“Wenn junge Menschen ihre Interessen organisieren, sollte Politik genau hinhören” – Ein Interview mit Matthias Fack, dem neuen Präsidenten des Bayerischen Jugendrings

Geschrieben von Michalina Jonderko (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 30. Mai 2011 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2011/05/interview-matthias-fack/>
Abgerufen am 8. Mai 2021 um 06:47 Uhr

Seit Anfang des Monats ist Matthias Fack nun der neue Präsident des Bayerischen Jugendrings. Wir haben den 38-jährigen Theologen, Sozialpädagogen und Marketingwirt zum Thema politische Bildung befragt – das Ergebnis: Klare Vorstellungen und Statements sowie ein sehr optimistisches Bild von Jugend.

Welche Erfahrungen haben Sie im Bereich der politischen Bildung?

Meine Erfahrungen im Bereich der politischen Bildung resultieren alle aus meiner Zeit in der Jugendarbeit und in der Jugendverbandsarbeit. Bei den Pfadfindern habe ich mich mit entwicklungspolitischen Fragestellungen beschäftigt, genauso wie Aufklärung gegen rechte Parteien oder Eintreten für gerechte Lebensbedingungen. Das habe ich dann im BDKJ und im Jugendring noch verstärkt erfahren.

Politische Bildung ist auch ein Schwerpunkt der Jugendarbeit. Wie schätzen Sie den gegenwärtigen Stellenwert der politischen Bildung in unserer Gesellschaft ein?

Wie für mich die politische Bildung in der nonformalen Bildung der Jugendverbandsarbeit tatsächlich auch verstärkt mein politisches Interesse weckte und Wissen schärfte, meine ich, dass Jugendarbeit auch bei anderen jungen Menschen den politischen Sinn schärft. Leider scheint es in der Gesellschaft eher so zu sein, dass mit Politik eher reservierte Einstellungen verbunden werden und sie zu sehr mit parteipolitischen Auseinandersetzungen gleichgesetzt wird. Leider ist da auch die Schule auf dem Rückmarsch. Ich finde, dass Sozialkunde mehr Stunden benötigt, als sie momentan vorhanden ist.

Welche Bedeutung hat für Sie als neuer BJR-Präsident die politische Bildung?

Eine äußerst wichtige. Ob es alle so sehen weiß ich nicht, aber: Das Tun in der Jugendarbeit, in den Jugendverbänden wie in den anderen Verästelungen und Formen ist ein hochpolitisches Tätigsein. Ich stehe ganz fest in der Überzeugung, dass der BJR die Interessen aller jungen Menschen in Bayern vertritt. Das ist ein hoher Anspruch, der nicht nur nach außen geht. Auch in dem, was wir tun, müssen wir diesen politischen Anspruch Genüge leisten.

Inwieweit sind Sie über unser Projekt Politische Bildung Schwaben informiert und wie sehen Sie dieses Projekt?

Als ehemaliger Kreisjugendring-Vorsitzender im Ostallgäu im Bezirk Schwaben kenne ich das Projekt sehr gut. Wir sind ja auch sehr aktiv dabei und beim Ausprobieren und Vernetzen jugendpolitischer Anliegen auf kommunaler Ebene sehr erfolgreich. Ich finde es sehr gut, dass über das Projekt neue Anstöße im Suchen nach Beteiligungsmöglichkeiten junger Menschen erarbeitet und ausprobiert werden und erhoffe mir auch Impulse für die Landesebene.

Viele junge Menschen sind grundsätzlich zur Mitgestaltung ihres Lebensumfeldes bereit. Wie kann ihre Mitwirkung für eine lebendige, lokale Demokratie verbessert werden? Welche Herausforderungen sehen Sie hier für den Jugendring?

Das wichtigste ist, dass junge Menschen in all ihrer Gestaltungskraft, Phantasie und Engagementbereitschaft, die höher ist als in allen anderen Generationen der Gesellschaft, endlich wahr- und ernstgenommen werden. Wenn junge Menschen ihre Interessen organisieren, sollte Politik genau hinhören und mehr Willen zeigen, die Forderungen auch tatsächlich umzusetzen. Leider stelle ich fest, dass sich in der Gesellschaft gerade durch eine skandalisierende und aus meiner Sicht skandalös flache und schlechte Medienarbeit ein anderes Bild von Jugend gezimmert wird. Ich erinnere nur an den Titel eines großen deutschen Nachrichtenmagazins: “Generation Finsternis”. Eine ganze Generation gerät immer mehr unter den Verdacht brutal und rücksichtslos zu sein. Unsere Aufgabe als Jugendring ist es, dagegen zu halten, deutlich zu machen, dass Jugend der Erfolgsfaktor einer Gesellschaft von Morgen ist, und ihre Interessen mindestens genauso berechtigt wie die anderer Generationen zu vertreten. Und ganz klar geht es mir auch darum, dass Jugendlich ein aktives Wahlrecht ab 14 Jahren erhalten, eine Position, die der BJR schon seit mehreren Jahren vertritt.

In der gegenwärtigen Bildungsdiskussion wird fast ausschließlich der Schul- sowie Hochschulbereich berücksichtigt. Die außerschulische Bildung, die zu den Kernbereichen der Jugendarbeit gehört, ist bei vielen nicht im Blick. Was sind Ihre Vorstellungen diesen Bereich wieder mehr in das Blickfeld der gesellschaftlichen Diskussion zu bringen?

Der 12. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung hat anschaulich bewiesen, wie erfolgreich nonformale Bildung, und wie wenig erfolgreich formale Bildung wie Schule oder Hochschule in zentralen Punkten ist.

Ich werde zum einen nicht leise werden, was das in Erinnerung Rufen längst bekannter und gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse anbelangt.

Und zudem werden wir verstärkt daran arbeiten, deutlich zu machen, was Jugendarbeit in Bayern bedeutet: Eine unglaubliche Anzahl ehrenamtlicher Menschen – jugendlicher Menschen – die sich Woche für Woche, Monat für Monat und auch Jahr für Jahr in einer breiten und bunten Vielfalt einsetzt. Wenn die Gesellschaft und Politik begreifen, welchen Schatz sie da haben, wäre ein großer Wunsch von mir erfüllt.