“Misch mit” – kommunale Partizipation von Kindern im Landkreis Amberg-Sulzbach

Geschrieben von Markus Mitterlehner (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 9. Januar 2011 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2011/01/kommunale-partizipation-kinder-amberg-sulzbach/>
Abgerufen am 15. Dezember 2019 um 17:07 Uhr

“Misch mit” – Bau Dir deine Stadt! So lautet der Titel der Bachelorarbeit von Regina Vogel, die im August 2010 ihren Abschluss an der KSFH Benediktbeuern absolviert hat.

Regina Vogel war über einige Jahre hinweg Leiterin des Spielebusses im Landkreis Amberg – Sulzbach. Aus diesem Langzeitprojekt resultierte die Idee, Kinder bei der Gestaltung ihrer Stadt aktiv mit einzubeziehen – eben “misch mit”!

  1. Was war Ihre Motivation, eine Arbeit über die politische Partizipation von Kindern in der kommunalen Politik zu schreiben?

Im Frühjahr 2008 entstand auf Initiative der Kommunalen Jugendpflegerin Julia Schötz die Idee, ein Projekt zur Partizipation von Kindern in der Kommunalpolitik im Landkreis Amberg-Sulzbach zu machen. Um möglichst viele Kinder zu erreichen, wurde entschieden, dieses Projekt unter dem Titel „Misch mit – Bau dir deine Stadt“ ins Programm des Spielebus Maxl aufzunehmen.

Ein Spielebus wird häufig mit der Meinung „Schön dass die da sind, aber die spielen ja eh nur“ konfrontiert, während die Verbindung von Kindern und Politik eher die Meinung „Die interessieren sich eh nicht dafür und verstehen können sie es auch nicht“ hervorruft. Diese beiden Pole zu verbinden und beide Meinungen zu widerlegen ist mit „Misch mit“ gelungen.

Beide Meinungen zu hinterfragen und anhand des Projektes zu reflektieren, war aber auch die Motivation diese Arbeit zu schreiben.

2. Zu welchen Ergebnissen sind Sie in ihrem Projekt „Misch mit“ gekommen?

„Misch mit“ konnte erstmal aufzeigen, wie interessiert Kinder an ihrer Umwelt, also auch an Politik sind. Kinder leben in einem sozialen Umfeld, dieses wird durch Kommunalpolitik strukturiert und gestaltet – warum also sollten sich Kinder nicht auch für das interessieren, was um sie herum passiert. Kommunalpolitik ist für Kinder dafür durchaus personifiziert – der Nachbar ist der Bürgermeister, die Mama im Gemeinderat. Damit bekommt das „unsichtbare“ politische Geschehen Namen und Identität, es wird ein Teil des Alltags.

Kinder wollen mitmischen, Kinder sind bereit Verantwortung zu übernehmen, Kinder wollen Erklärungen, Kinder haben Ideen, Kinder sind bereit Kompromisse einzugehen, Kinder denken nicht nur an den eigenen Vorteil – die Liste der Ergebnisse ist beliebig fortsetzbar.

Letztendlich hat „Misch mit“ gezeigt, wie wichtig es ist Kinder auch in der Politik zu beteiligen – und zwar direkt und wie sehr Kinder dies auch wollen. Sie wollen wahrgenommen werden – alltäglich.

3. Was sind die Kernthesen Ihrer Arbeit und inwiefern sind diese für die politische Bildung relevant?

Kernthese meiner Arbeit ist, dass Beteiligung nicht ohne Wissen von Politik funktionieren kann. Dieses Wissen muss so breit wie möglich sein und so früh wie möglich vermittelt werden, um Berührungsängste vor Politik zu nehmen und Interesse so weit wie möglich zu streuen. Berührungsängste zu Politik sind durchaus da, im Kindes- wie Erwachsenenalter.

Eine weitere These ist, dass alle Kinder ein grundlegendes Interesse an Politik haben – vor allem Kommunalpolitik ist ihre Gegenwart und ihre Zukunft. Direkt vor der Haustür der Kinder. Dieses Interesse muss wahrgenommen und aktiviert werden – nicht nur einmal im Jahr als „Highlight“, sondern ständig und immer wieder- Politik, Demokratie und politisches Geschehen muss Alltag für Kinder werden.

Ob der Spielebus ein mögliches Mittel dafür ist – so ein weiteres Kernthema. Am Anfang ja – als Aufmerksammacher, als Mittler zwischen Kindern und kommunalen Gestaltern, zwischen Gesellschaftsleben und Kinderalltag. Weil ein Spielebus vor Ort ist, Kinderöffentlichkeit herstellen kann, in der Lebenswelt der Kinder ist, motiviert und animiert – aber auch weil er unvoreingenommen von den Kindern berichten kann.

Aufmerksamkeit alleine genügt nicht – das Möglichmachen, das direkte Beteiligen in der Kommune vor Ort – dies kann ein Spielmobil nicht. Aber Projekte wie „Misch mit“ stellen die Weichen dazu.

4. Können Sie kurz vorstellen, welche Erfahrungen Sie mit Kindern und politischer Bildung gemacht haben? Besteht Interesse bei Kindern in der kommunalen Politik „mitzumischen“?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich gerne allen sagen würde „Keine Angst vor Politik und Kindern“– allen, dass heißt vor allem den „Großen“, ich möchte dabei aber auch appellieren „Konfrontiert Kinder mit Politik“ – je früher, desto besser. Wenn für Kinder Politik selbstverständlich ist, sie Instrumente und politische Wege kennen, können sie sich beteiligen, sie haben auch keine Berührungsängste vor der großen Politik. Im Sommer 2009 haben über 600 Kinder gezeigt, dass sie Interesse haben, es kam kein „…langweilig!“. Kinder haben sich interessiert, was Bürgermeister machen, wieso es einen Landrat gibt, welche Funktionen die Kommunalpolitik hat, wieso es Demokratie gibt und warum überhaupt Politik nötig ist. Sie haben vor allem erfahren, dass es auch „ihre Politik“ ist. Nicht nur die Politik der Großen. Die Kinder haben also in ihrer Kommune gedanklich gestaltet – die Ergebnisse waren vielfältig: Von der Unterführung unter der Bundesstraße, um heil zu einem Freund zu kommen, über Schwimmbäder und Spielplätze bis hin zum Einkaufsladen. Politische Bildung in Kommunen und in einem Landkreis wie beispielsweise Amberg Sulzbach ist nicht nur Kommunalpolitik vor Ort, es ist Kultur und Gesellschaft und soll bald auch Alltag sein.