Lebenserfahrung Demokratie – zehn Jahre Netzwerk Politische Bildung Schwaben

Geschrieben von Sabine Gaßner; Foto: Ulrike Boehm (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 30. September 2012 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2012/09/lebenserfahrung-demokratie-zehn-jahre-netzwerk-politische-bildung-schwaben/>
Abgerufen am 15. Dezember 2019 um 16:51 Uhr

Gratulation zu zehn Jahren Netzwerk Politische Bildung Schwaben. Das Projekt wurde vom Bezirksjugendring Schwaben initiiert und zusammen mit der Katholischen Stiftungsfachhochschule München, Abteilung Benediktbeuern, ständig weiterentwickelt und wissenschaftlich begleitet. In den zehn Jahren seines Bestehens entwickelte sich das Netzwerk zu einer anerkannten und beispielgebenden Institution. Zwei Pioniere und Gründer resümieren Etappen einer Erfolgsgeschichte und blicken nach vorne. Prof. Dr. Gerhard Kral, Katholische Stiftungsfachhochschule München/Benediktbeuern, und Winfried Dumberger-Babiel, Geschäftsführer des Bezirksjugendrings Schwaben, im Gespräch mit Sabina Gaßner von der juna (http://www NULL.bjr NULL.de/publikationen/juna NULL.html)

Wie ist das Netzwerk entstanden?

Winfried Dumberger-Babiel: Der Bezirk Schwaben stellte sich im Rahmen des Agenda-21-Prozesses dem Problem geringer werdender Wahlbeteiligung. Gravierend war auch die Ferne junger Leute zur politischen Struktur „Bezirk“. Was liegt näher, als den Bezirksjugendring mit ins Boot zu holen?

Prof. Dr. Gerhard Kral: Pater Franz Schmid, damals Vizepräsident der Stiftungsfachhochschule und vormals Leiter des Studienschwerpunkts Jugendarbeit/Jugendsozialarbeit stellte beim Jugendforum 2001 des Bezirksjugendrings klar, dass politische Jugendbildung Markenzeichen, wichtige Aufgabe und ein Kernbereich der Jugendarbeit ist. Ich sollte als damaliger Forschungsbeauftragter die Situation der politischen Bildung in Schwaben untersuchen. Das deckte sich mit meinen fachlich-wissenschaftlichen Interessen.

Das Netzwerk als Antwort auf Politikverdrossenheit?

Dumberger-Babiel: Demokratie ist etwas Aktives, sie muss täglich gelebt werden. In der politischen Bildung lag hier einiges brach. Den größten Bedarf sahen wir vor der politischen Haustür, der Kommunalpolitik. Unser Ziel war, zusammen mit anderen, z.B. Schulen, dieses Politikfeld für junge Menschen interessant zu machen. Aus der Zusammenarbeit entwickelte sich ein tragfähiges Netzwerk, es entstanden die einzelnen Bausteine für die Praxis der politischen Bildung.

Warum ist dieses Netzwerk so erfolgreich?

Kral: Die enge Verzahnung von Bildung, Forschung und Praxis ist eines unserer Markenzeichen. Es ist uns gelungen, wichtige Institutionen für die Forschung und die Praxis zu gewinnen, und wir konnten stets großzügig arbeiten. Studenten und Studentinnen bearbeiteten 600 Fragebögen, teils in aufwendigen Telefoninterviews. Die Landeszentrale für politische Bildungsarbeit ermöglichte den schnellen und guten Kontakt zu Schulen, Bildungswerken und zur außerschulischen Jugendbildung. Der daraus entstandene Atlas politischer Bildung in Schwaben ist ein Grundlagenwerk.

Dumberger-Babiel: Unser Ansatz ist Lebensnähe, Politik wird erlebt, nicht gelehrt. Schülerinnen und Schüler erproben die Bausteine, sind aktiv beteiligt und bestimmen mit. Viele haben das erste Mal überhaupt Kontakt zu Behörden oder Politik. Gleichzeitig erwerben sie Kompetenzen, Souveränität im Umgang mit Politikern oder journalistische Fähigkeiten. Politische Bildung wird mit uns zur Lebenserfahrung. Das funktioniert nach dem Prinzip sozialer Netzwerke. Junge Leute haben Gelegenheit, sich selbst, ihr Anliegen darzustellen, und bekommen Feedback. Sie erleben und erfahren sich selbst.

Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Netzwerk gemacht?

