Wer schützt den Alkohol vor den Jugendlichen? Erzieherischer Jugendschutz in der Praxis aus dem Landkreis Oberallgäu

Geschrieben von Brigitte Fink, Dirk Tabellion (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 31. August 2011 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2011/08/erzieherischer-jugendschutz-landkreis-oberallgaeu/>
Abgerufen am 8. Mai 2021 um 05:37 Uhr

“Welche Gesetze würdet ihr bezüglich Alkohol erlassen, wenn ihr in der Regierungsverantwortung wärt und warum?”- So lauten die Fragen an die Gruppe der 12 Schüler, die gerade den Suchtparcours Abenteuer Leben durchläuft. Themen wie Risiken und Gefahren von legalen und illegalen Suchtmitteln sowie süchtigen Verhaltensweisen (wie z. B. Glückspielsucht oder Mediensucht) werden spielerisch zusammen mit der Zielgruppe erarbeitet und bereits gemachte Erfahrungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit eingebunden. Der Mitmachparcours Abenteuer Leben möchte auf das Verhalten der Zielgruppe einwirken (Verhaltensprävention) – an der eingangs erwähnten Station zum Beispiel auf das Einhalten von sinnvollen „Spielregeln“ beim Konsum von Alkohol um problematisches Verhalten zu vermeiden.

Insgesamt besteht der Parcours aus fünf variablen Aktionselementen, die die persönliche Auseinandersetzung mit Suchtgefährdung fördern und zur Diskussion anregen sollen.An einer Station wird mit Rauschbrillen die Thematik Alkohol und Drogen im Straßenverkehr bearbeitet. Ein anderes Aktionselement stellt die Frage, wie Genuss schrittweise zur Sucht werden kann. Am Tischbilliard werden jugendspezifische Themen wie Mobbing, Sexualität, Umgang mit Konflikten und „Seelische Hausapotheke“ angesprochen. Beim Lückentext setzen sich die Teilnehmer mit einer exemplarischen Situation von Suchtmittelmissbrauch und den daraus (http://www NULL.politische-bildung-schwaben NULL.net/2011/08/erzieherischer-jugendschutz-landkreis-oberallgaeu/foto-fur-artikel/)resultierenden Konsequenzen auseinander.

Seit über 10 Jahren wird der Mitmachparcours im Landkreis Oberallgäu Schulen, Betrieben, Vereinen und Verbänden und der offenen Jugendarbeit angeboten. Verantwortlich für Abenteuer Leben ist der Fachdienst für Suchtfragen und Prävention des Kreisjugendamtes in enger Zusammenarbeit mit dem Kreisjugendring und Kooperation mit der Sparkasse Allgäu, der AOK–Direktion Kempten-Oberallgäu und dem Allgäuer Anzeigeblatt, die das Projekt von Anfang an mit großem Engagement unterstützen. Der Parcours richtet sich primär an die Zielgruppe junger Menschen ab 14 Jahren. Über 10.000 Personen haben seither die 5 Stationen mit Interesse und Spaß durchlaufen. Die Nachfrage ist auch nach 10 Jahren ungebremst. Erzieherischer Jugendschutz zielt darauf ab die Lebenskompetenz, Kritikfähigkeit und Eigenverantwortung von jungen Menschen zu fördern. Die langjährigen Erfahrungen im Bereich Suchtprävention belegen, dass dies mit erhobenem Zeigefinger nicht umzusetzen ist. So lebt der Mitmachparcours, angeleitet von den Fachkräften, von der Verbindung aus Information, Diskussion und Spaß. Eine Vor- und Nachbereitung durch Lehrkräfte/Ausbilder ist sinnvoll und wünschenswert, deshalb sind auch die Multiplikatoren in das Konzept mit eingebunden. Ein weiterer Ansatz im erzieherischen Jugendschutz sind Maßnahmen der Verhältnisprävention, wie das Gesetz zum Schutz der Jugendlichen in der Öffentlichkeit, kurz das Jugendschutzgesetz. Zielgruppe hierbei sind die Verantwortlichen, also Erwachsenen, die dieses Gesetz in der Öffentlichkeit zum Schutz Minderjähriger einhalten müssen, wie beispielsweise Verkaufsstellen, Gaststätten oder Festveranstalter.

  • Veraltensprävention => Einwirken direkt auf die Zielgruppe, d.h. Maßnahmen die auf eine Verhaltensänderung bei Kindern und Jugendlichen abzielen.  => Suchparkour “Abenteuer Leben”

plus

  • Verhältnisprävention => Einwirken auf die Verantwortlichen, d.h. Manahmen die darauf abzielen Verhältnisse zu schaffen, daß das Jugendschutzgesetz eingehalten wird. => Projekt “do goht nix”.

