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Wovon reden wir eigentlich? Die notwendige Auseinandersetzung über Begriffe politischer Bildung Drucken E-Mail
Geschrieben von Florian M. Wenzel   
Mittwoch, 5. Oktober 2005

Demokratie, Toleranz und Interkulturalität werden fast reflexartig als vermeintlich kleinster gemeinsamer Nenner unterschiedlicher Bemühungen im antirassistischen und politischen Bildungsfeld genannt. Es wird im Fachdiskurs sogleich kontrovers diskutiert, wie diese als normative Werte verstandenen Begriffe möglichst breit gesellschaftlich durch Bildungs- programme sowohl innerhalb von Schule als auch in der außerschulischen politischen Bildung verankert werden könnten.

Aus dem Blickfeld gerät dabei die Betrachtung der Begriffe selber, ihre eigentliche Bedeutung und ein angemessenes kritisches Verständnis, das als Leitlinie für pädagogische Praxis dienen könnte. Dies deutet auf eine Abkoppelung des Fachdiskurses von entsprechenden Bezugsdisziplinen hin: Bildungscurricula und -projekte gehen weitgehend pragmatisch vor, während in universitären Disziplinen ein abstrakter Diskurs geführt wird, der keine Relevanz für die Bildungspraxis zu haben scheint[i]. Erst in jüngster Zeit zeichnet sich durch die Forderung nach umfassenden, systematisierten und wissenschaftlichen Evaluationen im Bereich der politischen Bildung hier eine Wende ab[ii]: in Evaluationen werden verschiedene Wertvorstellungen, Welt- und Menschenbilder hinsichtlich politischer Bildung explizit zum Thema gemacht und dadurch wird auch neu und oft kontrovers über grundlegende Begriffe und ihr Verständnis diskutiert.

Die Betrachtung der Begriffe Demokratie, Toleranz und Interkulturalität stellt sich als komplex dar: Sie beinhalten keine vorgefertigten Erziehungsziele, keine Wertpakete, die durch geeignete Inhalte oder Methoden geradlinig für die Bildungsarbeit umgesetzt werden können. Der folgende kurze Abriss möchte anhand der drei Begriffe Demokratie, Toleranz und Interkulturalität thesenartig darstellen, welche Paradoxien und Widersprüche diese beinhalten und dazu ermutigen, sich innerhalb des Netzwerkes politische Bildung in Schwaben mit diesen und anderen grundlegenden Begriffen politischer Bildung intensiv zu befassen und sie als Fundament von reflektierter Praxis zu nützen.

Demokratie

Demokratie wird in einem Projektbericht des Europarates folgendermaßen charakterisiert: „Es ist evident, dass Demokratie ein immer zu verbesserndes System ist und seine eigenen internen Widersprüche hat. Sie gibt nicht vor, eine perfekte Form des Regierens zu sein”[iii]. Zu den inhärenten Widersprüchen zählen Integration vs. Abgrenzung, Gemeinschaft vs. Individualität, Universalität vs. Lokalität. Diese Widersprüche befinden sich in einem nie endenden Prozess der Aushandlung. Himmelmann[iv] charakterisiert Demokratie neben einer Herrschafts- und Gesellschaftsform deshalb auch als eine Lebensform, die in individuellem und persönlichem Handeln und Aushandeln von Konflikten beginnt und nicht auf Strukturen oder eine Gesellschaftsordnung zu beschränken ist. Demokratie bleibt in diesem Sinne immer ein Projekt, das nicht technisch reduzierbar ist auf eine Formel, die universell gilt und erfüllt werden kann. Neben einem politischen System mit bestimmten Verfahren und Mechanismen ist Demokratie der immer neue Versuch, die Stimme des „Anderen“ wahrzunehmen und zu integrieren. Der Widerspruch, die Erfahrung des Konflikts, die reflektiert werden, sind Grundvoraussetzungen, damit ein solches sich selbst balancierendes und steuerndes System lebendig bleibt. Demokratie ist der Name dieses Systems, das sich nicht in Hinblick auf Sicherheiten, sondern mit Hilfe des „Nein“ stabilisiert[v]: „Jeder behält das unendliche Recht des Hinterfragens, der Kritik, der Dekonstruktion (was prinzipiell garantierte Rechte jeder Demokratie sind: keine Dekonstruktion ohne Demokratie, keine Demokratie ohne Dekonstruktion (...) Dies ist eine Begrenzung im Sinne des dringenden Vorranges eines hier und jetzt[vi] Dieses Nein ist es, das es schwierig macht, Demokratie als normative Zielbestimmung anzugeben, den Begriff innerhalb von Bildungsprozessen greifbar zu machen.

