Hungersnot vs. Rettung der Banken

Geschrieben von Julia Cammann (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 28. September 2011 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2011/09/hungersnot-vs-rettung-der-banken/>
Abgerufen am 22. Juli 2019 um 14:45 Uhr

Zählen Sie bitte bis “Fünf”: 1 – 2 – 3 –  4 – 5….  Genau jetzt ist wieder ein Kind in Afrika gestorben, verhungert, ermordet worden. Warum ermordet? Darauf gibt der Schweizer Soziologe Jean Ziegler die Antwort in seiner nicht gehaltenen Rede zu den Salzburger Festspielen.

Er war jahrelang UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung und ist nun Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UN-Menschenrechtsrates. Eigentlich sollte der Autor des Buches „Der Hass auf den Westen“ bei den diesjährigen Salzburger Festspielen die Eröffnungsrede vor Konzern-Mogulen und Großbankiers halten. Es ist wohl verständlich, dass die Hauptsponsoren Nestlé, UBS und Credit Suisse, nicht begeistert davon waren, die Stimmung ihrer Großkunden durch den Inhalt der Rede zu drücken. So übten diese offenbar so lange Druck auf das Land Salzburg aus, bis diese Jean Ziegler unter dem Vorwand, er sei ein Gaddafi-Sympathisant,  wieder ausluden. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung  am 25.07.2011 dementierte dies Ziegler mit Bestimmtheit. Er hielte Gaddafi für einen der „schlimmsten Diktatoren“.

Nun, was machte Nestlé und Co. in Wirklichkeit so große Angst? Laut dem World-Food-Report der FAO sei die heutige Weltwirtschaft problemlos in der Lage, das Doppelte der Weltbevölkerung zu ernähren. Wie kann es also sein, dass täglich 37.000 Menschen qualvoll verhungern? Nach Ziegler würden die Verhungernden durch die „kannibalische Weltordnung, hervorgebracht vom Raubtierkapitalismus.“, dem „Terror des Profitmaximierung“ ermordet.

Es fehlt an Geld, denn dieses verwenden die reichen Geberländer – v.a. Die EU-Staaten, die USA, Kanada und Australien – dafür, weltweit die Banken zu retten. Während die EU 162 Milliarden Dollar für die Rettung der Gläubigerbanken von Griechenland freigesetzt hat, blieben für das Welternährungsprogramm gerade einmal 62 Millionen Euro übrig, obwohl für die humanitäre Soforthilfe mindestens 180 Millionen Euro verlangt wurden. Im Jahr 2008 noch betrug das Jahresbudget für das World-Food-Programm 6  Milliarden Dollar, während es dieses Jahr auf 2,8 Milliarden geschrumpft ist.

Laut Weltbankstatistik haben im vergangenen Jahr die 500 größten Privatkonzerne 52,8 Prozent des Welt-Bruttosozialproduktes kontrolliert. Durch die Wirtschaftskrise stiegen die Hedgefonds auf die Agrarrohstoffbörsen um. So wurden die Rohstoffpreise in gigantische Höhen getrieben. Allein der Preis für Reis erhöhte sich um 110 %.

Somit war es Ländern wie Somalia, Djibouti, Äthiopien und Kenia, obwohl die Hungersnot schon vor fünf Jahren absehbar war, nicht möglich, Vorräte anzulegen. Es ist Wahnsinn, dass es im Süden Afrikas aufgrund der enormen Staatsschulden nicht möglich ist, die Infrastruktur zu verbessern. Somit können nicht mehr als 3,8% des bebaubaren Bodens bewässert werden.

12 Millionen Menschen fliehen vor dem Tod in die längst überfüllten Flüchtlingslager der UNO. Dort wird vor den Stacheldrahtzäunen gnadenlos ausselektiert. Nur die, die noch überlebensfähig sind, werden hereingelassen. das Flüchtlingslager in Dadaad, Kenia, beispielsweise ist vollgestopft mit 400.000 Hungerflüchtlingen aus dem benachbarten Südsomalia, wo die mit der Al-Quaida verbundenen Shabab-Milizen toben. Für eine intravenöse therapeutische Sondernahrung, die ein Kleinkind innerhalb von 12 Tagen wiederbeleben könnte, fehlt das Geld. Erschwerend komme hinzu, dass Die Shabab-Milizen viele Hilfskonvois überfielen und somit Rettungsmaßnahmen sabotierten.

In Bezug auf Menschenrechte sei der „doppelzüngige“ Westen in der afrikanischen und arabischen Welt längst nicht mehr glaubwürdig.

Jean Ziegler will mit seiner Rede an die Wähler appellieren. Er bezeichnet Deutschland in seinem SZ-Interview als die wahrscheinlich „lebendigste Demokratie Europas“. Die Wähler könnten den Finanzminister „zwingen, bei der nächsten Sitzung des Internationalen Währungsfonds die Totalentschuldung des ärmsten Länder durchzusetzen.“ Dies unterstreicht er mit einem Zitat von Marx: „Der Revolutionär muss imstande sein, das Gras wachsen zu hören.“ Ziegler wünscht sich eine planetarische Zivilgesellschaft, die den globalen Austausch der Interessen sichern soll. Andernfalls ginge die Demokratie zu Bruch.