Politische Bildung auf neuen Wegen:Netzwerk Politische Bildung in Schwaben

Geschrieben von Christian Boeser, Winfried Dumberger-Babiel, Gerhard Kral, Bernhard Lemaire (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 29. September 2005 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2005/09/politische-bildung-auf-neuen-wegennetzwerk-politische-bildung-in-schwaben/>
Abgerufen am 21. Januar 2022 um 14:36 Uhr

logo_3_klein_web_copy.gifIm BLZ-REPORT 04/03 wurde über das Netzwerk Politische Bildung in Schwaben berichtet. Hier ist dieser Artikel, in dem die Ziele, die Vision und die wissenschaftliche Begleitung des Projektes beschrieben sind.

Der Bezirksjugendring Schwaben beschreitet neue Wege der Intensivierung und Vernetzung der politischen Bildung im Bezirk Schwaben, unterstützt von der Katholischen Stiftungsfachhochschule München und in Kooperation mit der Universität Augsburg sowie der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. Im Frühjahr 2002 hat der Bezirk Schwaben den Bezirksjugendring ermutigt, im Rahmen der Bezirksagenda 21 für den gesamten Regierungsbezirk eine Bestandserhebung zur politischen Bildung durchzuführen und ein Netzwerk mit den Organisationen der politischen Bildung in Schwaben aufzubauen. Seit Juli letzten Jahres läuft die Erprobung des Modellprojekts “Wegen Renovierung geöffnet – Forum: Politische Bildung in Schwaben”. Dafür hat die Katholische Stiftungsfachhochschule München als Kooperationspartner die wissenschaftliche Begleitung bis zum Jahresende 2003 übernommen. Die Universität Augsburg ist durch einen wissenschaftlichen Mitarbeiter am Lehrstuhl für Pädagogik mitbeteiligt. Ferner unterstützt das Centrum für Angewandte Politikforschung München (C.A.P.) den Forschungsprozess durch die Bereitstellung eines eigenen Internet-Zuganges, die Vermittlung methodischen Know-hows bei der Gestaltung von Workshops und Tagungen. Auch die Bayerische Landeszentrale für Politische Bildungsarbeit fördert das Projekt als Kooperationspartner. Das Projekt des Bezirksjugendrings Schwaben ist in Bayern bisher einmalig. Es wird vom Bezirk Schwaben finanziert.

Die Zielsetzung

Dem Projekt liegt ein weit gefasster Begriff der Politischen Bildung zugrunde. Politische Bildung wird verstanden als bewusste, an den Normen der Demokratie orientierte Arbeit für die politische Kultur und als unverzichtbarer Baustein für die kulturelle, ökonomische, ökologische, soziale und politische Entwicklung von Staat und Gesellschaft. Sie ist Übungsfeld für demokratische Beteiligung. Ohne sie wird Demokratie nicht lebendig bleiben. Sie ist dem gemäß auch ein Aktions- und Betätigungsfeld im Rahmen praktizierten bürgerschaftlichen Engagements. Mit dem Modellprojekt soll nach einer Bestandserhebung über die Politische Bildung in Schwaben ein Netzwerk mit verschiedensten schulischen und außerschulischen Organisationen aufgebaut werden, die im Bereich der Politischen Bildung tätig sind. Endziel ist die Vernetzung politischer Bildung: Aufbau einer Kommunikations- und Koordinationsplattform auf Bezirksebene, Schaffung von Möglichkeiten des Erfahrungsaustausches, der Projektarbeit und der Weiterentwicklung der politischen Bildung, Durchführung regelmäßiger Treffen, um das Netzwerk politische Bildung zu erhalten und um verschiedene Themenbereiche weiter zu verfolgen, Herausgabe und Veröffentlichung eines “Atlas Politische Bildung in Schwaben”.