Um dieser Dialektik gerecht zu werden, muss der Machbarkeitsanspruch demokratischer Bildung aufgegeben werden. Im Mittelpunkt müssen Prozesse stehen, die immer wieder einzigartig sind, nie vollständig planbar oder bis ins Letzte generalisierbar. Die “ideale Demokratie” ist nie vollendet, sie ist ein Zukunftsprojekt, wenn sie lebendig und der Verschiedenheit gerecht werden möchte. Demokratie-Lernen heißt deshalb als Konsequenz der Begriffsanalyse: immer neu mit Prozessen umgehen und sich immer neu vom Anderen (der Meinung, der Kultur, des Standpunktes) überraschen lassen können und anerkennen, dass sich Demokratie einfacher normativer Vermittlung entzieht.

Toleranz

Toleranz erscheint als Begriff, der Respekt vor dem Anderen als zentral ansieht und so einen Grundwert für Demokratie darstellt. Doch die Palette der Toleranz zugeschriebenen Bedeutungen und vor allem Bewertungen reicht von „moralischer Wertschätzung bzw. demokratischer Tugend bis zu ihrer Verurteilung als repressive Praxis oder permissive Selbstaufgabe“[vii]. Es ergeben sich Paradoxien, wenn Toleranz im Extrem betrachtet wird: Erstens reduziert die Logik der absoluten Toleranz jeglicher Andersheit diese Andersheit als solche ebenso wie der rechtsextreme Skinhead, der den Anderen physisch zerstören möchte. Auch an der Tatsache, dass das Anders-Sein des Skinheads (seine Erziehung, Sozialisation, Lebenssituation) nicht toleriert wird, zeigt sich die Unmöglichkeit von Toleranz als einer universellen Formel[viii].
Zweitens ist der normative Anspruch von Toleranz beliebig instrumentalisierbar für unterschiedlichste strategisch-politische Ziele, für den Erhalt einer bestimmten (Minderheiten)Kultur ebenso wie für die Öffnung und Veränderung dieser Kultur. Toleranz wird gegenüber der Einzigartigkeit der je eigenen Forderung eingeklagt, die den scheinbar  beliebigen Ansprüchen der anderen Seite gegenüber gestellt wird, welche relativierbar sind und somit nicht toleriert werden müssen[ix]. Toleranz ist zu einem „frei flottierenden Signifikanten“[x] geworden, der nicht klar definierbar ist.
Welche Konsequenzen hat diese Definitions- und Deutungsvielfalt für gesellschaftliche Debatten und pädagogische Programmatiken? Lässt sich mit dem Begriff überhaupt sinnvoll arbeiten, wenn er eine solche Deutungsvielfalt transportiert? Wilhelm Heitmeyer beantwortet diese Frage negativ und argumentiert, dass „Toleranz in seinen öffentlich dominierenden Interpretationen und Verhaltensaufforderungen nicht die Lösung von schwierigen interethnischen oder interreligiösen Beziehungen darstellt, sondern Teil des Problems ist“[xi] . Er spricht von „riskanter Toleranz“, die „moralgesättigt“ und „gefährlich attraktiv“ daherkomme und als „catch-all-term“ sozialstrukturelle Probleme einer globalisierten Welt – wie etwa Desintegration - auf den Umgang mit kultureller Differenz verkürze. Zentral für einen produktiven Umgang mit Toleranz ist die Vermeidung von Moralismen sowie von Gleich-Gültigkeit, die im Relativismus endet.

