Interviews mit Münchner Studenten und Studentinnen zum Thema “Heimat”

Geschrieben von Andrea Widmann (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 31. Januar 2012 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2012/01/interviews-mit-muenchner-studenten-zum-thema-heimat/>
Abgerufen am 21. Januar 2022 um 15:03 Uhr

In der November Ausgabe unseres Rundbriefes 2011, hatten wir einen Bericht über das Jugendfilm Finale Schwaben unter dem Titel: »Dahoim isch do, wo’s Gfühl isch!« – Jugendfilme zum Thema »Heimat«.

Das Thema hat uns dazu bewogen, uns mal unter den StudentInnen in München umzuhören. Raus von zu Hause und rein in die große Stadt – Studentenleben, Feiern, eigene Wohnung, neue Leute, und und und …

Das Studieren in München ist für viele ein großes Ziel. Nicht nur wegen der guten Hochschulen und der qualifizierten Ausbildung, sondern auch weil München Einiges zu bieten hat für junge Leute. Klingt eigentlich perfekt um sich rund um wohl zu fühlen, doch wie geht es den Studenten, wenn sie aus der Stadt zurück auf ihre Heimat blicken? Vermissen sie Etwas? Sind sie froh, dass sie dort weg sind? Wären sie gerne wieder zuhause? Wir haben drei Münchner Studenten zum Thema “Heimat” befragt:

Darejan, 28 aus Georgien

Redaktion: Welche Gedanken oder Gefühle kommen dir, wenn du an Heimat denkst?
Darejan: Dann kommt gleich Sehnsucht, nach zu Hause, nach den Freunden, Eltern, Familie, Geschwister. Ich versuche nicht so viel über Heimat nach zu denken, weil ich dann sehr sehr starkes Heimweh habe und das ist schwer auszuhalten.

Redaktion: Was machst du dann wenn du Heimweh hast?
Darejan: Dann werde ich ein bisschen traurig, aber nicht lange, weil ich dann mein Handy nehme und eine SMS an alle schreibe oder ich geh ins Internet und schreibe dort mit den Leuten. Die ersten 6 Monate als ich hier war, hatte ich nie Heimweh und auch nicht das Gefühl, dass ich im Ausland wohne, weil meine Schwester auch hier war. Ich war immer Freitag bis Sonntag bei ihr und das war genug für mich damit ich das zu hause nicht vermisse. Aber dann nach 6 Monaten habe ich von heut auf morgen ein Last-Minute Ticket gekauft und bin innerhalb von zwei Tagen nach hause geflogen.
Aber sonst hatte ich nicht viel Heimweh in der Anfangszeit in Deutschland. Über meine Schwester habe ich viele georgische Freunde kennengelernt, mit denen ich in meiner Muttersprache sprechen konnte und auch sonst wenn ich mit der Sprache Probleme hatte, oder etwas wissen wollte, habe ich meine Schwester gefragt. Aber jetzt habe ich schon manchmal Heimweh

Redaktion: Was vermisst du wenn du an zu hause denkst?
Darejan: Am meisten vermisse meine Eltern meine Freunde. Und ich muss sagen, dass mir die Natur auch sehr fehlt. Ich bin zwar in einer Stadt aufgewachsen, aber meine Großeltern wohnen auf dem Land bzw. in den Bergen und da war ich immer sehr gerne. Meine Familie sagt auch, dass ich ein sehr naturbegeisterter Mensch bin. Als ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich zuerst in Starnberg gewohnt, in der Nähe zum See und da war die Umgebung und die Natur schön und das habe ich genossen, als ich dann aber nach einem Jahr nach München in die Stadt rein gezogen bin, habe ich erst gemerkt, wie wichtig mir die Natur ist. Damals wurde es langsam Frühling und ich habe nichts davon mitbekommen. Ich habe nicht gesehen wie die Blumen geblüht haben oder wie alles grün wurde und dann habe ich auch Heimweh bekommen. In Starnberg hatte ich noch das Gefühl, es ist so schön wie zu hause, aber in München dann war das nicht mehr so, aber mittlerweile bin daran gewöhnt und es ist nicht mehr schlimm.

Redaktion: Wenn du deine Heimat mit hier vergleichst wo findest du liegen Unterschiede? Was ist anders?
Darejan: Auf jeden Fall sind die Menschen anders, aber das ist wahrscheinlich überall so. Ich kann sagen, ich kenne hier nette Menschen aber hier sind viele eher zurückhaltend und schüchtern und nicht so offen, zu hause sind die Menschen sehr temperamentvoll und laut. Und das Leben hier in München ist sehr schnell. Schon allein aus der U-Bahn aus- oder umzusteigen geht extrem schnell. Am Anfang als hier her gekommen bin hat mich meine Schwester immer geschimpft, ich soll nicht so rumtrödeln sondern schneller machen, so würde ich in Deutschland nichts erreichen. Ich habe gar nicht wirklich verstanden was sie gemeint hat, aber nach zwei Jahren hatte ich Besuch von einem georgischen Freund und es war so anstrengend für mich weil er einfach so langsam war und da wusste ich was meine Schwester damals gemeint hatte.

