|
Sozialkundeunterricht. Bei diesem Stichwort denken
etliche Schülerinnen und Schüler sofort an immer wiederkehrende
Tortendiagramme, komplizierte Tabellen, Namen von Regierungsmitgliedern und
nicht enden wollende Lehrervorträge. Dass das auch anders geht, beweist der
Baustein „Bezirk Schwaben erleben“. Seit 2007 wird das bayernweit einzigartige
Programm an schwäbischen Schulen angeboten. Dominik Limmer, Student der
Pädagogik und Politikwissenschaft an der Universität Regensburg, hat den
Baustein für seine Magisterarbeit genauer unter die Lupe genommen.
Entwurf des
Fragebogens
Für seine Abschlussarbeit hat Dominik Limmer zunächst drei
Fragenkomplexe ausgearbeitet: politisches Wissen, politisches Interesse und
politische Teilhabe. Im ersten Teil – politisches Wissen – ging es dem
Studenten in erster Linie um Daten und Fakten, um theoretisches Wissen. Wert
legte er dabei auch darauf, wie gut die befragten Schülerinnen und Schüler Zusammenhänge
erkennen und Einflussmöglichkeiten auf die Politik abschätzen können. Die
Fragen im zweiten Teil zum politischen Interesse sind sehr abstrakt gehalten.
So sollten die Befragten beispielsweise ganz allgemein angeben, ob sie sich für
Kommunal- oder Bundespolitik interessieren. Bei dem Komplex politische Teilhabe
als dritten und letzten Teil des Fragebogens, wollte Dominik Limmer
herausfinden, in wie weit sich die Schülerinnen und Schüler vorstellen könnten,
selbst in der Politik (im weitesten Sinne) aktiv zu werden.
Durchführung
Für die praktische Umsetzung seiner Arbeit erhielt der
Regensburger Student Unterstützung von Fritz Multrus. Der Sozialkundelehrer am
Gymnasium Schwabmünchen und Fachreferent für Sozialkunde beim
Ministerialbeauftragten in Schwaben war bereits an der Entwicklung des
Bausteins „Bezirk Schwaben erleben“ beteiligt gewesen und hatte Dominik Limmer
schon im Vorfeld bei der Erstellung des Fragebogens beraten. In zwei zehnten
Klassen, die den gleichen Basisunterricht zum Thema Kommunalpolitik erhalten
hatten, verteilte Fritz Multrus zunächst den Evaluationsbogen. Einer der beiden
Klassen durfte kurze Zeit später an einem darauf aufbauenden und den Stoff
vertiefenden Projekttag teilnehmen.
Projekttag
In circa vier Sozialkundestunden hatten die Zehntklässler
die Theorie rund um die Kommunalpolitik Schwabens erarbeitet. Sie hatten sich
unter anderem mit den Strukturen der Bezirksregierung, den Aufgaben einzelner
Beamter sowie mit bezirksverwalteten Institutionen auseinandergesetzt. Darüber
hinaus wurden die Schülerinnen und Schüler methodisch auf dem Projekttag
vorbereitet: Wie führe ich ein Interview? Wie stelle ich Fragen an einen Experten,
ohne einen unverständlichen, langen Fachvortrag, sondern kurze, prägnante Antworten
zu erhalten? Wie kann ich die Ergebnisse wirkungsvoll präsentieren? Mit diesem
Know-how, das übrigens ein wichtiges Lernziel der politischen Bildung ist,
ausgestattet konnte die Klasse nach Augsburg aufbrechen.
Zuerst besuchten die Schwabmünchener Gymnasiasten den Bezirkstag.
Nach der Begrüßung und einführenden Worten der Pressereferentin durften die
Schülerinnen und Schüler selbst aktiv werden. Parallel befragten kleine
„Expertengruppen“ einzelne Mitarbeiter. Noch in den Räumen des Bezirkstags
stellten sie die Antworten bzw. Ergebnisse ihren Klassenkameraden vor. Dass die
Gymnasiasten sehr aufmerksam und interessiert ihre Gespräche geführt hatten,
zeigten diese engagiert vorgetragenen Kurzreferate.
