Bedingungen, mit sehr großem Engagement und sehr hohem Einsatz für dieses Projekt arbeiten, weil sie erkannt haben, dass es zum einen wichtig und zum anderen eine großartige Möglichkeit ist, viel zu lernen. Das heißt, das Team erkennt durch die Arbeit in dem Netzwerk, was für ein Potenzial dieses eigentlich hat und noch entfalten kann.

Was wünschen Sie sich, als Ergebnis am Ende des Projektes, sehen zu können?

Christian Boeser: Ich möchte, dass es in zwei Jahren niemanden mehr gibt, der in Bayrisch-Schwaben im weitesten Sinne politische Bildung betreibt, der nicht regelmäßig die Seite www.politische-bildung-schwaben.net besucht, sich dort informiert, dort eigene Ideen oder gelungene Projekte einstellt. Meine Vorstellung ist, dass sich die Akteure der politischen Bildung in Schwaben auch untereinander kennen. Man weiß, wer was macht, wer was kann und auf wen man zugreifen kann. Ich wünsche mir außerdem ein paar ganz konkrete Projekte. Da denke ich ganz stark an die kommunale Ebene. Gedanken wie Schule in der Bürgergesellschaft , bei denen es darum geht, wie politische Bildung dazu beitragen kann, das Bewusstsein, es ist auch meine Gesellschaft, zu vermitteln. Letztlich ist meine Vision tatsächlich die, dass unsere Anstrengungen zur Vernetzung der politischen Bildung in Schwaben zu einer Verbesserung dieser dahingehend führen, dass Bürgerinnen und Bürger, insbesondere die Jüngeren, Beteiligungsmöglichkeiten erkennen und dass die Idee einer aktiven Bürgergesellschaft Wirklichkeit wird. 

Herr Doktor Boeser, wir danken Ihnen für das Gespräch!

 
 
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