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Interview mit Prof. Dr. Gerhard Kral Drucken E-Mail
Geschrieben von Redaktion   
Donnerstag, 29. September 2005

Als der Bezirksjugendring Schwaben das Projekt ?Politische Bildung? startete, sollte in der Phase I eine Bestandsaufnahme über Angebot und Nachfrage an politischer Bildung in Schwaben erreicht werden. Prof. Dr. Gerhard Kral von der Katholischen Stiftungsfachhochschule München/Benediktbeuern wurde die Leitung über das Forschungsprojekt ?Forum: Politische Bildung? vom Juli 2002 bis Dezember 2003 übertragen. Im November 2002 wurde eine umfassende Untersuchung durchgeführt.

Gab oder gibt es bereits ähnliche Projekte oder Untersuchungen?

Prof. Kral: Was die Thematik betrifft, kenne ich keine vergleichbaren Untersuchungen, schon gar keine, an denen die Hochschule beteiligt war. Was die Erhebung und die Perspektiven betrifft, gibt es durchaus Vergleichbares. So leite ich zur Zeit ein Forschungsprojekt ?Seniorinnen und Senioren für die Um-Welt? zur Aktivierung von Seniorinnen/en zum bürgerschaftlichen Engagement. Dabei gibt es starke Parallelen zum Projekt ?Forum: Politische Bildung? hinsichtlich Datenerhebung, zeitlicher Rahmensetzung und einem ?Atlas? des Angebots als Ergebnis der Untersuchung.

Was war die größte Herausforderung an der Untersuchung?

Prof. Kral: Die größte Herausforderung war ganz eindeutig die Fragebogenaktion. Die schwierigsten Schritte waren die Entwicklung der Fragen und die Festlegung dessen, worauf explizit eingegangen werden sollte. Auch die Entscheidungen, was in den Fragenbogen aufgenommen wird und was nicht, waren nicht einfach. Des weiteren war eine Präzisierung bestimmter Aussagen wichtig, was durch eine Interview-Aktion erreicht wurde.

Was sind für Sie die wichtigsten oder zentralen Ergebnisse der Erhebung?

Prof. Kral: Das zentrale Ergebnis der Untersuchung ist, dass es einerseits ein flächendeckendes, sehr variantenreiches Angebot an politischer Bildung gibt, andererseits eine enorme Nachfrage an Kooperation und Experten. Es ist zu sehen, dass Angebot und Nachfrage durchaus bestehen, doch was fehlt, ist ein Brückenschlag. Es fehlte der Dialog, eine Plattform oder Forum, wo beide Seiten zusammenkommen. Dies führt folgerichtig zu der Vernetzung der politischen Bildung, um das bestehende Vakuum zu füllen.

Wo würden Sie bei der Vernetzung der politischen Bildung in Schwaben zuerst ansetzen?

 Prof. Kral: Wir nehmen aus den Interviews und den Befragungen exemplarisch genau die Institutionen heraus, bei denen der Wunsch, das bestehende Defizit zu schließen, am klarsten herauskommt. Dabei sollten wir uns vor allem von den Einrichtungen und Institutionen leiten lassen, die bereits interessante und nachahmungswerte Modellprojekte, mit all ihren Erfahrungen, haben. Hierzu gehört auch die Vermittlung von Experten, die bereits für politische Bildung zur Verfügung stehen, jedoch weitgehend unbekannt sind. Auch sollen alle ?Einzelkämpfer der politischen Bildung? wissen, dass sie in ihren Bemühungen nicht alleine sind, sondern in der Vernetzung Unterstützung finden.

Welche Rolle spielt die politische Bildung an Schulen verglichen mit außerschulischer politischer Bildung?

Prof. Kral: Im Vergleich zur außerschulischen politischen Bildung ist in Schulen die politische Bildung in einem Lehrplan verankert. Sie ist dadurch einerseits in ihrem Spielraum eingeschränkt jedoch auch dauerhaft und kontinuierlich gesichert. Leider ist die Sozial- oder Gemeinschaftskunde an den Schulen verglichen mit anderen Fächern völlig unterbelichtet. Gerade der nächste, die Schulen am meisten betreffendste Bereich, die Kommunalpolitik, ist an vielen Schulen überhaupt nicht existent. Wenn Exkursionen zur praktischen Politik eingebaut werden, so fährt man vorzugsweise nach Berlin oder München. Die Ursache dafür ist zum einen die höhere Attraktivität einer überregionalen Exkursion, zum anderen liegen diese Angebote auf dem Tisch. Landtagsabgeordnete, Bundestagsabgeordnete und auch in hohem Maße die Bundeswehr bieten Projekte, inklusive deren Finanzierung. Auf der anderen Seite haben die Kommunen, Kommunalpolitiker und Bürgermeister bisher nicht erkannt, dass sie für ihre Anliegen werben müssen. Dies würde den Beteiligten der Kommunalpolitiker mehr Akzeptanz und stärkere Beteiligung bringen. Hier würde ein ?Baustein Kommunalpolitik? für Schulen genau diese Schwachstelle verbessern. Außerschulisch ist die politische Bildung quantitativ äußerst gering. Bestimmte Institutionen bieten zwar politische Bildung qualitativ sehr hoch an, diese sind jedoch zahlenmäßig sehr beschränkt und fast ausschließlich gewerkschaftlich oder parteimäßig gebunden. In vielen anderen Verbänden und Organisationen ist die Notwendigkeit der politischen Bildung entweder nicht erkannt oder einfach vernachlässigt worden.

Was sehen Sie als Kriterien einer gelungen Vernetzung der politischen Bildung in Schwaben?

Prof. Kral: Das wichtigste Kriterium ist eine Plattform der Begegnung. Hier muss jederzeit Kontakt aufgenommen oder geknüpft werden können und die Möglichkeit bestehen, sich je nach Bedarf aktuell zu informieren. Als Plattform bietet sich eine Website im Internet am besten an. Im Vergleich zu einem gedruckten ?Atlas der politischen Bildung? kann hier die Aktualität gewährleistet werden und es ist möglich von allen Seiten Kontakt aufzunehmen. Zusätzlich sollte von einer verantwortlichen Stelle aus in jährlichem Abstand eine Fachtagung oder ein Forum angeboten werden, wo zusätzlich zur kontinuierlichen, jedoch unpersönlichen Kontaktaufnahme, der persönliche Kontakt möglich ist. Hier könnte ich mir den Bezirksjugendring Schwaben als möglichen Koordinator vorstellen.

Wie kann Politik Ihrer Meinung nach am besten vermittelt werden?

Prof. Kral: Als Voraussetzung der Politikvermittlung ist es zunächst entscheidend, dass eine akzeptable Politik geboten wird. Diese Politik muss normativ sein und in der Lage, Visionen zu vermitteln. Anstelle von politischer Verwaltung muss politische Gestaltung stattfinden. Erst durch eine glaubwürdige Politik wird politische Bildung vermittelbar. Des weiteren darf politische Bildung keine kognitive Wissensvermittlung sein, sondern handlungsorientiert und auf das Erleben ausgerichtet. Es muss Ziel sein, Räume zu schaffen für aktives Mitgestalten ? so beispielsweise in Schul- oder Studienprojekten - nur so wird Politik erlebbar.

Herr Professor Kral, wir danken Ihnen für das Gespräch! 

 
 
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