In Deutschland gewinnt der Begriff der Toleranz dennoch zunehmend an Bedeutung, nicht zuletzt durch das "Bündnis für Toleranz" der Bundesregierung und zahlreiche ähnliche Netzwerke auf Länder- und Kommunalebene (z.B. "Tolerantes Brandenburg", "Münchner Bündnis für Toleranz"). Eine Vielzahl von Stiftungen und Vereinen halten Symposien und Konferenzen ab, veranstalten Lesungen und vergeben Toleranzpreise. Zu beobachten ist eine Tendenz, der Problematik von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus jenseits von Repression und pädagogischer Ausgrenzung auf konstruktive Art und Weise beizukommen und sich zum positiven Wert von Toleranz zu bekennen. Dabei wird der Versuch unternommen, den Begriff der Toleranz theoretisch neu zu besetzen und für die Bildungspraxis zu operationalisieren. Das Centrum für angewandte Politikforschung arbeitet in einem breit angelegten Bildungsprojekt mit Toleranz als Grundbegriff. Dieser soll Orientierung für verantwortungsbewusstes Handeln im Konfliktfall ermöglichen: "Toleranz definiert als Maxime, in Anerkennung des gleichen Rechts auf freie Entfaltung einen Konflikt auszuhalten oder einer friedlichen Regelung zuzuführen, wird diesem Anspruch gerecht."[xii] Toleranz wird nicht als statischer Wert oder eine zu lernende Grundhaltung verstanden, sondern als das immer neue Bemühen um ein verantwortungsbewusstes und selbstreflexives Vorgehen in Konfliktsituationen. Durch die Fokussierung auf den Konflikt als Bedingung für tolerantes Handeln, welches die Interaktion aller Beteiligten integriert, verliert der Toleranzbegriff seinen moralischen Anstrich. [xiii] Dennoch bleibt auch hier das Paradox bestehen, dass Toleranz keine umfassende Lösung für gesellschaftliche Probleme darstellt, sondern immer dann thematisiert werden muss, wenn sie abgelehnt wird.

