Stadt der Kinder

Geschrieben von Malena Schulte-Spechtel (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 30. September 2012 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2012/09/stadt-der-kinder/>
Abgerufen am 15. Dezember 2019 um 17:57 Uhr

Hoch konzentriert steht der elfjährige Hans (Name geändert) an der Dekupiersäge, die Augen auf die vorgezeichnete Linie gerichtet. Später wird er die ausgesägten Haken an einem Stück Treibholz befestigen, so dass eine Garderobe entsteht, die dann im Kaufhaus verkauft wird. Um ihn herum sind viele Kinder und Jugendliche im Alter von 7 bis 15 dabei zu schreinern, töpfern, schneidern und malen. Genauso wie sie verdient Hans im Handwerkerhof sein Geld.

Nach drei Stunden in der Holzwerkstatt beschließt Hans seinen Arbeitsplatz zu wechseln. Er holt sich beim Sekretär seinen Lohncheck, geht damit zur Bank und erhält für seine Arbeit fünf MiMüs pro Stunde. Davon werden ihm jeweils ein MiMü Steuern abgezogen. Um eine neue Stelle zu bekommen muss Hans sich an das Arbeitsamt wenden. Dieses vergibt je nach Kapazität beispielsweise Arbeitsplätze im Kino, beim Amt für Abfallwirtschaft, bei der Polizei, beim Theater, in der Gärtnerei oder bei Gericht.

Zusammen mit etwa 2000 anderen täglich ist Hans einer der Besucher der Stadt Mini-München. Seit 1979 organisiert der Verein Kultur und Spielraum e.V. die alle zwei Jahre stattfindende Spielstadt im Münchner Olympiapark, in der Kinder und Jugendliche drei Wochen lang das Sagen haben.

In Mini-München finden sich alle wichtigen Einrichtungen und Strukturen, in ihrer Komplexität vereinfacht, die auch eine echte Stadt ausmachen. Grundsätzliche Abläufe, wie zum Beispiel die Jobvergabe durch das Arbeitsamt, werden von Erwachsenen vorgegeben, doch es sind die Kinder und Jugendlichen, die für das Funktionieren und die Entwicklung der Stadt verantwortlich sind.

Der Grundgedanke ist Kindern und Jugendlichen in spielerischem Rahmen die Möglichkeit zu geben das Stadtgeschehen und somit soziales, kulturelles, ökonomisches und politisches Leben zu erfahren, zu begreifen und aktiv zu gestalten. In über sechzig verschiedenen Betrieben, die von ca. 140 Mitarbeiter_innen betreut werden, können die Kinder und Jugendlichen tätig werden. Mitmachen ist einfach: jede/ jeder zwischen sieben und fünfzehn Jahren muss sich einmalig einen Stadtausweis beim Einwohnermeldeamt holen und kann damit kostenlos so lange sie/ er Lust hat am Spiel teilnehmen. Eltern und andere interessierte Erwachsenen können Mini-München mit einem Elternvisum eine Stunde lang erkunden, dürfen aber nicht in das Spielgeschehen eingreifen. Diese Regelung wurde auf Wunsch der Kinder und Jugendlichen 2012 erstmals eingeführt.

Nicht nur in München haben Kinder und Jugendliche die Möglichkeit eine Spielstadt zu besuchen.

Auch in Augsburg, Berlin, Stuttgart und vielen anderen deutschen Städten wird die Idee der Kinderstadt verwirklicht.