Rassismus im “Social Media”

Geschrieben von Julia Cammann (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 28. Februar 2014 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2014/02/rassismus-im-social-media/>
Abgerufen am 24. Januar 2019 um 10:57 Uhr

Seit das Internet in den 90ern für die breite Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, nutzen auch rechtspopulistische Gruppierungen das- wie die rechte Szene es nennt- Weltnetz, um ihre rassistischen Thesen zu verbreiten. Anfangs beschränkten sich die Auftritte auf statische Websites. Seit dem rasanten Aufkommen des sogenannten Web 2.0 jedoch nutzen Neonazis Online-Plattformen wie Facebook, Twitter & Co. verstärkt für ihre Zwecke. Ihnen geht es damit hauptsächlich um Propaganda, Rekrutierung und Vernetzung. Da heutzutage oben genannte Portale großteils, vor allem von Jugendlichen, zur Informationsgewinnung und täglich genutzt werden, bieten sich diese Dienste besonders gut an, um in kürzester Zeit möglichst viele User zu erreichen.

Perfiderweise ist auf den ersten Blick oft der neonazistische Hintergrund nicht zu erkennen. So z.B. die „Identitäre Bewegung Deutschland“, welche auf Facebook mit dem Slogan 100% identitär- 0% Rassismus“ wirbt. Die Glaubwürdigkeit dieses Slogans bröckelt jedoch stark, wenn man die Gruppenbeschreibung liest, in denen die Gruppe ihr Ziel, nämlich den Erhalt der „ethnokulturellen Identität“ betont.

Jugendschutz.net (http://jugendschutz NULL.net/) hat es sich zur Aufgabe gemacht, rechtsradikale Seiten zu sichten und auf jugendgefährdendes Material hin zu bewerten, um rechtzeitig gegensteuernde Maßnahmen einleiten zu können. Die Mitarbeiter der Seite weisen auch darauf hin, dass jeder User, der entsprechendes Material im Internet entdeckt, einen Beitrag leisten kann, indem er dies per wenigen Mausklicks den Betreibern der Seite meldet.

In dem Bericht Rechtsextremismus online informiert jugendschutz.net über aktuelle Zahlen, Erscheinungsformen und Gegeninitiativen.

Einen Höchststand an rechten Websites dokumentierte jugendschutz.net im Jahr 2009 mit insgesamt 1872 Stück. Im Monitoring 2012 wurden 1519 eigenständige Angebote der organisierten Szene sowie von Einzelpersonen registriert.

Allerdings wurde 2012 im Social Web mit 5.500 Beiträgen ein Zuwachs von rund 50% im Vergleich zum Vorjahr registriert. Vor allem Twitter scheint zur Mobilisierung immer beliebter zu werden. Mit 196 rechtsextremen Kanälen stieg hier die Zahl um 35% im Vergleich zum Vorjahr 2011.

Die rechte Szene geht mit der Zeit, indem sie ihre Angebote möglichst modern präsentiert und zugänglich macht. So nutzen sie z.B. QR-Codes, welche nach dem Einscannen auf rechte Seiten weiterleiten. Auch finden sich immer mehr Apps mit strafbaren antisemitischen Symbolen, welche man sich kostenlos downloaden kann. Darunter findet sich auch die FSN( Frei sozial National)- App, welche zum gleichnamigen rechtsradikalen Online Radio gehört. Durch diese erhält man über sein Smartphone oder Tablet Zugang zu mehreren Musikkanälen, Radiostreams und einmal wöchentlich zu einem speziellen „Tv-Programm“.

Ein sehr beliebtes Instrument zur Schürung des Fremdenhasses ist die Propagierung der Islamfeindlichkeit. In den letzten Jahren formierten sich immer wieder lokale Gruppierungen gegen den- oft vermeintlichen- Bau von Moscheen. Hierbei machten sich die Neonazis aktuelle Debatten über islamistische Gruppierungen und die Angst vor Terroranschlägen zunutze. Jugendschutz.net registrierte 2012 einen Zuwachs von 60% an islamfeindlichen Websites, auf denen Muslime pauschal verunglimpft wurden. Durch die Vermischung von Islamkritik und rassistischen Parolen wird es dem Leser teilweise schwer gemacht, zwischen Information und Propaganda zu unterscheiden. Als ein Beispiel wird die Seite „Zukunftskinder- für die Zukunft unserer Kinder“ genannt, in der unter anderem Vorschläge zur Ent-Islamifizierung gesammelt werden.

