“Freiwilliges Engagement bietet jungen Menschen eine Chance” – Ein Interview mit Miriam Gruß von der FDP

Geschrieben von Claus Wagner (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 29. März 2011 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2011/03/miriam-gruss-freiwilliges-engagement/>
Abgerufen am 15. Dezember 2019 um 16:51 Uhr

Frau Gruß, Sie sind Kreisvorsitzende der FDP Augsburg Stadt, Generalsekretärin der FDP in Bayern und Familienpolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, sind also auf drei politischen Ebenen aktiv. Gibt es hier ein Politikfeld, für das Ihr Herz besonders schlägt? Wie stark sind Sie in der schwäbischen Kommunalpolitik verwurzelt?

Ich bin in Bobingen geboren, in Königsbrunn aufgewachsen und lebe jetzt schon lange Jahre in Augsburg. Hier habe ich meine Familie, viele Freunde und hier habe ich meine ersten Schritte in der Politik unternommen, als ich 1997 in die Augsburger FDP eingetreten bin. Natürlich bedeutet mir die Region sehr viel. Und natürlich spielt die Kommunalpolitik immer eine Rolle. Auch bei Entscheidungen, die auf Bundes- oder Landesebene getroffen werden. Es ist deshalb wichtig für einen Politiker, dass er weiß wo er herkommt.

Wie werten Sie als familienpolitische Sprecherin die aktuellen Initiativen zur gesetzlichen Regelung einer Frauenquote?

Ganz klar: Ich bin strikt gegen eine gesetzliche Frauenquote, sondern für einen partnerschaftlichen Weg von Politik und Wirtschaft. Die Frauen sind heute besser ausgebildet und qualifiziert als die jungen Männer und entsprechend selbstbewusster. Die heutige Frauengeneration wird wie selbstverständlich in die Vorstandsgremien kommen. Was wir jetzt brauchen sind mehr familienfreundliche Unternehmen. Das sollten sie angesichts des Fachkräftemangels in ihrem eigenen Interesse tun.

Wie sehen Sie/sieht Ihre Partei die gesellschaftlichen Perspektiven nach dem Wegfall des Zivildienstes und der Einführung eines neuen Bundesfreiwilligendienst?

Es geht uns darum, freiwilliges Engagement zu stärken. Das tun wir mit dem neuen Bundesfreiwilligendienst. Der Bund fördert ihn pro Jahr mit 350 Millionen Euro. Der neue Dienst steht Männern und Frauen jeden Alters offen. Zudem soll er nicht nur in den bisher von Zivis besetzten Bereichen geleistet werden können, sondern soll zusätzlich auf Sport, Integration, Kultur und Bildung erweitert werden. Freiwilliges Engagement gibt jungen Menschen zudem die Chance zu beruflicher und persönlicher Orientierung.

Werden mit dem Ende des Zivildienstes auch FsJ und FöJ ihre Attraktivität für Jugendliche und junge Erwachsene verlieren? Welche Veränderungen und Probleme erwarten Sie für die Einrichtungen, die bisher von Zivis und/oder FsJ-/FöJ-lern mitgetragen wurden?

Der Bundesfreiwilligendienst soll das FSJ und das FÖJ nicht ersetzen, sondern sie sinnvoll ergänzen. Der Wegfall des Zivildienstes bedeutet wahrlich keinen sozialen Kahlschlag, wie oft behauptet wird: Im Jahr 2009 stellten Zivis lediglich 1,8 Prozent der Einsatzkräfte im Sozialbereich dar, die zudem ausschließlich arbeitsmarktneutral eingesetzt werden durften. Mit dem neuen Freiwilligendienst werden wir den Wegfall der Zivildienstleistenden zu einem großen Teil kompensieren können. 2009 haben sich zum Beispiel 85.000 junge Menschen für einen Freiwilligendienst beworben – das sind deutlich mehr als Stellen zur Verfügung standen. Dieses Potential müssen wir künftig besser nutzen.

Welche besonderen Schwerpunkte setzen Sie in der Jugendpolitik in der verbleibenden und in der nächsten Legislaturperiode?

Ein wichtiger Schwerpunkt in der Jugendpolitik ist die stärkere Partizipation von Kindern und Jugendlichen. Junge Menschen wollen Verantwortung tragen und ihre Welt mitgestalten. Sie erheben zu Recht Anspruch auf Teilhabe und Beteiligung. Das wollen wir möglichst früh fördern. Wenn junge Menschen von klein auf Partizipation leben und erleben, wachsen sie zu verantwortungsvollen Mitgliedern unserer Gesellschaft heran. Das kann damit beginnen, dass in der Grundschule gemeinsam über die Gestaltung des Klassenraums gesprochen wird. Wichtig ist also: Wir dürfen nicht über Jugendliche reden, sondern mit ihnen.

Wie, denken Sie, könnten politisches Interesse, politische Kenntnisse und die Befähigung/Bereitschaft zur Partizipation bei Jugendlichen verbessert werden?

Politik muss ehrlich, authentisch und verständlich rüberkommen. Das ist oftmals nicht leicht, da die Materie, mit der wir uns beschäftigen, immer komplexer wird. Aber junge Menschen sollen sehen, dass jeder etwas bewegen kann, wenn er sich engagiert und dass es besser ist, selbst anzupacken und etwas zu ändern, anstatt nur zu lamentieren. Dabei geht es nicht nur um die „großen“ Themen, sondern auch um die lokalen Aspekte, die die Menschen vor Ort beschäftigen. Die FDP hat beispielsweise eine große Nachwuchs-Organisation, die JuLis. Jeder ist herzlich eingeladen, dort vorbeizuschauen.