Veränderung der Bildungswelten im Fish-Bowl

Geschrieben von Prof. Dr. Gerhard Kral (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 20. Dezember 2011 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2011/12/veraenderung-der-bildungswelten-im-fish-bowl/>
Abgerufen am 7. August 2020 um 17:32 Uhr

“Veränderung der Bildungswelten” – das war das Schwerpunktthema der Bezirksjugendring-Ausschusssitzung am 12. November 2011 in der Jugendbildungs- und Begegnungsstätte Babenhausen.

VertreterInnen aus Schule, Hochschule und Jugendarbeit diskutierten im strukturierten Rahmen eines moderierten Fish-Bowl (wörtlich: Fisch-Kugelglas, etwas freier: Aquarium), einer erprobten Großgruppenmethode, über die Auswirkungen auf die Jugendarbeit.  Grundlegende Daten und Tendenzen der Veränderungen in den Bildungswelten Schule und Universität/Hochschule lieferten als Input zwei äußerst ansprechende Impulsreferate: Gerhard Koller, Diplom-Pädagoge, Schulamtsdirektor a.D. und Präsident des Deutschen Jugendherbergswerks, Landesverband Bayern e.V., lenkte den Blick auf die demografische Entwicklung und die damit zusammenhängenden Strukturreformen im Schulbereich und ihren Folgen, die Veränderungen in der Lehrerschaft sowie die sich anbietende Chance, “Schule neu zu denken”; Dr. Christian Boeser, Akademischer Rat am Lehrstuhl für Pädagogik mit Berücksichtigung der außerschulischen Jugendbildung und Erwachsenenbildung der Universität Augsburg,  fasste die Veränderungen im Hochschulbereich in drei Thesen zusammen, unter dem Motto “Man bleibt im Hamsterrad !”.

Im Vergleich zum Jahr 2006 werden bis 2020 die Schülerzahlen an der Grundschule um 18,5 % sinken, in der Sekundarstufe I um 21,15 % und in der Sekundarstufe II um 30,8 %. Gleichzeitig, so Gerhard Koller, verändert sich die Lehrerschaft augenfällig: ein zunehmender Anteil an Lehrerinnen (68 % – Grundschule: 89 %) wird begleitet von einem zunehmenden Anteil an Teilzeitkräften (62 % – weiblich: 89,2 %). Zu den Strukturreformen zählen frühere Einschulung und Verkürzung der Schulzeit (G 8) – mit Studienanfängern unter 18 Jahren als mögliche Konsequenz ?)  -, 6-stufige Realschule, Einführung der Mittelschule, Ganztagsschule und das Postulat der Inklusion. Die Folgen sind zum einen die Ausdehnung der Zeit in der Schule, die Verringerung der Freizeit und die Abnahme der Zeit am Wohnort; zum anderen aber auch eine stärkere Einbindung externer Partner (Angebote, Schulsozialarbeit, Vereine, Essen u.a.m.). Grundsätzlich sei ein geringerer Bezug zur Jugendarbeit zu registrieren, “Kinder und Jugendliche werden von Vereinen und Verbänden entfernt”. Auf diese Entwicklung angemessen zu reagieren, biete freilich auch die Chance, mit allen Beteiligten eine gemeinsame Schulentwicklung anzugehen, die Räume zu erweitern und die Schule als Lern- und Lebensraum zu erweitern – mit einem Wort: “Schule neu denken”. Für Christian Boeser hat der Bologna-Prozess das Leben von Studierenden “massiv verändert” und das Engagement im üblichen Sinn sichtbar erschwert (These 1). Es gibt deshalb einen erhöhten Bedarf nach akzeptierten Auszeiten, denn es verschwindet etwas, was die Lebensphase Jugend bisher maßgeblich geprägt hat: die Jugend als quasi zweckfreie und eigenständige Lebensphase, in der die Jugendlichen ausreichend Zeit für eine produktive Auseinandersetzung mit der Innenwelt und der Außenwelt haben (nach Shell Jugendstudie 2010). Gerade hier sind Jugendverbände aufgerufen, sie können Angebote für Auszeiten machen, innerhalb und außerhalb der Hochschule (These 3) – genug Anregungen und Diskussionsstoff für die offene Diskussion im Fish-Bowl, an der zuerst neben den beiden Referenten ein Schüler, ein Student, der Leiter einer Mittelschule sowie eine Vertreterin der Jugendarbeit teilnahmen. Die Moderation übernahm Professor Gerhard Kral von der Katholischen Stiftungsfachhochschule München/Benediktbeuern.

Das Fish-Bowl ist eine einfache, aber dynamische Alternative zur Podiumsdiskussion. Die Podiumsdiskussion ist eine organisierte Ungleichberechtigung, sie zerstört den Dialog und die Kommunikation, schafft vielmehr den Raum für aneinandergereihte Reden. Die Logik eines Podiums führt dazu, dass Reden gehalten werden, statt dass die TeilnehmerInnen miteinander reden. Die Beiträge sind meist vorbereitet und beziehen sich nicht aufeinander. Anders die Methode Fish-Bowl: durch die Kombination einer Großveranstaltung mit den Vorteilen kleiner Gesprächsrunden wird Lebendigkeit und Spontaneität in konventionelle Veranstaltungsformate gebracht. Die Diskussion beginnt in einem kleinen Kreis oder Halbkreis, hier mit sechs Stühlen, ein oder zwei Stühle sind zunächst unbesetzt. Reden dürfen nur die Personen in diesem Kreis, alle anderen hören zu, können aber jederzeit mitdiskutieren, indem sie sich entweder auf einen der freien Stühle setzen und/oder sich in den Kreis begeben und sich hinter einen besetzten Stuhl stellen. In diesem Fall kann die Person auf dem Stuhl ihre Gedanken zu Ende bringen, muss dann aber den Kreis verlassen und den Platz frei machen. So wird gesichert, dass keine (endlosen) Reden gehalten werden, sondern dass miteinander geredet werden kann, und neben den “ständigen” Personen im Fish Bowl jede und jeder sich einmischen kann.  Die Methode, die eine äußerst lebhafte, recht kontroverse und dabei immer klar strukturierte Diskussion erbrachte, fand großen Anklang und regen Zuspruch.