4000 Tote, (k)ein Grund sich zu erinnern? – Burghauser Jugendliche stellen Film über das KZ im Mühldorfer Hart vor

Geschrieben von Martin Tanfeld (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 28. Februar 2014 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2014/02/4000-tote-kein-grund-sich-zu-erinnern-burghauser-jugendliche-stellen-film-ueber-das-kz-im-muehldorfer-hart-vor/>
Abgerufen am 7. August 2020 um 16:39 Uhr

Burghausen. Am 27.01.2014, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus stellte eine Gruppe Jugendlicher aus Burghausen und Umgebung ihre Dokumentation zur Außenstelle des KZ´s Dachau im Mühldorfer Hart vor.

“Es wäre schon wichtig, dass man die Erinnerung wach hält, insbesondere wenn in der Gegend kein anderes Ex-Lager existiert”, sagt Max Mannheimer im Interview mit dem Filmteam. Max Mannheimer selbst ist ein Überlebender der sogenannten Bunkerbaustelle “Weingut I” im Mühldorfer Hart. Dorthin wurde er geschickt nachdem er viele andere Stationen wie das KZ Auschwitz-Birkenau, das KZ Warschau und das KZ Dachau durchleben musste. Er verlor seine gesamte Familie, bis auf seinen Bruder Edgar. Umso ergreifender ist es, diesen Mann im Interview zu sehen, wie er folgende Worte spricht: “Es hat damals geheißen, nach 50 Jahren gibt es eine Zäsur. Das Gegenteil ist der Fall, die heutige Urenkelgeneration möchte gerne wissen, warum ihre Urgroßeltern so lange einem Massenmörder die Treue gehalten haben, das ist das Positive an der Sache.” Weiter sagt er: “Ihr seid nicht schuldig für das was passiert ist, aber was in Zukunft passiert, dafür schon.” Diese beeindruckenden Worte zeigen die Absicht, welche die Jugendlichen mit ihrem Film verfolgen,  sehr deutlich auf – Die Erinnerung an die Geschichte ist eines der wichtigsten Mittel um zu verhindern, dass sie sich wiederholt.

1944 hatte Deutschland die Lufthoheit verloren, die Alliierten bombardierten zunehmend Rüstungsanlagen. In diesem Außenlager sollte deswegen ein Bunker durch KZ-Häftlinge errichtet werden. Dort sollten bis kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges Kampfflugzeuge hergestellt werden, welche das Geschehen des Krieges noch einmal wenden sollten. So genannte „Wunderwaffen“ wie das erste düsengetriebene Jagdflugzeug vom Typ „ME 262“ von Messerschmitt. Insgesamt waren am Bau des nie vollendeten Bunkers bis Kriegsende etwa 8.300 KZ-Häftlinge eingesetzt, von denen etwa 4.000 Häftlinge verstarben, das Ziel war die „Vernichtung durch Arbeit“ der Häftlinge.

Eine Gruppe von Menschen setzt sich in der Region schon seit vielen Jahren dafür ein, im Mühldorfer Hart eine würdige Gedenkstätte zu errichten. Darunter sind etwa die Mitglieder des Vereins „Für das Erinnern – KZ-Gedenkstätte Mühldorfer Hart e. V.“ als auch die Mitglieder eines extra gegründeten Arbeitskreises, der sich für die Errichtung einsetzt. Als ein entsprechender Antrag an die Bundesregierung im Jahr 2013 abgelehnt wurde, mit der Begründung, dass es Zweifel an der „nationalen Bedeutung“ dieses Ortes gibt, wegen der „verhältnismäßig geringen Opferzahlen“ wurde die Gruppe der Jugendlichen aufmerksam auf diese Geschichte.