Redaktion: Was fällt dir ein, wenn ich dich nach etwas “Typischem” aus der Heimat fragen würde?
Darejan: Das erste was mir dazu einfällt sind Traditionen. Wir haben zu hause sehr viele Traditionen, hier gibt es sie zwar auch, aber sie werden viel weniger beachtet. Ich mag diese Traditionen sehr. Z. B. hat das Essen eine große Tradition bei uns zu hause. Es wird viel gekocht und ganz verschiedene Gerichte und Beilagen, Reissalate, Rohkost, Kräuter, Brotzeit und das wird alles auf den Tisch gestellt und jeder kann sich nehmen was er möchte. Es wird auch viel, oft zu viel, getrunken und es wird erst abgeräumt wenn der letzte Gast gegangen ist. Bei größeren Feiern gibt es auch immer einen Tischführer, den sog. Tamada. Meist ist das der Hausherr. Er eröffnet das Essen mit einem Spruch, Gedicht, oder etwas Lustigem und dazu erhebt das Glas und trinkt. Dann müssen alle reihum etwas Passendes zu diesem Spruch sagen und auch trinken.

Redaktion: Kannst du dir vorstellen, dass Deutschland oder München deine neue Heimat wird?
Darejan: Ja, warum nicht, aber mit Abschnitten in denen ich zu hause sein kann. Doch könnte ich mir vorstellen, mir gefällt München sehr. Hier ist es irgendwie stabiler. Wenn man Arbeit hat kann man auch gut leben.

Lukas, 23 aus der Nähe von Cham

Redaktion: Welche Gedanken und Gefühle verbindest du mit dem Thema “Heimat”?
Lukas: Mh erstmal denke ich an meine Familie, vor allem an meinen kleinen Bruder, den vermiss ich schon ziemlich. Ich freu mich immer total wenn er mich anruft und mir erzählt was daheim so los ist. Dann denk ich mir oft, wär auch schön jetzt daheim zu sein, aber eigentlich ists hier in München schon ganz gut.

Redaktion: Was ist das Besondere an deiner Heimat?
Lukas: Wahrscheinlich des was es in jedem Dorf ist. Jeder kennt jeden und meistens weiß auch immer jeder über jeden Bescheid. Einerseits ist des natürlich gut aber oft nervt des auch ziemlich.

Redaktion: Was vermisst du hier von deiner Heimat?
Lukas: Auf jeden Fall meinen Bruder und auch irgendwie meine Fußballmannschaft. War halt immer voll super mit den Jungs. Aber nicht nur wegerm Sport sondern auch sonst. Beim Feiern sind wir schon auch recht gut und wenn mal jemand was braucht ist immer jemand da der einem hilft. Jetzt hier in München hab ich zwar auch echt nette Leute kennen gelernt aber die kennen mich halt nur wie ich jetzt bin und wissen nicht wie aufgewachsen bin und des macht scho irgendwie an Unterschied find ich. Und mein Auto vermiss ich. War a Schmarrn des mit in die Stadt zu nehmen aber jetzt geht`s mir schon auch bissl ab.

Redaktion: Hattest du schon mal “Heimweh”?
Lukas: Ich bin ein Mann, natürlich nicht! (lacht) Doch klar scho manchmal aber net schlimm.

Redaktion: Hat Heimat eine andere Bedeutung für dich bekommen als du weg von zuhause warst?
Lukas: Ja bissl schon. Des was ich vorher gesagt hab mit dem, dass jeder jeder kennt und so. Des hat mich zum Schluss bevor ich ausgezogen bin schon irgendwie genervt, aber jetzt so im Nachhinein find ich des eigentlich voll gut und wenn ich mal daheim genieß ich des richtig irgendwie.

Redaktion: Welche Gründe sprechen für dich für eine Rückkehr nach Hause?
Lukas: Also ich hab ja erst mitm Studium angefangen und deswegen bleib ich auch erstmal da. Mir gefällts in München und ich hätt kein Problem nachm Studium hier zu arbeiten. Könnt mir aber auch gut vorstellen, wenn ich einen Job daheim krieg, dass ich wieder heim zieh. Da ists auch echt schön.