Insgesamt geht es darum, den sozialen Zusammenhalt und den Bürgersinn zu fördern und Vertrauen, Beteiligung und Engagement auszubauen. Sein besonderes Profil gewinnt das Projekt durch die Bevorzugung neuer Formen und Methoden der aktivierenden Mitarbeit und Beteiligung, wie sie bereits erfolgreich bei einer Tagung unter dem Motto “Wegen Renovierung geöffnet – Baustelle: Politische Bildung in Schwaben” am 27. Juni 2003 eingesetzt wurden; aber auch durch seinen Anspruch, auf der Grundlage der erhobenen Daten schulische und außerschulische Interessen und Angebote zu vernetzen sowie neue, intensive Kooperationsformen zu ermöglichen. Beispielhaft dafür ist das vom Projekt initiierte und angeschobene Unternetzwerk von ehrenamtlich tätigen Studierenden in Augsburg, die ihre Erfahrungen ganz im Sinne der “Schule in der Bürgergesellschaft” an Schulen vor Ort weiter vermitteln. Studierende haben sich im Studium und in Fortbildungen Kompetenzen für zwei Programme des C.A.P. angeeignet (Jugend und Europa – Ein Planspiel zur Osterweitung der Europäischen Union; Achtung (+) Toleranz – Wege demokratischer Konfliktregelung).

Die Vision

Bayerisch-Schwaben 2004: Politische Bildung ist in Schwaben eine Aufgabe, der sich Jugend- und Erwachsenenbildung, Verbände, Initiativen, Schulen und Politik gemeinsam widmen. In einer Vielzahl konkreter Projekte wird daran gearbeitet, Politik nicht nur intellektuell zu vermitteln, sondern erlebbar zu machen. Unterstützt durch das Schwäbische Netzwerk Politische Bildung gelingt es Veranstaltern, geeignete Referenten oder Moderatoren für konkrete Themen oder Projekte zu finden. Der Erfahrungsaustausch im thematisch gegliederten Forum einer Netzwerkhomepage ermöglicht es, aus den Fehlern, aber auch aus den Erfolgen anderer Träger politischer Bildung zu lernen. Sozialkundelehrer können sich beispielsweise auf der Homepage über aktuelle Möglichkeiten für Exkursionen, Projekttage oder längerfristige Projekte informieren, können auf die Erfahrungen anderer Schulen und anderer Träger zurückgreifen und den richtigen Ansprechpartner für die Umsetzung eigener Ideen finden. Zwischen Trägern Politischer Bildung und Politikern findet ein regelmäßiger Austausch statt. Politische Bildung wird in ihrer grundsätzlichen Bedeutung anerkannt und nicht auf die Rolle der “Feuerwehr” z. B. bei rechtsextremistischen Übergriffen reduziert.

Wissenschaftliche Begleitung: Bestandsaufnahme und Perspektiven

Im November 2002 wurden Institutionen, die im weitesten Sinne mit außerschulischer politischer Bildung befasst sind, schriftlich befragt (u. a. Volkshochschulen, Kreis- und Stadtjugendringe, Jugendverbände, Bildungsstätten, kirchliche Bildungswerke). Themen waren der Stellenwert politischer Bildung, die jeweiligen Angebote (Inhalte und Veranstaltungsform) und Zielgruppen. Zentral war auch die Frage nach vorhandenen Ressourcen (z. B. Referenten und Infrastruktur), die anderen Organisationen zur Verfügung gestellt werden können. Da gleichzeitig der Bedarf an gewünschter Unterstützung abgefragt wurde, können konkrete Kooperationen zwischen verschiedenen Trägern politischer Bildung angestoßen und in einem nächsten Schritt ein schwäbisches Netzwerk für Politische Bildung etabliert werden. Alle weiterführenden Schulen in Schwaben wurden angeschrieben, bereits laufende Projekte zur politischen Bildung zu nennen und ihre Kooperationsinteressen mit Trägern außerschulischer politischer Bildung deutlich zu machen.

Die wissenschaftliche Begleitung des Projektes ist generell in zwei Hauptphasen eingeteilt: Für die erste Phase des Projekts standen als Ziele im Vordergrund: 1.) Bestandsaufnahme und Erfassung der Strukturen: Wo steht die politische Bildung derzeit in Schwaben, sowohl im Jugend- wie im Erwachsenenbereich? Es
sollte eine möglichst vollständige Übersicht über die Anbieter gewonnen werden; 2.) Schaffung von Transparenz über Dienstleistungen und Angebote bei Organisationen, die politische Bildung betreiben und Themen bzw. Veranstaltungsformen anbieten; 3.) eine Übersicht über Kommunikations- und Vernetzungswünsche.