Das Projekt „Do goht nix“ – „Ich lass nicht mit mir handeln“ richtet sich ganz speziell an ehrenamtliche / nicht professionelle Veranstalter von Festen und Feiern. (http://www NULL.politische-bildung-schwaben NULL.net/2011/08/erzieherischer-jugendschutz-landkreis-oberallgaeu/titelseite-uberarbeitete-broschure_arbeitshilfe/) Dies sind meist Vorsitzende, Mitgliedern von Vereinen oder junge Menschen selbst, die mit viel Mühe und hohem Zeitaufwand solche Veranstaltungen organisieren. Anlässe dafür gibt es viele, vom traditionellen Schützenfest bis zur Q 11/12 Party (Schülerpartys), dem Vereinsjubiläum, dem Rockkonzert oder auch dem Stadelfest des Stammtisches. Nicht selten sind solche Veranstaltungen mit unkalkulierbaren und hohen Besucherzahlen verbunden, was wiederum zu steigenden Anforderungen für die Organisatoren, höheren Risiken und leider auch der Wahrscheinlichkeit, dass es zu Problemen kommt, führt.

Exemplarisch dafür steht der Fall eines örtlichen Schützenvereins aus dem Allgäu, der mit einem kleinen Fest mit ca. 500 Besuchern die Vereinskasse aufpäppeln wollte. Bei einer Routinekontrolle der Polizei wurde ein 17-jähriger gegen 1.15 Uhr mit einem Becher Wodka-Cola aufgegriffen. Dieser doppelte Verstoß gegen das Jugendschutzgesetz hatte für den Vorsitzenden des Vereins Konsequenzen. Ein paar Wochen später flatterte ihm ein Bescheid des zuständigen Landratsamtes ins Haus, bei dem er zur Stellungnahme und zum Offenlegen seiner „wirtschaftlichen Verhältnisse“ aufgefordert wurde.

Das Ziel des Projektes ist es:

  • junge Menschen bei der Organisation und Durchführung ihrer Veranstaltung zu unterstützen
  • nicht-professionellen Veranstaltern die Verantwortung für den Jugendschutz bewusst machen
  • über gesetzliche und ordnungsrechtliche Vorgaben informieren und sie somit
  • vor weitreichenden oder aber auch vor strafrechtlichen Folgen zu schützen, die aufgrund von Fehlern oder Unwissenheit eintreten können.

„Do goht nix“ besteht aus einer Informationsveranstaltung, an dem jeder Teilnehmer ein „Starterpaket“ erhält. Das Paket beinhaltet:

  • Broschüre „Ich lass nicht mit mir handeln“
  • Rote Karte „Do goht nix!!!“ für Theken- und Kassenpersonal
  • Jugendschutztabelle
  • Jugendschutzkarte (Beratungsangebot) des Fachdienstes  für Suchtfragen und Prävention
  • Bestellschein für T-Shirts „Do goht nix!!!“ (für alle Helfer)

30 T-Shirts können auch beim KJR Oberallgäu ausgeliehen werden!

Um das Projekt bekannt zu machen, wurde es zunächst in verschiedenen Gremien wie dem Kreis- und Jugendhilfeausschuss, der Kreisverbandsversammlung, den Jugend- und Familienbeauftragten, der Vollversammlung des Kreisjugendrings, der Polizei, sowie den Beauftragten Lehrern für Suchtprävention an den Schulen vorgestellt. Da es sich um ein äußerst aktuelles Thema handelt, zeigte auch die örtliche Presse großes Interesse darüber zu berichten. Nachdem die Werbetrommel kräftig gerührt wurde, gab es eine enorme Nachfrage von Seiten der Bürgermeister und Vereinsvorsitzenden zu gezielten Infoveranstaltungen in den jeweiligen Gemeinden. Bei zahlreichen Vorträgen stellten wir fest, dass viele Verantwortliche zwar das Jugendschutzgesetz kennen, ihnen jedoch die konkrete Umsetzung und Kontrolle große Schwierigkeiten macht. Ebenso zeigte sich an den langen Diskussionen und unzähligen Fragen, dass hier doch erheblicher Aufklärungsbedarf besteht. Die Fragen lauten unter anderem:

  • Kann ich als Vorsitzender eines Vereins die Verantwortung für eine Veranstaltung an andere Personen „Spartenleiter“ übertragen?
  • Wer haftet bei organisierten (Stadl)Festen von Stammtischen ohne Vereinsstruktur?
  • Was kann ich tun, wenn Jugendliche den Alkohol im Auto oder außerhalb des Festgeländes deponieren?

Das Wesentliche an dem Projekt „Do goht nix!“ ist unserer Erfahrung nach mit den Verantwortlichen ins Gespräch zu kommen, für das Thema zu sensibilisieren und zu zeigen, dass Jugendschutz mehr sein sollte, als gesetzliche Bestimmungen einzuhalten.

Kommunale Jugendarbeit / Kreisjugendring Oberallgäu

Mühlenweg 11

87527 Sonthofen

Tel. 08321-612110

brigitte.fink@lra-oa.bayern.de (brigitte NULL.fink null@null lra-oa NULL.bayern NULL.de)

www.kjr-oberallgäu.de (http://www NULL.kjr-oberallg%C3%A4u NULL.de/)

Fachdienst für Suchtfragen und Prävention

Oberallgäuer Platz 2