Ein Interview mit dem Stellvertreter des Bundestagspräsidenten Eduard Oswald zum Thema: Politische Bildung

Geschrieben von Dirk Tabellion (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 30. Juni 2011 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2011/06/interview-eduard-oswald-politische-bildung/>
Abgerufen am 8. Mai 2021 um 07:05 Uhr

Wir haben uns überlegt eine Reihe von Interviews mit Persöhnlichkeiten aus der Politik, Bildung und Kultur zu bringen. In unregelmäßigen Abständen werden diese Interviews auf unserer Website und dem Rundbrief zu lesen sein.

In dem Zusammenhang haben wir uns dann gefragt, wie wohl ein Politiker vom Format eines Eduart Oswalds (Bundestagsviezepräsident) über politische Bildung denkt!

Kurzerhand haben wir ihn interviewt!

Kurz zur Person Oswalds:

Eduard Oswald (63), seit 1972 verheiratet, zwei erwachsene Kinder, studierte nach seiner Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann an der FH in München Betriebswirtschaft. Anschließend folgte ein Studium für das Lehramt an der Universität Augsburg. Von 1978 bis 1986 war Dipl.-Betriebswirt Eduard Oswald Mitglied des Bayerischen Landtags – seit 1987 Mitglied des Deutschen Bundestages, wo er u.a. sechs Jahre als Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion tätig war. Eduard Oswald war dann letzter Bundesbauminister (Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau) im Kabinett Helmut Kohl und mit den Regierungsbauten in Berlin beschäftigt. Bevor Eduard Oswald in der 17. Wahlperiode
– seit November 2009 – den Vorsitz des Ausschusses für Wirtschaft und Technologie übernahm, war er in der 14. und 15. Wahlperiode Vorsitzender des Ausschusses für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen und in der 16. Wahlperiode Vorsitzender des Finanzausschusses. Am 23. März 2011 wurde Eduard Oswald mit 504 von 570 abgegebenen Stimmen zum Stellvertreter des Bundestagspräsidenten gewählt. Im Deutschen Bundestag vertritt er den Wahlkreis Augsburg-Land, zu dem die Landkreise Augsburg und Aichach-Friedberg gehören.

Herr Oswald,

Politische Bildung, was bedeutet dies für Sie?

Eduard Oswald:

Politische Bildung war für den Aufbau der freiheitlichen Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945 und in ganz Deutschland nach 1989 unverzichtbar. Damals knüpfte sie unmittelbar an die Erfahrungen der Diktatur an. Heute steht sie vor neuen Herausforderungen: Freiheit und Frieden gelten als selbstverständlich, und die Erfahrung ihres Verlustes fehlt glücklicherweise. Politische Bildung darf die Grundlagen unserer demokratischen Ordnung deshalb nie als selbstverständlich voraussetzen, sondern muss immer neu für sie werben. Politische Bildung leistet einen ganz wesentlichen Beitrag zur Weiterentwicklung unserer demokratischen Kultur.

Redaktion:

Gab es in Ihrem Leben einen Punkt, an dem Sie festgestellt haben, „jetzt will ich mich politisch engagieren“?

Eduard Oswald:

Ich bin 1966 Mitglied der CSU und der Jungen Union geworden. Ich wurde geprägt von der Wiederaufbauphase nach dem 2. Weltkrieg, in der ich aufgewachsen bin. Vieles musste gestaltet und in eine demokratische Ordnung gebracht werden. Ich wollte mitwirken, dass unser Land in eine gute Zukunft geht. Wer mich kennt, weiß, dass ich mich nie für eine politische Karriere entschieden habe, sondern immer nur einen Vertrag von den Bürgerinnen und Bürgern für eine jeweilige Legislaturperiode bekommen habe. Ich habe mir immer auch die Unabhängigkeit heraus genommen, jederzeit auch etwas anderes zu machen, was mir viel Freiraum verschafft hat.

Redaktion:

Möchten Sie in Ihrem neuen Amt Schwerpunkte im Bereich der politischen Bildung setzen, wenn ja, welche?

Eduard Oswald:

Im Deutschen Bundestag gibt es eine Vielzahl von Angeboten, um jungen Menschen Politik näher zu bringen. Durch das Planspiel „Jugend und Parlament“ können jährlich rund 300 Teilnehmende im Alter zwischen 16 und 20 Jahren für 4 Tage in die Rolle von Bundestagsabgeordneten schlüpfen. Damit werden Jugendlichen die Arbeitsweise des Parlaments verdeutlicht. Daneben besteht unter anderem das Portal www.mitmischen.de (http://www NULL.mitmischen NULL.de/). Hier wird Jugendlichen der Zugang zu parlamentarischen Themen erleichtert. Junge Menschen sollen so für politische Themen begeistert werden. Dabei wird dargestellt, welchen Einfluss Entscheidungen im Deutschen Bundestag auf ihr Leben haben.