Dazu wurden insgesamt rund 500 Fragebögen an Schulen und an Organisationen verschickt, die im Bezirk Schwaben Politische Bildung anbieten oder anbieten könnten. Die Aktion war im Vergleich zu anderen Forschungsvorhaben beachtlich erfolgreich: die Rücklaufquote insgesamt betrug immerhin über 41%. Während die Rücklaufquote im Schulbereich bei den Gymnasien mit 33,3% ebenfalls noch erfreulich gut ausfiel, war der Rücklauf bei den anderen Schularten dagegen eher enttäuschend (Rücklaufquote alle Schulen zusammen: 10,3%). Aufgrund der Angaben in den Fragebögen der schriftlichen Erhebung wurden exemplarisch 20 Bildungsstätten und Schulen für vertiefende, qualitative Einzelinterviews ausgewählt. Aus den bisher geführten Interviews ergab sich, dass gerade bei den Fachlehrerinnen und -lehrern am Gymnasium ein erhebliches Interesse und ein gewichtiges Potenzial zur Verbesserung der Politischen Bildung vorhanden sind, dass diese jedoch der professionellen Unterstützung von außen bedürfen. Darauf basiert sicher die große Zahl der Rücksendungen und die starke Bereitschaft, im Rahmen von nachfolgenden Interviews, eigene Erfahrungen, Bedürfnisse und Wünsche mitzuteilen und in das Projekt einzubringen.

Erste Erkenntnisse der Fragebogenaktion und mehrere lokale Projekte wurden exemplarisch Ende Juni 2003 auf einer Tagung öffentlich präsentiert, bei der neben den befragten Institutionen und Schulen auch Wissenschaftler und Bezirksräte aktiv teilnahmen. Hier kam es zu ersten Kontaktaufnahmen und konkreten Absprachen für eine Vernetzung. Die Tagung wurde zusammen mit dem Schwäbischen Bezirkstag durchgeführt, um insbesondere den Dialog zwischen politischen Bildnern und Politikern zu erleichtern.

Diese Tagung war der Auftakt zur derzeit laufenden zweiten Phase, in der es nun um die Schaffung einer Kommunikations- und Koordinationsplattform auf der Ebene des Bezirks geht. Dabei sollen Möglichkeiten des Erfahrungsaustausches, der Projektarbeit und der Weiterentwicklung der politischen Bildung erprobt werden, mit verbesserten Modalitäten für gemeinsame Aktionen und Kooperationsformen, z. B. zwischen Schulen und außerschulischen Anbietern politischer Bildung. Um das Netzwerk Politische Bildung zu pflegen und um verschiedene Themenbereiche weiter zu verfolgen, ist an die Herausgabe eines Nachschlagewerkes “Atlas – Modellprojekte der Politischen Bildung in Schwaben” mit zukunftsweisenden Beispielen der politischen Bildung und einem Experten-Pool zum Abschluss der wissenschaftlichen Begleitung gedacht. Es ist eines der wichtigsten Ziele der Forschungstätigkeit, mit einem Zugriff erstens alle Einrichtungen bekannt zu machen, die Angebote der Politischen Bildung zur Verfügung stellen können, zweitens alle Ressourcen, die genutzt werden können und drittens schließlich Experten mit ihrem persönlichen Kompetenzprofil, mit denen Kontakt aufgenommen werden kann. Wünschenswert wäre eine ständig aktualisierbare Präsentation über das Internet.

In den Aussagen der schriftlichen Befragung und den Interviews zeichnet sich ganz deutlich ab, dass sowohl eine große Nachfrage nach Kooperationen insbesondere bei Schulen besteht, die bislang nicht befriedigt werden konnte: es fehlte oft das Wissen über vorhandene Chancen der Kooperation, als auch ein thematisch breit gefächertes Angebot an Projekten und Veranstaltungen vorzufinden ist und somit ein Pool von Expertinnen und Experten gebildet werden könnte, die bisher ihre Kompetenzen nicht “vermarkten” konnten. Aus ihrer Perspektive fehlten Ansprechpartner und auf Seiten potenzieller Nutzer war die vorhandene Chance einfach nicht bekannt.

