Alarmzeichen für die Demokratie – Planspiele gegen Politikverdrossenheit

Geschrieben von Sibylle Ulbrich (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 30. April 2014 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2014/04/alarmzeichen-fuer-die-demokratie-planspiele-gegen-politikverdrossenheit/>
Abgerufen am 19. September 2019 um 09:19 Uhr

Bei den bayrischen Kommunalwahlen lag die Wahlbeteiligung bei durchschnittlich 55 Prozent, dem niedrigsten Stand seit 1946[1]. In manchen Orten sogar bei unter 50 Prozent. Ein Debakel.
Innenminister Joachim Herrmann spricht von einem „Alarmzeichen für die Demokratie“. Dieses Signal regt zum Handeln an und wirft Fragen auf. Muss sich die politische Bildung neu orientieren? Wo muss sie ansetzen? Welche Methoden anwenden? Wie kann die Vernetzung von Schule, Wissenschaft und politischer Bildung gelingen? Dies sind Fragen die sich die Akteure der Politischen Bildung angesichts derlei Entwicklungen stellen sollten.

Bei der Tagung „Planspiele in Schule und Wissenschaften“ (http://web NULL.apb-tutzing NULL.de/apb/cms/uploads/Tagungsprogramme/2014/14-3-14-programm NULL.pdf) vom 4.-6. April 2014 konnten sich die Teilnehmenden auf kreativer Weise diesen Themen nähern.

Was haben Planspiele mit Politikverdrossenheit zu tun und wie werden sie in die politische Bildung integriert? Neben Wissensvermittlung geht es hier um die Einstellung zur Politik. Um das Verhalten des (Nicht-) Wählens, des sich Engagierens und den Willen, bzw. das Vermögen sich mit Politik auseinandersetzen. Mit Einstellungs- und Verhaltensveränderungen durch Rollenspiele beschäftigt sich die Sozialwissenschaft bereits seit geraumer Zeit. In theoretischer (Klaus Heinerth, Hrsg.) und empirischer Auseinandersetzung (Rudolf Schmitt) fand die Forschung ihre Blüte gegen Ende der 1970er Jahre. Untermauert werden die Konzepte von erfahrungsorientiertem Lernen in den letzten Jahren durch die Erkenntnisse der Neurobiologie. Die konkrete Erforschung und Anwendung von Planspielen zur politischen Bildung steckt jedoch noch in den Kinderschuhen. Zu diesem Schluss kamen die Veranstalter der diesjährigen Planspiel-Tagung und stellten die Veranstaltung unter das Motto „Planspiele in Schule und Wissenschaft“.

In Kooperation mit der Bundeszentrale für Politische Bildung und der Deutschen Vereinigung für politische Bildung (Landesverband Bayern) lud der Planspielverband SAGSAGA (Swiss Austrian German Simulation And Gaming Association) zu einem Vernetzungstreffen nach Tutzing. Für den fachlichen Austausch war die Akademie für Politische Bildung der ideale Ort, führt sie doch selbst Planspiele zur politischen Bildung durch.

Planspiele sind besonders geeignet in einer immer komplexeren Welt Prozesse darzustellen. Durch diese Methode werden reale politische, ökonomische und gesellschaftliche Zusammenhänge simuliert und erlebbar gemacht. Ihre Wurzeln liegen im Nachstellen militärischer Konfrontationen. Auch Brettspiele, wie das über 1500 Jahre alte indische Chaturanga (Vorläufer des Schachs) zählen dazu. Planspiele haben somit eine lange Tradition.

Eines dieser militärisch geprägten Planspiele ist POL&IS (Politik & internationale Sicherheit). In den 1980er Jahren von Wolfgang Leidhold (Seminar für Politikwissenschaft Uni Köln), entwickelt  wird es seit 1989 von der Bundeswehr durchgeführt. In Simulationen werden vereinfacht Aspekte der internationalen Politik bearbeitet. Laut Werbebroschüre soll POL&IS „aufzeigen, wie lebendig Politik ist, soll das Interesse für diese steigern und motivieren, sich darauf einzulassen.“ Planspiele sollen also nicht primär Wissen vermitteln, sondern vor allem motivieren und begeistern. Der Erfolg von Planspielen war jedoch lange unerforscht.

„Konkrete Ansätze, zur Evaluation von Planspielen im Kontext der Politischen Bildung“ hieß einer der vielen Workshops auf der Planspiel-Tagung. Der Frage, welche Wirkungen Planspiele haben ging u.a. Kirsten Brinckmann nach. Auf der Tagung stellte sie ihre Diplomarbeit, eine qualitative Untersuchung des Planspiels POL&IS vor. In einem Methodenmix (Gruppendiskussion, Feldbeobachtung und Experteninterviews) befragte sie sowohl Teilnehmer, als auch Durchführende zu ihren Erfahrungen. Herausgekommen ist eine fundierte Forschungsarbeit, die mit dem 2. Planspielpreis belohnt wurde. Eine wichtige Erkenntnis der Arbeit ist, dass neben reiner Wissensvermittlung vor allem Schlüsselkompetenzen und Selbstwirksamkeit gefördert werden. Planspiele könnten somit geeignet sein um einer Politikverdrossenheit entgegenzuwirken, die vor allem mangelnder  Beteiligungsmöglichkeiten und hoher Komplexizität politischer Prozesse entspringt.