Unter dem Deckmantel des Humors werden auf verschiedenen Facebook-Seiten, wie z.B. „Umstrittener Humor- Mein Humor ist so schwarz, er könnte bei mir als Sklave arbeiten“ Juden, Homosexuelle und Menschen mit Behinderung herabgewürdigt. Der Schutz der Satire als Form der Meinungsfreiheit ist zwar in Deutschland durch das Grundgesetz geschützt, jedoch nur so lange, wie Menschengruppen nicht in ihrer Würde angegriffen und diffamiert werden. Jugendschutz.net sieht durch mangelnde Sanktionen seitens Facebook die Gefahr der Förderung eines Klimas, in dem Diskriminierungen salonfähig erscheinen.

Auf Videoplattformen, wie z.B. Youtube, sind unzählige Videos rechtsradikaler Bands und Liedermacher zu finden. Darunter finden sich auch so genannte selbst zusammengestellte „Fan-Videos“, welche rechtes Liedgut mit Bildmaterial unterlegen. Darunter sind oft Kriegsbilder des zweiten Weltkrieges, Soldaten in SS- Uniformen, Nazi-Versammlungen, Ausländer und verhetzende Schriftzüge zu finden. Zahlreiche selbsgemachte Aufnahmen von rechten Demonstrationen, in meist sehr schlechter Qualität, sind mitunter zu finden.

Um diesen Auswüchsen entgegenzuwirken und im Sinne des Jugendschutzes fordert jugendschutz.net ein sehr viel strikteres Vorgehen von Plattformbetreibern gegen volksverhetzende Aussagen und Posts. Dabei dürfe Facebook keine „Satire“ akzeptieren, die auf die Verunglimpfung von Volksgruppen ausgelegt ist. Immerhin erreichte das Team, dass 1.111 rechte Angebote entfernt wurden (Erfolgsquote von 75%). Das direkte Ansprechen der Netzbetreiber erwies sich hierbei als die effektivste Methode. Zudem müssten auf Videoplattformen wie YouTube Sicherheitsmaßnahmen ergriffen werden, die das erneute Hochladen eines bereits gelöschten Videos erschweren würden.

Um der internationalen Dimension gerecht zu werden, arbeitet jugendschutz.net mit ausländischen Partnern aus dem „International Network Against Cyber Hate“ (INACH) zusammen. Insgesamt 20 Organisationen aus Europa, den USA und Kanada, welche sich länderübergreifend für grundlegende Werte und einen respektvollen Umgang im Internet einsetzen, sind unter diesem Verbund vereinigt. Der Verbund beschäftigt sich in Konferenzen mit den Fragen, wie sich der Hass im Social Web eindämmen lässt und welche Verantwortung Industrie, Staat und Internetuser dabei übernehmen müssen. Die INACH- Charta fordert Vertreter der Wirtschaft und Politik dazu auf, sich aktiv gegen Rassismus und Diskriminierung zu wenden. Einen ganz entscheidenden Beitrag können jedoch die Internetuser selbst beitragen, welche rechtspopulistische Propaganda nicht einfach so stehen lassen, sondern sich argumentativ dagegen zur Wehr setzen. Auch sind diese dazu angehalten, Verstöße an die Provider zu melden um das Netz gegen Nazis möglichst effektiv zu gestalten.

Quellen:

Jugendschutz.net: Rechtsextremismus online- beobachten und nachhaltig bekämpfen; Bericht über Recherchen und Maßnahmen 2012

http://www.focus.de/digital/internet/tid-14209/rechtsextreme-im-internet-fanclubs-und-vernetzung-soziale-netzwerke_aid_398389.html (http://www NULL.focus NULL.de/digital/internet/tid-14209/rechtsextreme-im-internet-fanclubs-und-vernetzung-soziale-netzwerke_aid_398389 NULL.html)

http://jugendschutz.net/ (http://jugendschutz NULL.net/)

http://www.hass-im-netz.info/hassimnetz/aktuelle-zahlen.html (http://www NULL.hass-im-netz NULL.info/hassimnetz/aktuelle-zahlen NULL.html)