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"Schüsse am Aufseßplatz" - Hauptschulklasse schreibt Roman Drucken E-Mail
Geschrieben von Martina Mobley   
Mittwoch, 19. Juli 2006

Über Hauptschulen und Hauptschüler wussten die Medien in den letzten Monaten nur wenig Gutes zu berichten. Gerade deswegen ist es besonders schön, wenn sich beweist, dass dieses medial vermittelte einheitliche Bild von Problemschulen und Problemschülern nicht richtig ist. Auch wenn das Projekt um das es geht außerhalb des Einzugsbereichs des Netzwerk Politische Bildung Schwaben liegt, wollen wir darüber berichten. Denn es zeigt sehr gelungen, dass Hauptschüler auch ganz anders können, nämlich einen historischen Roman schreiben.

2006_aufseplatz.jpgAchtzehn Schülerinnen und Schüler einer inzwischen neunten Klasse der Hauptschule Hummelsteiner Weg in Nürnberg haben gemeinsam mit ihrer Lehrerin Gerda Reuss in zweijähriger Arbeit den Lebensweg eines jungen Mannes nachgezeichnet, der in der Weimarer Zeit Kommunist wurde und dessen Spur sich schließlich in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern verliert. Franz Tanzberger, so der Name des Mannes, wuchs in ärmlichen Verhältnissen in Nürnberg auf. 1932 war er vermutlich in eine Auseinandersetzung zwischen Demonstranten und Polizei auf dem Aufseßplatz beteiligt, über die es einen kurzen Zeitungsartikel aus dem gleichen Jahr gibt. Die Hauptschule Hummelsteiner Weg liegt keinen Kilometer vom Aufseßplatz entfernt, in einem Stadtteil Nürnbergs in dem die Zahl der Arbeitslosen und der Sozialhilfeempfänger hoch ist (so die Schule auf ihrer Webseite).

Dritte Auflage erscheint

Auch Franz Tanzberger stammte aus keinem Viertel, dass man als allerbeste Wohngegend bezeichnen würde. Vielleicht hat es etwas mit diesen kleinen Gemeinsamkeiten zu tun, dass die Lehrerin Gerda Reuss immerhin 18 ihrer 24 Schülerinnen und Schüler für das Projekt gewinnen konnte, an dem alle Beteiligten in ihrer Freizeit arbeiteten. Die Jugendlichen recherchierten im Staats- und im Stadtarchiv, im Schulmuseum, kämpften sich durch 800 Seiten Gerichtsakten und machten sogar einen Großneffen Franz Tanzbergers ausfindig. Die harten Fakten, die von der Recherchegruppe zusammen getragen wurden, füllten die restlichen Jugendlichen in verschiedenen Schreibgruppen mit Leben. Dies erwies sich anfangs als gar nicht so einfach, wurde aber mit Bravour gemeistert. Illustrationen, ebenfalls von den Jugendlichen erstellt, vervollständigen den Roman. Franz Tanzbergers Leben, die Nürnberger und die deutsche Geschichte kamen den Schülerinnen und Schülern, die sich davor eigentlich nicht besonders für Geschichte interessiert hatten, dabei nahe. Neben den Archiven besuchten sie auch die Gedenkstätten der Konzentrationslager Auschwitz und Nordhausen/ Dora, auf dem Transport in das letztere Konzentrationslager hatte sich Tanzbergers Spur verloren.

Neben dem beeindruckenden, knapp 200-seitigen Ergebnis selbst, welches inzwischen in dritter Auflage erscheinen wird, haben die Schülerinnen und Schüler noch viel mehr erreicht. Teamfähigkeit, Recherche, Ausdauer, verbesserte Deutschkenntnisse – bei der Mehrheit der Schüler ist Deutsch nicht die Muttersprache -, Selbstbewusstsein darüber, ein solches Projekt gestemmt zu haben und damit auf durchweg positive Resonanz gestoßen zu sein, all dies sind Dinge den Jugendlichen auch in Zukunft von großem Nutzen sein werden. Ein Teil der Klasse fängt eine Ausbildung an, die Plätze hierfür sind schon gefunden, der Rest wird weiter zur Schule gehen.

Das Buch „Schüsse am Aufseßplatz“ kann man bei der Hauptschule Hummelsteiner Weg für fünf Euro plus Versandkosten bestellen.

Hauptschule Hummelsteiner Weg
Hummelsteiner Weg 25
90459 Nürnberg

Tel: 0911 - 44 40 24
Fax: 0911 - 43 17 956
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