Dumberger-Babiel: Wir haben immer wieder Themen aufgegriffen, die als schwierig galten. Manchmal hieß es „das passt nicht in den Lehrplan“. Teils mussten wir Vorbehalte und Ängste sogar durch Coachingtermine überwinden, auch bei Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen von Behörden oder Mandatsträgern und -trägerinnen. Wir bieten Ideen und Unterstützung, entwickeln und fördern verschiedene Methoden, wir transformieren und stellen Kontakte her.

Kral: Das Netzwerk entwickelt sich in Teilprojekten, insgesamt sind rund zehn entstanden. Es wächst in Ästen. Aber das Zentrum, der Stamm bleibt. Daran hat sich bis heute nichts geändert, auch nachdem aus dem Projekt Politische Bildung Schwaben das neue Netzwerk Politische Bildung Bayern – unter der Leitung von Christian Boeser, Universität Augsburg – hervorgegangen war. Wir setzen Impulse, dienen als Medium und verzahnen verschiedene Bereiche als Multiplikatoren. Dazu liefern wir qualifi ziert erprobte Bausteine und Refl exionen für alle Interessierten.

Das Netz öffnet Türen und Horizonte. Ohne aufgeschlossene und interessierte Partner funktioniert es nicht.

Wen und was haben Sie erreicht?

Kral: Unsere Arbeit führt verschiedene Ebenen und Gruppen zusammen und ermöglicht Lebenserfahrungen, die stimulierend, integrativ wirken. Erfreulicherweise beobachten wir eine Öffnung bei vielen Institutionen, und das Netzwerk reicht weit in die Gesellschaft hinein. Die jährlichen Foren sind Multiplikatoren. Sie erreichen bis zu 100 aktive Teilnehmer, die ihrerseits wieder vernetzt sind. Wir haben auch methodisch einiges umgebrochen durch die Vielfalt und die Betonung der Eigenaktivität. Wir setzen audiovisuelle Elemente ein, nutzen Interviews, arbeiten mit Fragebögen oder gruppendynamischen Methoden – Open Space, Fishbowl u.a.

Dumberger-Babiel: Unsere Bausteine werden von Schulen und in der Jugendarbeit als wegweisend anerkannt und offensiv genutzt. Mittlerweile sind andere Hochschulen als Partner dazugekommen. Andere Bezirke lernen von uns und übernehmen Teile unserer Materialien und Methoden. In unseren monatlichen Rundbriefen informieren wir rund 500 Multiplikatoren über Aktivitäten der politischen Bildung, hauptsächlich in Schwaben. Pro Jahr entstehen so rund 50 Beiträge, mehrheitlich verfasst von Studentinnen und Studenten der Fachhochschule, deren Einsatz nicht zuletzt durch journalistische Fortbildungen gefördert wird.

Die Beiträge bereichern die politische Bildung in einem nicht zu unterschätzenden Maß.

Was haben Sie noch vor?

Kral: Derzeit befassen wir uns mit Fortbildungen für Jugendbeauftragte in Gemeinden hinsichtlich methodischer und medialer Kompetenzen und der Gestaltung von Jungbürgerversammlungen. Wir erproben ein neues Konzept „Energiedetektive – Spürnasen unterwegs“ und beabsichtigen eine engere Zusammenarbeit mit der Akademie für po litische Bildung in Tutzing. Und wir bleiben bei unserem realitätsnahen Ansatz, Zugänge zu schaffen, wo andere Probleme sehen.

Dumberger-Babiel: Wir setzen für die Praxis Impulse und ermöglichen unmittelbare Begegnung zwischen Akteuren der Demokratie. Und wir erproben immer wieder neue Methoden und gehen neue Wege.

Wie wird das Jubiläum gefeiert?

Dumberger-Babiel: Wir feiern im Rahmen der Nacht der Demokratie am 2. Oktober in der Stadtbücherei in Augsburg. Federführend ist das Netzwerk Politische Bildung Bayern. Wir stellen die Vielfalt der Demokratie dar durch Ausstellungen, Workshops, Poetry Slam, Filme, Fishbowl etc. Hildegard Hamm-Brücher, die Grande Dame der freiheitlichen Demokratie, ist unsere Schirmherrin.

Kral: Unsere Botschaft ist:

Demokratie ist es wert, sich jederzeit einzubringen und konstruktiv mitzugestalten. Sie lebt von sozialen Beziehungen, und man muss sie aktiv leben.

 

Mit freundlicher Genehmigung der Juna, Zeitschrift des bayerischen Jugendrings

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