Den Nachmittag verbrachte die Zehntklässler im Augsburger
Klinikum, das ebenfalls dem Bezirk unterstellt ist. Ähnlich wie zuvor im
Bezirkstag hatten die Gymnasiasten auch hier die Möglichkeit, Ärzte,
Psychologen und Betreuer zu interviewen.
Die letzte Aufgabe für den Projekttag lautete schließlich:
Fragebogen ausfüllen!
Ergebnisse
Der Praxistag zeigte Wirkung. Die Schülerinnen und Schüler,
die daran teilnehmen durften, schnitten in den Bereichen Wissen und Teilhabe im
Vergleich zu den Ergebnisse aus dem zuvor von ihnen ausgefüllten Fragebogen und
auch in Gegenüberstellung mit den Ergebnissen der Kontrollgruppe deutlich
besser ab. Lediglich im zweiten Teil, dem Bereich politisches Interesse, ließen
sich keine signifikanten Unterschiede ausmachen.
Dominik Limmer hat dies nicht wirklich überrascht. Er hatte
sich mit Hilfe der Fachliteratur einen breiten Überblick verschafft und konnte
die Ergebnisse so relativ gut abschätzen. Dennoch fiel ihm eines besonders auf:
Die Antworten der Projekttag-Klasse spiegelten größeres Engagement wider. Sie gingen eindeutiger auf
die Fragen ein und antworteten darauf ausführlicher und präziser als ihre Mitschüler
aus der Parallelklasse.
Sieht man sich dann auch die Ergebnisse im Teil politische
Teilhabe an, so muss man feststellen, dass hier von den Zehntklässlern um
einiges mehr positive Antworten kamen. Viele konnten sich vorstellen im
Krankenhaus, etwa in der Pflege, zu helfen, in der Jugendarbeit oder auch in
Umweltprojekten aktiv zu werden.
Folgerungen
„Der Baustein ist meiner Meinung nach inhaltlich sehr gut
aufbereitet“, bemerkt Dominik Limmer. Die Ergebnisse seiner Evaluation zeigen
deutlich, dass sich gerade der Besuch auf dem Amt und in einer ihr
unterstellten Institution – natürlich nur in Kombination mit entsprechender
Vorbereitung – lohnt und sich äußerst positiv auf das Wissen der Schülerinnen
und Schüler auswirkt. Für die Unterrichtspraxis wären derartige Projekttage
natürlich wünschenswert. Allerdings sind sie mit großem Organisations- und
Zeitaufwand verbunden, was etliche Lehrer an Aktivitäten außerhalb des Klassenzimmers
hindert. „Es herrscht im Fach Sozialkunde leider immer noch der
Frontalunterricht vor. Das liegt nicht zuletzt daran, dass dem
Sozialkundeunterricht am Gymnasium momentan relativ wenig Raum gegeben wird.“
gibt der Regensburger Student zu Bedenken.
Das Interesse am Baustein „Bezirk Schwaben erleben“ jedoch
ist groß. Die regelmäßig stattfindenden Lehrerfortbildungen kommen gut an. Drei
bis vier Schule in Augsburg setzen das Konzept bereits um. Nachdem sich in der
aktuellen Forschung und auch in der öffentlichen Diskussion alles um generelle,
einheitliche Bildungsstandards dreht, könnte der Baustein auch über die Grenzen
Schwabens hinaus – nach entsprechender Standardisierung – erfolgreich
eingesetzt werden.
Aufgerufen: 721
Nur registrierte Benutzer können Kommentare schreiben. Bitte melden Sie sich an oder registrieren Sie sich. Powered by AkoComment Tweaked Special Edition v.1.4.5 |