alphabet – Angst oder Liebe

Geschrieben von Malena Schulte-Spechtel (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 30. November 2013 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2013/11/alphabet-angst-oder-liebe/>
Abgerufen am 18. Juni 2019 um 13:49 Uhr

„Kinder sollen das Leben ernst nehmen, sagt man. Dabei sollte gerade das Spielen ernst genommen werden.“ (Arno Stern)

Wenn wir an unsere Zukunft denken, an die unserer Kinder und Kindeskinder, wollen wir es so gut wie möglich haben. Wir wollen erfolgreich sein und noch viel mehr wollen wir, dass unsere Kinder erfolgreich sind.

In den letzten Jahren haben wir erkannt, wie dies alles Realität werden kann. „Bildung“ lautet das Schlüsselwort.

Dabei wird längst nicht mehr an die Zukunft eines einzelnen gedacht. Es geht um die Zukunft ganzer Nationen.

„Die Verkürzung des Lebens auf die Ökonomie ist eine der schlimmsten Entwicklungen unserer heutigen Zeit.“ (Thomas Sattelberger)

Bildung wird als wirtschaftliches Kapital gesehen, mit dem sich jetzt schon viel Geld verdienen lässt. Denn eine gute Bildung (hierunter versteht man in erster Linie Schul(aus)bildung) gilt als Grundstein für eine erfolgreiche Berufslaufbahn. Darum wird ständig gemessen, benotet und verglichen, wie gut wir sind. Als Vorbild gelten diejenigen, die zum Beispiel in der PISA-Studie gut abschneiden.

Doch dass das ganze System auch Schattenseiten hat will kaum jemand sehen.

In seinem aktuellen Film „alphabet – Angst oder Liebe“ beschäftigt sich Erwin Wagenhofer mit genau diesem Thema.

Was passiert, wenn Kinder von Anfang an unter Leistungsdruck stehen? Wenn schon im Kindergarten zwei Fremdsprachen unterrichtet werden? Wenn später die Schule und gute Noten das einzige ist, worum es geht? Wie geht es einem 11jährigen Kind, dass von sieben Uhr morgens bis halb zehn Uhr abends in die Schule geht, anschließen Hausaufgaben macht und am Wochenende Nachhilfeunterricht bekommt? Yang Dongping, Leiter der staatlichen Organisation „Bildung des 21. Jahrhundert“ in China, ist der Meinung, dass dies dazu führt, dass die Kinder am Start gewinnen und im Ziel verlieren. Dies zeigt auch eine alarmierende Statistik: die häufigste Todesursache bei jungen Chines*innen ist seit Jahren Suizid, Tendenz steigend. Dongping kritisiert am bestehenden Bildungssystem, dass unterschiedliche Meinungen nicht gefragt werden, es gehe darum eine Standardantwort zu präsentieren. Diese Situation töte die Kreativität der Chines*innen. Darum mangele es den Kindern, die in diesem System groß geworden sind an Selbständigkeit und der Fähigkeit sich gesellschaftlichen Veränderungen zu stellen und Dinge zu hinterfragen. Im PISA-Ranking liegen Chinas Schüler*innen auf Platz 1.

Ähnlich wie Dongping bewerteten auch Erwin Wagenhofer und einige der Protagonisten, die in dem Film zur Sprache kommen, unser Bildungssystem.

„Für mich gibt es zwei Konzepte: Das Konzept der Angst und das Konzept der Liebe. Und wenn wir bis jetzt mit dem Konzept der Angst gelebt haben, wird es Zeit, dieses zu verlassen.“ (Pablo Pineda Ferrer)

Doch der Film zeigt auch ein Beispiel, wie es anders gehen kann. André Stern, Sohn des Pädagogen Arno Stern, hat sein Leben lang keine Schule besucht. Nun ist er unter anderem Gitarrenbauer, Musiker und Autor.

“alphabet – Angst oder Liebe” zeigt traurige und schönen Momente, faszinierende Persönlichkeiten und fordert ein Stück weit auf, sich von festgefahrenen Denkschemata zu verabschieden und nach Alternativen zu suchen.

 

Weitere Informationen zum Film und dem gleichnamigen Buch, sowie begleitende Unterrichtsmaterialien finden sich auf der Website (http://www NULL.alphabet-film NULL.com/) zum Film.