Signifikant ist das weite Auseinanderklaffen von Angebot und Nachfrage unter insgesamt 45 genannten Themenbereichen der Politischen Bildung und Kompetenzen für politisches bzw. bürgerschaftliches Engagement bei Parteien, Verbände, Bürgerinitiativen, bei Europa/EU (geringes Angebot – große Nachfrage), bei Ökologie (großes Angebot – geringe Nachfrage) sowie Interkultureller Dialog, Konfliktfähigkeit und Toleranzfähigkeit.

Bemerkenswert ist auch der Vergleich vorhandener Ressourcen (Räumlichkeiten, Übernachtungsmöglichkeiten, Referentinnen und Referenten zu speziellen Themenkomplexen, Instrumenten der Qualitätssicherung und Methodenkompetenz) mit der Nachfrage danach sowie des Ressourcenbedarfs von Schulen, insbesondere von Gymnasien in Schwaben. Obwohl Ressourcen in beachtlichem Ausmaß vorhanden sind und teils entgeltlich, teils unentgeltlich zur Verfügung stehen, wird davon kaum Gebrauch gemacht. Andererseits wird vielfach Bedarf signalisiert, aber beklagt, es fehle an Informationen, an wen man sich wenden könnte. In den Interviews wurde immer wieder der Wunsch geäußert, mit Kolleginnen und Kollegen in Kontakt zu kommen, die eigene, nachahmenswerte Projekte der Politischen Bildung entwickelt und praktiziert oder in Kooperation mit anderen Einrichtungen durchgeführt haben. Eine typische Äußerung: “Ich fühle mich als Einzelkämpfer, wie Robinson auf seiner Insel, wohl wissend, dass in meiner Stadt mindestens vier andere, ebenso isolierte Inselkämpfer sind. Warum müssen wir denn alle, jeder auf seiner Insel, das Rad neu erfinden und so unsere Kraft verschwenden?!”.

Das in der Untersuchung zu Tage getretene Verständnis von Politischer Bildung in ihrem Facettenreichtum und in ihrer Bedeutung für den einzelnen, die Gesellschaft und die Politikgestaltung in unserer demokratischen Verfassungsordnung ist sehr bemerkenswert. Erstaunlicher- und erfreulicherweise stehen bei den Rückmeldungen Aspekte im Mittelpunkt, die weit über den traditionellen, viel zu engen Begriff der Politischen Bildung hinausreichen. Politische Bildung wird verstanden als Motivation zur Teilhabe, als Emanzipation, als Fundament zum mündigen und handlungsorientierten Verantwortungsbewusstsein in der Bürgergesellschaft, als aktive Lebensgestaltung, als Bestandteil der Persönlichkeitsentwicklung und Erweiterung der Handlungskompetenz. Politische Bildung wird gesehen als Vermittlung von Wertvorstellungen und ethische Wertbegründung im gesellschaftlichen wie privaten Handeln, aber auch als Befähigung zur eigenen Interessenvertretung und zur advokatorischen helfenden Interessenvermittlung für soziale Gruppen, denen die – im Interessenpluralismus notwendige – Organisations- und Konfliktfähigkeit nicht oder nur unzureichend zur Verfügung steht.

Die durchaus regional breit vorhandenen Angebote und Ressourcen öffentlich bekannt zu machen, die Interessenslage transparent zu gestalten und eine Plattform für ein
en intensivierten Austausch und für sachbezogene Kontakte zu entwickeln, bleibt Aufgabe des Forschungsprojektes. Jede und jeder ist zur weiteren Unterstützung unseres Vorhabens aufgerufen. Je mehr Kolleginnen und Kollegen der Politischen Bildung unser Anliegen als ihr eigenes Interesse erkennen und sich zur Mitarbeit anspornen lassen, desto beeindruckender kann der ATLAS an Gestalt gewinnen.

Kontakt:

Bezirksjugendring-Schwaben@ t-online.de (Bezirksjugendring-Schwaben null@null %20t-online NULL.de)
kral.bb@ksfh.de (kral NULL.bb null@null ksfh NULL.de)

Quelle:

BLZ-REPORT 04/03
http://www.stmuk.bayern.de/blz/report/04_03/3.html (http://www NULL.stmuk NULL.bayern NULL.de/blz/report/04_03/3 NULL.html)