(v.l.n.r.) Martin Tanfeld, Bianca Marner, Lidija Sokolovic, Robin van Iven, Leo Blösl, Leander Blösl, Robert Hermann, Wolfgang Reiter, Hannes Schwankner (http://www NULL.politische-bildung-schwaben NULL.net/wp-content/uploads/2014/02/Filmteam NULL.jpg)

(v.l.n.r.) Martin Tanfeld, Bianca Marner, Lidija Sokolovic, Robin van Iven, Leo Blösl, Leander Blösl, Robert Hermann, Wolfgang Reiter, Hannes Schwankner

Wie viel ist Erinnerung wert? Wie viele Tote rechtfertigen eine Gedenkstätte? Kann man Leid überhaupt in Zahlen fassen? Dies sind nur ein paar der Fragen die das Jugendteam, rund um Jugendpfleger Hannes Schwankner, beschäftigte und sie schließlich dazu bewegte einen Film zu diesem Thema zu drehen.

Über viele Monate hinweg wurde recherchiert, gefilmt, wurden Interviews geführt, Archive durchforstet und Videomaterial geschnitten. Das Ergebnis ist ein rund 26-minütiger Dokumentarfilm über die Geschichte der ehemaligen Bunkerbaustelle im Mühldorfer Hart und die aktuelle Situation. Entscheidend hierbei ist, dass das Filmteam es geschafft hat, all diese Themen zu beleuchten, ohne dabei mit dem erhobenen Zeigefinger eine Lektion erteilen zu wollen. Es werden die Standpunkte und Positionen aller beteiligten Parteien aufgezeigt. Unter den verschiedenen Interviewpartnern findet sich z.B. Überlebende des Holocausts, wie Max Mannheimer. Verschiedene Vertreter von Vereinen, Initiativen und Arbeitskreisen, welche sich mit dem Thema beschäftigen. Auch der Landrat des Landkreises Mühldorf Herr Georg Huber wurde dazu interviewt.

Auf die alles entscheidende Frage, ob das Mühldorfer Hart “zu unbedeutend zum Erinnern” ist, haben die jungen Filmemacher jedoch keine Antwort finden können – schon alleine deshalb, weil sie die Frage für sinnlos halten. Den Jugendlichen ist es wichtig, dass die Geschichte des Nationalsozialismus auch auf regionaler Ebene nachvollziehbar ist, und in Erinnerung behalten wird. Und dass die Nationalsozialisten eben nicht nur in Auschwitz, Berlin und Dachau gewütet haben. Die Jugendlichen sind davon überzeugt, dass eine Gedenkstätte auf dem ehemaligen Bunkergelände unumgänglich ist und hoffen, mit ihrem Film einen Beitrag dazu leisten zu können, dass eine würdige Gedenkstätte errichtet wird. Eines ist ihnen in jedem Fall schon einmal gelungen, das Thema wieder in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Denn bei der Premiere waren, mit 180 Zuschauern, weitaus mehr Interessierte anwesend als erwartet. Das filmische Ergebnis ihrer Mühen haben die Jugendlichen nach der Premiere im Bürgerhaus an die Zuschauer verschenkt – allerdings verbunden mit der Bitte um eine Spende. Damit soll ein weiteres, größeres Filmprojekt finanziert werden. Denn die Jugendlichen planen bereits ihr zweites Filmprojekt. Dieses Mal soll der Bogen „weiter gespannt“ werden. Das genaue Konzept ist derzeit noch in Planung, jedoch soll es sich auf jeden Fall mit dem Thema auseinandersetzen wie es an bestimmten Orten bzw. in bestimmten Regionen Deutschlands zur Zeit des Nationalsozialismus aussah, wie es danach aussah und wie heutzutage nun die aktuelle Situation dort aussieht. Es soll aber auch wieder um KZ-Gedenkstätten gehen und wie mit der Erinnerung an den betreffenden Orten umgegangen wird.

Unter anderem sollen auch Stationen wie etwa das Konzentrationslager Auschwitz in Polen mit eingebaut werden. Um dieses große Projekt zu finanzieren ist das Team auch ständig auf der Suche nach Sponsoren.

Wer sich selbst ein Bild von der Dokumentation machen möchte, kann sich beim Jugendbüro Burghausen unter der Telefonnummer 08677/ 878 927 oder der E-Mail-Adresse jugbue@googlemail.com melden. Dort gibt es die Möglichkeit Exemplare des Films gegen eine Spende zu erhalten.