Wie bringe ich Jugendliche an politische Bildung?

Geschrieben von Dirk Tabellion (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 26. April 2011 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2011/04/wie-bringe-ich-jugendliche-an-politische-bildung/>
Abgerufen am 8. Mai 2021 um 06:44 Uhr

Vor ein paar Tagen wurde ich mit eben dieser Frage konfrontiert.

Ich saß, zwecks finanzieller Unterstützung zu meinem Studium, in einem Interview und sollte Stellung zu meiner Person beziehen, als die Sprache auf meine Mitarbeit im Projekt Politische Bildung Schwaben kam. Der Interviewer wollte vor allem wissen, welche Bücher ich Jugendlichen empfehlen würde, um sich mit politischer Bildung zu beschäftigen. Welche Bücher geeignet wären, Jugendlichen Politik  näher zu bringen.

Einigermaßen perplex fiel mir erstmal nichts ein.

Sonst bin ich eher nicht um eine Antwort verlegen, jedoch entstand nun eine unangenehme Stille!

Kurz zu meiner Person. Ich bin 42 Jahre, arbeite seit 1994 als Heilerziehungspfleger in verschiedenen Bereichen der Sozialen Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, studiere seit 2010 Soziale Arbeit und arbeite seitdem auch im Projekt Politische Bildung Schwaben mit. Politik interessiert mich, seit ich selbst Jugendlicher war und ich habe in meiner Arbeit immer versucht, Jugendliche an Politik heranzuführen, sie dafür zu interessieren.

Nur Bücher?

Ich kenne keine über dieses Thema. Selbst mein Professor für Politikwissenschaft, den ich dazu sofort befragte, wusste mir spontan keines zu empfehlen.

Ist ein Buch überhaupt das richtige Medium in einer Zeit, in der Internet und Fernseher alles Schriftliche zu überlagern drohen? Reichen Fernsehsendungen wie Spiegel TV oder die kurzen Nachrichten auf Websites wie gmx oder Facebook etc. aus, um Politik zu erfahren?

In meiner Arbeit bin ich immer wieder mit Sprüchen von Jugendlichen konfrontiert worden: “Ich bin rechts” oder “ich bin links”, Wortfetzen wie “Autonom”, “Anarchie”, “Nazi”, flogen mir immer wieder um die Ohren. Bei näherem Nachfragen, was denn diese Begriffe für eine Bedeutung hätten, war auch auf Seiten der Kids meist eher Schweigen angesagt. Trotzdem war es mir ein Anliegen, mit den Jugendlichen darüber zu reden. Wenigstens sollten sie wissen, woher diese Begriffe kommen, die Bedeutung verstehen und in welche politische Richtung sie damit unterwegs sind. Bis hin zu den Konsequenzen, die diese Richtungen evtl. mit sich bringen können.

Die Frage ist nur, wie stelle ich das an, ohne sie gleich zu langweilen? Oder sie gar gänzlich zu verschrecken?  Kann politische Bildung auch spannend sein? Ist es “cool”  zu wissen, wer unsere Bundeskanzlerin ist? Oder der Verteidigungsminister?

Überhaupt! Erstmal zu wissen, wie die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland heisst, oder dass die Bundesrepublik sich gar aus verschiedenen Bundesländern zusammensetzt, scheint für manchen Jugendlichen schon durchaus eine Herausforderung darzustellen. Das betrifft nicht nur die “bildungferne” Millieus unserer Gesellschaft, sondern durchaus auch Kinder aus Familien mit einem sehr hohen Bildungsstand.

Natürlich betrifft das bei weitem nicht alle Jugendlichen, und diejenigen unter den politisch gebildeten Lesern, die sich noch zu den Jugendlichen zählen oder sich noch jugendlich fühlen, mögen mir verzeihen.

Also noch einmal, wie bringe ich Politik bzw. politische Bildung an den Mann, die Frau bzw. den Jugendlichen?

Wohl eher nicht durch dicke Bücher!

Meiner Meinung nach ist das kein Lernstoff, nichts was man sich in Fachbüchern erlesen möchte. Es geht vielmehr um den täglichen Austausch, über Themen, die auch die Kinder und Jugendlichen beschäftigen. Die Schließung oder die Eröffnung eines Jugendzentrums zum Beispiel. Den Ausbau eines Skaterplatzes oder eines Treffpunktes. Vielleicht war daran der Jugendbeauftragte der entsprechenden Gemeinde beteiligt, vielleicht steht es sogar noch im Lokalteil der Tageszeitung.

Indem ich als Erwachsener, Erzieher oder Sozialpädagoge in eher beiläufiger Situation z.B. beim Frühstück oder beim Kaffee trinken, betreffende Zeitung lese, die Jugendlichen zu ihrer Meinung befrage, ihnen bestimmte Artikel vorlese, wecke ich vielleicht Interesse. Vielleicht komme ich darüber auch auf die Schlagwörter wie “rechts”, “links” etc. zurück.

Im besten Fall entstand dadurch in einer Wohngruppe, in der ich gearbeitet hatte, eine angeregte Diskussion über das Zusammenleben von Jugendlichen verschiedener Kulturen in einem Haus. Sie verbesserte die Verständigung dieser Jugendlichen ungemein.

Plötzlich war Politik für diese kurze Zeit nicht mehr langweilig, es war cool zu wissen, woher man kommt, zu wissen, dass Schröder nicht nur ein bekannter saarländischer Wurstspezialist ist, sondern der ehemalige Bundeskanzler auch so hieß und dazu noch von einer anderen Partei war als die jetzige Kanzlerin. Als einer der Höhepunkte dieser Situation sei erwähnt, das die Diskussion, in Bayern geführt, über den Hersteller einer bekannten saarländischen Wurstspezialität, zu der Frage führte, was das Saarland sei und ob dies überhaupt noch zu Deutschland gehören würde!

Politik wird dann interessant, wenn die Alten mit den Jungen darüber reden,  die Nachrichten im Fernsehen zusammen anschauen, sich austauschen, sich informieren über aktuelle aber auch vergangene politische Geschehnisse. Egal ob zu Hause, in der Schule,  oder in sozialen Einrichtungen. Ihnen aufzeigen, dass es für sie durchaus auch Vorteile hat, sich zu informieren, auch mal kontrovers zu diskutieren,  dass man mitarbeiten kann bei der Entstehung eines Jugendzentrums, eines Skaterparks etc. , sich vielleicht auch politisch dafür einsetzen muss, vielleicht sogar im Jugendparlament (sowas gibt es tatsächlich).

Dass der Bürger mit seiner Stimme und seinem Kreuzchen durchaus auch etwas verändern kann!

Politische Bildung ist auch die Politische Bildung Schwaben. Hier finden Sie Bausteine und Anregungen, wie Sie Politik an Jugendliche bringen.

Im neuesten Rundbrief finden Sie außerdem einen Hinweis auf eine Tagung der Politischen Bildung Bayern in Tutzing. Meiner Meinung nach die perfekte Veranstaltung, mehr darüber zu erfahren, wie politisches Interesse bei Kindern und Jugendlichen geweckt werden kann.