Nadja, 27 aus Ansbach

Redaktion: Welche Gedanken und Gefühle verbindest du mit dem Thema “Heimat”?
Nadja: Sehr angenehm, tut mir gut, macht mich vollständig, brauchs auch immer wieder.

Redaktion: An was denkst du am liebsten?
Nadja: An unser Haus, an unsern Hof, an die ganze Region, an meine Familie – so wie halt alles angeordnet ist.
Außerdem Strukturen im Ablauf, die ich aus meiner Familie kennengelernt hab. Gemeinsames Essen, der Umgang mit den Tieren und der Natur, das Verhalten in der umgebenden Gesellschaft

Redaktion: Was vermisst du hier von deiner Heimat?
Nadja: Die Familie, das gemeinsame Essen und die Gespräche dabei.
Ja das ist das mit der roten und blauen Familie. Woanders ist es nicht so wie zuhause (ist ja auch gut so), aber das sind schon Dinge, die mir fehlen.
Die kurzen Wege – liegt aber vielleicht auch daran, dass ich es nicht gewöhnt bin. Aber lieber ein kleines Angebot zum Shoppen und für den täglichen Einkauf, als dieses Überangebot hier in München und die langen Wege um dies zu erreichen.

Redaktion: Hattest du schon einmal Heimweh? Was hilft dir dann?
Nadja: Ja ich hatte „rationales“ Heimweh. Ich sehn mich eher nach zuhause – ist aber nicht so, dass ich mich gar nimmer halten kann, sondern dass ich eigentlich immer weiß, wann ich das nächste Mal nach hause fahre. Von daher tröstet mich das. Mir hilft es wenn ich mit zuhause telefoniere.

Redaktion: Glaubst du, du wärst ein anderer Mensch wenn du woanders aufgewachsen wärst?
Nadja: Ja ich glaube schon. Das was mich geprägt hat ist die Familie und die Infrastruktur. Wir wohnen 5 km vor Ansbach und damit bin ich nicht direkt als „Stadtkind“ aufgewachsen. Hab also schon immer den Weg gehabt und dadurch gelernt, dass man net alles im Leben vor der Haustür hat. Dadurch weiß ich auch heut, dass man schon immer nen kleinen Aufwand bringen muss.
Außerdem die Familie: Meine Eltern haben vor 10 Jahren ein neues Unternehmen gegründet – damals war ich 17 – hab die harte Zeit der anfänglichen Selbstständigkeit mitbekommen und damit auch gemerkt, dass sie sich ihre Aufgabe suchen und auch nicht mehr so viel Zeit für uns Kinder haben – aber das war auch gut, weil ich damals auch mit Abi fertig war und dadurch das „Abnabeln“ leichter viel.

Redaktion: Was wären Unterschiede? Wie würde sich das bemerkbar machen?
Nadja: Manchmal bin ich einfach nur dankbar, dass meine Familie immer zusammen hält und ich auch in einem intakten Elternhaus aufgewachsen bin – ich glaub des gibt einem so viel Selbstvertrauen – hätte ich das nicht gehabt würde ich mich heute anders verhalten. So weiß man, dass man sich immer auf jemanden verlassen kann – egal wie man sich verhalten hat.

Redaktion: Welchen Blick auf deine Heimat hast du hier bekommen?
Nadja: Es ist intensiver geworden. Anfangs hab ich eher die Leute vermisst, aber als ich dann nach Schweden bin und da wars einfach mal ganz anders, hab ich auch gemerkt, wie sehr mir „Bayern“, die Warmherzigkeit und die ganze Lebensmentalität dort fehlte. Ich hab daraufhin beschlossen, dass ich nicht weiter nördlich wohnen möchte. =)

Redaktion: Welche Gründe sprechen für dich für eine Rückkehr in die Heimat?
Nadja: Ich hab immer das Gefühl was zu suchen oder auf der Flucht zu sein. Ich denke oft, dass es noch ein bisschen anders sein könnte. Ich versuch darauf eine Antwort zu finden und bin der Meinung, dass es genau das ist, was mich zuhause „vervollständigt“. Ich denk ich muss es einfach mal ausprobieren – vielleicht ist es auch so, dass ich es nie ewig wo aushalte und immer wieder los muss, aber im Moment fühlt es sich so an, dass mir genau die Dinge meiner Heimat fehlen.
Außerdem seh ich eine gewisse Lebensaufgabe, die vielleicht für mich sein könnte. Für mich ist es eine Option den Ferienbauernhof meiner Eltern zu übernehmen. Ich muss oft an meinen Opa denken, der schon bedacht war, dass wir den Hof mal fortführen und irgendwie war er eine ganz beeindruckende Persönlichkeit. Ich könnte das Ganze nie einfach weggeben…. Wer weiß vielleicht finde ich darin meine Erfüllung!