Interkulturalität

Der Begriff der Kultur hat in Deutschland entscheidende Wendungen erfahren, die immer neu versuchten, ihn greifbar zu machen. Nach dem Zusammenbrechen des klassischen Verständnisses der „hohen Kultur“, die einen klar definierten und begrenzten Bereich vertrat und sich an bürgerlichen Werten und Normen orientierte, erfuhr der Begriff in den 1960er Jahren eine Öffnung, die versuchte, ihn zu entgrenzen und bisher unterdrückte sozialisatorische Erfahrungen wie die der Arbeiter, Frauen sowie Kunstformen von Pop bis Comic auf den gleichen Level des „Wahren, Guten und Schönen“ zu stellen und damit Ansprüche zu nivellieren. Damit liegt ein Kulturbegriff vor, der allgemeine Gültigkeit hat. So versteht Webber Kultur als "die Gesamtheit charakteristischer Denkmuster, Verhaltens- und Ausdrucksweisen, durch die einzelne Mitglieder einer nationalen, sprachlichen oder ethnischen Gruppe auf ihre grundsätzlichen menschlichen Bedürfnisse reagieren, diese für sich verständlich machen und versuchen, sie zu befriedigen[xiv]. Diese Entwicklung wiederum wurde als relativistisch verurteilt und etwa im Zusammenhang mit der Vermittlung der deutschen Kultur im Ausland kritisiert: "Ein 'erweiterter Kulturbegriff', der seine Grenzen nicht kennt und keinerlei Korrektiv gegen Beliebigkeit enthält, ist als Grundlage der auswärtigen Kulturpolitik nicht geeignet. An seine Stelle sollte ein 'offener Kulturbegriff' treten, der ethisch verantwortet, historisch begründet und ästhetisch akzentuiert ist"[xv]. Damit wurde erneut eine Eingrenzung des Begriffs vorgenommen, um ihn zu profilieren und dem Dilemma der Entscheidung zu entgehen, was von der eigenen Kultur als relevant und bedeutsam vermittelt werden sollte.
Für politische Bildung wird der Begriff der Interkulturalität relevant, der das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen und deren Umgang miteinander beschreiben möchte und ebenfalls zwischen Relativität und Identitätssuche bis hin zu gegenseitiger Stereotypisierung geprägt ist. Besonders Projekte politischer Bildung, die als Zielgruppe Migranten haben, sehen sich vor der Herausforderung, die interkulturelle Komponente in ihren Seminaren zu berücksichtigen, ohne ein Herabsetzen der Ursprungskultur der Teilnehmenden zu implizieren und so Interkulturalität mit Assimilation zu verwechseln. Als Ausweg wird oftmals „Landeskunde“ gewählt und deshalb besteht die Art der Auseinandersetzung mit kulturellem Bewusstsein “auch heute noch weitgehend und fast ausschließlich in der Übermittlung kultureller Informationen in Bezug auf Themen, wie Dienstleistungen, Transport, Essen und Trinken, touristische Attraktionen, Geographie, Erziehung, Politik, Wirtschaft, usw. Lerner mit den 'Do's and don'ts' in der fremdkulturellen Umgebung vertraut zu machen, soll dazu beitragen, dass sie, wenn sie eine 'near-native' Kommunikationsfähigkeit in der fremden Sprachen erworben haben, auch kulturell nicht als Ausländer erkannt werden“[xvi]. Derartige Ansätze haben die Tendenz, das Nachdenken über die eigenen kulturellen Voraussetzungen und Unterschiede beim Vergleich mit der Zielkultur sowie Fragen von Macht, Konflikt und Status zu unterdrücken.

Aktuell zeichnet sich ab, die Menschenrechte als unhintergehbare normative Grundlage für Interkulturalität zu begreifen. Vor dem Hintergrund der Bemühungen der Vereinten Nationen und der erst sehr langsam beginnenden Aufarbeitung der Relevanz der Menschenrechte für die deutsche Gesellschaft ergeben sich hier Potentiale, Interkulturalität neu zu verstehen. Menschenrechte werden als unverzichtbarer, kritischer Maßstab für den Umgang mit Konflikten, Macht und Status innerhalb der Einwanderungsgesellschaft betrachtet[xvii]. Interkulturalität erfährt somit eine klare anti-rassistische Grundlage, die sowohl Relativismus als auch Stereotypisierung vermeiden möchte..

Fazit

Die kurze Darstellung verdeutlicht zweierlei: Erstens muss ein Qualitätskriterium von politischer Bildung eine umfassende Beschäftigung mit den eigenen Begrifflichkeiten und deren theoretischer Verortung sein, zunächst um in der Praxis Paradoxien und Widersprüchen gewahr zu sein und diese benennen zu können und zum anderen, um die oft wohlmeinenden, aber nebulösen Diskurse im Gegenstandsfeld zuzuspitzen und zu profilieren. Zweitens können sich aufgrund der begrifflichen Analyse Demokratie lernen und interkulturelle Erziehung nicht in Informations- und Wissensvermittlung erschöpfen, sondern müssen prozesshaft und systemisch organisiert sein und sich mit Teilnehmenden jeweils neu darauf einlassen, Begrifflichkeiten für sich selbst zu operationalisieren. Somit sollte von einer vorgegebenen klaren Definition relevanter Begrifflichkeiten abgesehen werden. Stattdessen sollten ihre Ambiguitäten in den Vordergrund gerückt werden, die Perspektivwechsel ermöglichen und Dilemmata verdeutlichen, die sich in der Praxis widerspiegeln.

Mai 2004

Florian M. Wenzel
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