Hinzu kommen Austauschprogramme, um jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich aus erster Hand zu informieren.

Redaktion:

Seit fast 10 Jahren gibt es das Projekt: Politische Bildung Schwaben. Sie kennen dieses Projekt. Wie schätzen Sie es ein?

Eduard Oswald:

Das Projekt Politische Bildung Schwaben leistet eine wichtige Arbeit. Hier findet die Vernetzung der für die politische Bildung relevanten Akteure statt. Dadurch können die Beteiligten voneinander profitieren. Das Angebot ist dabei sehr vielfältig. Es reicht von Informationsmaterial bis hin zu Veranstaltungen, um auf Themen der politischen Bildung aufmerksam zu machen. So leistet das Projekt Politische Bildung Schwaben einen wichtigen Beitrag, um Politik in der ganzen Gesellschaft transparenter zu machen.

Redaktion:

Der Fokus unseres Projekts ist auf die Kommunalpolitik in Schwaben gerichtet. Ein wichtiger Ansatzpunkt für uns ist: Kommunalpolitik ist für junge Menschen meist ein dunkler Fleck. Was kann man Ihrer Meinung nach tun, um diesen dunklen Fleck aufzuhellen?

Eduard Oswald:

In der Gemeinde nehmen die Bürgerinnen und Bürger den Staat unmittelbar wahr. Jungen Menschen muss vermittelt werden, dass sie ihr eigenes Umfeld aktiv mitgestalten können, indem sie sich vor Ort einbringen. Schulklassen unternehmen oftmals politische Bildungsfahrten in den Deutschen Bundestag oder den Bayerischen Landtag. Dabei darf aber das Mitwirken in der unmittelbaren Umgebung nicht zu kurz kommen. Die Gemeinden haben eine elementare Bedeutung für ihre Bewohner. Durch die Art, wie sie ihren Anforderungen gerecht werden, beeinflussen sie die soziale und wirtschaftliche Entwicklung. Das bedeutet große Verantwortung für die gewählten Gemeindevertreter und sollte Ansporn sein, sich in diesem Bereich einzubringen und die Gestaltung der eigenen Heimat nicht nur anderen zu überlassen.

Redaktion:

Können Sie uns gelungene Beispiele aus der politischen Bildung mit jungen Menschen im Bereich der Kommunalpolitik nennen?

Eduard Oswald:

In vielen Städten und Gemeinden haben sich Jugendbeiräte etabliert. Durch diese Form der Partizipation wird Jugendlichen die Gelegenheit gegeben, sich in der Lokalpolitik in Jugendbelange einzubringen. So können die jungen Menschen Entscheidungen beeinflussen, die die Interessen der Kinder und Jugendlichen im Ort berühren. Des weiteren gibt es Stadt- und Kreisjugendringe, die die Interessen von Jugendlichen vertreten und damit ebenfalls Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen können. Außerdem haben wir innerhalb der CSU sogenannte Mentoring-Programme, bei denen junge Nachwuchspolitiker erfahrenen Politikern über die Schulter schauen können und damit Erfahrungen für spätere Aufgaben in der Kommunalpolitik oder auch auf anderen Ebenen sammeln können.

Redaktion:

In welche Richtung sollte sich die politische Bildung mit jungen Menschen in Zukunft entwickeln?

Eduard Oswald:

Ich habe viele Gesprächskreise, in denen sich Auszubildende, Schüler, Studenten und Praktikanten befinden. Sie berichten mir von ihrem Studium, ihrer Ausbildung und ihrer beruflichen Arbeit. Die junge Generation von heute ist hoch motiviert und wird gut ausgebildet. Vieles davon nehme ich auch mit in die politische Diskussion. Je komplexer die gesellschaftlichen Zusammenhänge und Herausforderungen sind, desto größer werden die Wissensanforderungen an jeden Einzelnen. Deswegen ist es wichtig, die Fähigkeit zu fördern, selbstbewusst, verantwortungsbewusst und differenziert entscheiden und handeln zu können. Politische Bildung trägt dazu bei, die Vergangenheit zu verstehen, die Gegenwart zu gestalten und die Zukunft mit zu entwerfen. Bildung ist ein lebenslanger und kontinuierlicher Prozess, der sich nicht allein auf das Lernen in den formalen Bildungsinstitutionen begrenzen lässt. Der außerschulischen politischen Bildung kommt deshalb eine entscheidende Rolle zu: Sie fördert Engagement. Demokratie ist kein Selbstläufer und ist nicht umsonst zu haben. Deswegen ist es wichtig, dass sich die politische Bildung auch zukünftig diesen Aufgaben intensiv widmet.

Redaktion:

Herr Oswald, wir bedanken uns für das Interview!