Ein paar Tage Demokratie – Partizipation im Falken-Zeltlager

Geschrieben von Martin Hurter (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 30. Oktober 2011 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2011/10/ein-paar-tage-demokratie-partizipation-im-falken-zeltlager/>
Abgerufen am 15. Dezember 2019 um 16:50 Uhr

Junge Menschen „zur Selbstbestimmung [zu] befähigen und zu gesellschaftlicher Mitverantwortung [anzuregen]“ ist ein zentrales Anliegen der Jugendarbeit (§ 11 Abs. 1 KJHG). Der wohl beste Weg hierzu ist es, mit den Kinder und Jugendlichen eben dieses demokratische Zusammenleben zu praktizieren und einzuüben.

Da es in Schule und Familie bisher leider nur wenige Gelegenheiten dazu gibt, kommt der Jugendarbeit dabei eine besonders bedeutsame Rolle zu. Aber gerade diese mangelnde Erfahrung mit Jugendbeteiligung verursacht bei vielen (Haupt- und) Ehrenamtlichen in der Jugendarbeit Unsicherheit und Zweifel an den Möglichkeiten Kinder und Jugendliche einzubeziehen. Im Folgenden möchte ich daher einige Möglichkeiten am Beispiel von Zeltlagern des Jugendverband „SJD – Die Falken“ aufzeigen.

Die Sozialistische Jugend Deutschlands (SJD) – die Falken (damals noch deren Vorläuferorganisation “Kinderfreunde”) veranstaltete schon 1927 unter dem Namen „Kinderrepublik“ Zeltlager als demokratische Gegenwelt zur alltäglichen Lebenswelten Schule und Familie, in denen die Kinder und Jugendlichen sich nicht ernst genommen fühl(t)en. Schon damals gehörten Vollversammlungen und Lagerräte zu den wichtigsten Instrumenten der Mitbestimmung. Und bereits in der ersten Kinderrepublik 1927 hatten die Kinder per Lagerratsbeschluss den von den HelferInnen geplanten Abbruch des Lagers wegen schlechtem Wetter verhindert.

Auch in den vergangenen Sommerferien fanden wieder zahlreiche Falken-Zeltlager in ganz Deutschland statt und in der Vorbereitung rangen die Helferinnen und Helfer um die besten Beteiligungsformen für ihr Zeltlager. Werden Beschlüsse in der Vollversammlung getroffen oder soll es ein Delegiertensystem geben? Sollen die Delegierten gewählt oder gelost werden? Soll jedes Kind mal im Lagerrat sein oder ein Kind für das ganze Lager gewählt werden? Diese und weitere Formen sind verschiedene Möglichkeiten der formellen Beteiligung mit bestimmten Vor- und Nachteilen.

Für das Zeltlager in Schwangau entschied man sich für einen Lagerrat, in den jede Zeltgruppe und auch die HelferInnen 2 VertreterInnen entsenden konnte und der sich täglich traf. Dort wurden die Anliegen der Gruppen zusammengetragen, mit Unterstützung von 2 ModeratorInnen diskutiert und Entscheidungen über das Zusammenleben im Zeltlager getroffen. So setzten sich die Kinder und Jugendlichen sich unter anderem erfolgreich für längeres Wachbleiben, einen Filmabend, eine Gruselwanderung, einen Ausschlaftag ein und regelten zum Beispiel Probleme bei der Essensorganisation eigenständig.

Doch nicht nur in den formellen Gremien findet Partizipation statt. Auch und gerade der Kiosk, der von den Kindern selbstverwaltet organisiert wird, stellt eine gute Gelegenheit dar, Verantwortung zu übernehmen.Vielleicht sogar noch bedeutender ist die Entscheidungsfindung innerhalb der Zeltgruppe, da hier die meisten für den Alltag der Kinder wichtigen Fragen geklärt werden. Die Gruppe hat dabei den Vorteil, dass im kleinen, vertrauten Rahmen besser Rücksicht auf die Bedürfnisse aller Gruppenmitglieder genommen werden kann und so Lösungen gefunden werden können, mit denen alle leben können.

Zu den „Instrumenten“ für die Befähigung zur Selbstbestimmung muss man auch den kritischen Blick auf die Regeln im Zeltlager zählen. Daher ist ein wichtiger Teil der Zeltlagervorbereitung die Frage, welche Regeln wirklich nötig sind und wo es sich um unsinnige Bevormundung der Teilnehmenden handelt. Dies sollte allerdings auch unabhängig von der Frage der Partizipation und auch im Bezug auf die Entlastung der HelferInnen laufend getan werden. Denn nichts ist schwieriger und anstrengender als unsinnige Regeln durchzusetzen.

weitere Tipps und Anregungen finden Sie auch in den Broschüren von SJD – Die Falken zur Zeltlagerpraxis “24 Stunden sind kein Tag” (http://www NULL.wir-falken NULL.de/publikationen/24stunden/index_alle NULL.html) Ausgabe Nr. 5 “Demokratie im Zeltlager – Kinder auf dem Weg zur Selbstbestimmung” und Ausgabe Nr. 15 “Wir sind das Bauvolk der kommenden Welt – Partizipation und Mitbestimmung im Falkenzeltlager”.