“Politikverdrossenheit gehört zu den allgegenwärtigen Worten in unserer Gesellschaft.“ So schreibt die Bundeszentral für Politische Bildung (bpb) auf ihrer Internetseite. Bezweifelt dann aber, „ob sich die Unzufriedenheits-Reaktionen der Bevölkerung unter dem Stichwort Politikverdrossenheit zusammenfassen lassen. Allein die Politisierungsschübe, die in letzter Zeit zu beobachten sind, lassen daran zweifeln.“ Proteste wie Stuttgart21 werden als Begründung angeführt. Dass es sich bei Bürgerschaftlichem Engagement, als Ausdruck politischen Protestes nach wie vor um ein „Projekt der Bürgerlichen Mitte“ handelt bleibt undiskutiert.

Politische Bildung wird vor allem jenen zugestanden, von denen man Mündigkeit und Engagement erwartet. Kaum verwunderlich, dass die Zielgruppe „Mittelschüler” und „Förderschüler” bei Planspiel-Konzepten wenig berücksichtigt wird. Im Zuge von Inklusion und viel beschworener Bildungsgerechtigkeit eine unverständliche Nachlässigkeit. Lobenswert ist hier der Ansatz des Centrum für Angewandte Politikforschung (CAP), die mit ihrem Planspiel „Der Landtag sind wir!“ im Auftrag des Bayrischen Landtags auch an Mittelschulen und Förderschulen geht. Gerade für Menschen, die nicht gewohnt sind für ihre Belange einzustehen, sich adäquat zu äußern und Stellung zu beziehen sind Selbstwirksamkeitserfahrungen durch  handlungsorientiertes Lernen unabdingbar. Genau dieses Lernsetting bieten Planungsspiele. Laut Stefan Rappenglück, Vorstand von SAGSAGA wird dies auch von den Teilnehmenden erkannt: „Von jungen Menschen wird ausdrücklich das Abstimmungsprozedere, die Verhandlungsbereitschaft, die Kompromissfindung sowie Konfliktbewältigung als Schlüsselerfahrungen genannt.“

Insgesamt bot die Planspiel-Tagung ein reiches Spektrum an Konzepten zur Politischen Bildung. Von Planspielen zur Demokratie- und Menschenrechtserziehung bis zu Planspielmethoden in der Politikberatung war für jeden Bedarf etwas dabei. Erstmalig fand auf der Tagung im Rahmen des neu ins Leben gerufenen Forschungsnetzwerks der SAGSAGA ein Austauschforum zum Thema „Planspiele – aktuelle wissenschaftliche Forschungsarbeiten“ statt. Der Schwerpunkt der sehr gut besuchten Veranstaltung lag darin, einen Überblick über die momentan aktive, deutschsprachige Planspielforschung zu gewinnen. Zahlreiche Teilnehmer nutzten die Gelegenheit, ihre Forschungsbereiche vorzustellen und zu netzwerken. Mit dem Ziel, die Vernetzung und den Austausch von Anwendern der Planspielmethode im wissenschaftlichen Bereich zu fördern, sind weitere Veranstaltungen dieser Art für zukünftige SAGSAGA Netzwerktreffen geplant. Interessierte können sich beim Koordinator steven_kawalle@web.de informieren sowie Anregungen und Vorschläge einbringen.

Wer mehr erfahren möchte über diese interessante Methode, findet in Folge wichtige Links, oder meldet sich gleich an für eine der größten Tagungen zu dem Thema:

Die 45. Konferenz der ISAGA (International Simulation And Gaming Association) findet diesmal von 7. bis 11. Juli 2014 in Dornbirn statt. Eine seltene Gelegenheit, denn nur alle 10 bis 15 Jahre treffen die Akteure im deutschsprachigen Raum zusammen. Ausrichtende Hochschule ist die FH Vorarlberg, führend im Einsatz von Planspielen in der Lehre sowie in der Planspielforschung.

Wichtige Links zum Thema:

Planspielverband SAGSAGA:
http://www.sagsaga.org/index.php?id=11 (http://www NULL.sagsaga NULL.org/index NULL.php?id=11)

Planspiele in der Politischen Bildung:
http://www.bpb.de/lernen/unterrichten/planspiele/ (http://www NULL.bpb NULL.de/lernen/unterrichten/planspiele/)

Planspielangebot des Landtags:
https://www.bayern.landtag.de/info-service/angebote-fuer-schulen/ (https://www NULL.bayern NULL.landtag NULL.de/info-service/angebote-fuer-schulen/)

45. Planspiel-Konferenz:
http://www.fhv.at/thema/planspiel-welttagung

Planspiel-Datenbank:
http://www.bpb.de/lernen/unterrichten/planspiele/65585/planspiel-datenbank (http://www NULL.bpb NULL.de/lernen/unterrichten/planspiele/65585/planspiel-datenbank)


[1] Bayerische Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung

Bildnachweis: Bundeszentrale für Politische Bildung