Qual, der unentschlossene Wal

Geschrieben von Jonas Bausch und Julia Tobari (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 31. Mai 2014 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2014/05/qual-der-unentschlossene-wal/>
Abgerufen am 23. April 2019 um 21:03 Uhr

Nach den Europawahlen sind die Zeitungen überschwemmt von Berichten über Wahlbeteiligung, Wahlergebnisse und den Rechtsruck, der an Europa rüttelt. So wollen wir Sie hier nicht mit einer weiteren besorgten Zusammenfassung behelligen. Es ist doch zur Abwechslung auch mal ganz interessant, das Geschehen vor der Wahl aus der Perspektive eines ganz normalen Bürgers zu erfahren. Hier lesen Sie die Retrospektive eines verunsicherten IT-lers, der gerne würde, jedoch nicht weiß wie und was, und in mancherlei Hinsicht den Zeitgeist recht anschaulich trifft. Jonas Bausch aka Qual, der verunsicherte Wal:

Kein anderes Thema hat mir in den letzten Wochen ein größeres schlechtes Gewissen bereitet als die mittlerweile “erledigten” Europawahlen. Da ich mich als absoluten Politik-Noob bezeichne und zwar nicht, weil ich vermutlich keine fünf deutschen Minister nach Ressort und Parteizugehörigkeit benennen kann, sondern einfach aufgrund der Tatsache, dass ich am politischen Geschehen nicht proaktiv teilnehme, war es für mich äußerst schwierig, eine Entscheidung zu treffen, mit der ich in zwei Jahren noch leben kann.

Als Informatiker und allgemein wissenschaftlich angehauchtem Menschen ist es zumindest für mich ein Graus, mich für etwas zu entscheiden, womit ich selber keine Erfahrungen gemacht habe. Genauso ist es schwierig, seine Meinung anhand von leider oft zu einseitigen Erfahrungen anderer zu bilden.

Da lässt sich ganz leicht ein allgemein bekanntes Problem aus der Softwareentwicklung als Beispiel nennen: Ein Projektteam brainstormed über eine Idee für eine Softwarelösung und kommt schliesslich nach eingehender Risikoanalyse zu dem Entschluss, mit der Entwicklung anzufangen. Nun bleibt nur noch eine essentielle Frage, um endlich die erste Zeile Code schreiben zu können: Welche Programmiersprache soll verwendet werden?

Nun, die SPD-Wähler unter den Programmieren würden natürlich sofort zu Java greifen. Schließlich kriegt man damit schon einiges hin und es läuft auch recht stabil. Die konservativen CDU/CSU-Wähler schreien dann natürlich laut C# mit .NET sei die beste Sprache für diesen Zweck. Die Angehörigen der Grünen mögen sich vllt. für C++ aussprechen, weil es ressourcensparender ist. Der Praktikant, der heimlich der Piratenpartei angehört flüstert leise “Perl”, auch wenn er genau weiß, dass ihm eh keiner zuhört und so entsteht im Nu ein Streit, den keiner gewinnen kann, denn schließlich müssen alle gemeinsam daran arbeiten können.

Was macht man in der Softwareentwicklung in solchen Fällen? Man holt sich fachlichen Rat von einem externen IT-Consultant. Diese sind in der Regel jünger und unerfahrener als jeder einzelne im Team, schaffen es aber durch Eloquenz und richtiges Auftreten den Anschein zu erwecken, richtig was zu können. Auf die Politik übertragen sind das die Politikwissenschafts- und Sozialwissenschafts Studenten im zweiten Semester.

Nun, egal ob man als Softwareentwickler oder als politisch interessierter Mensch jemanden konsultiert, erhofft man sich meist einen eindeutigen Plan, einen Weg den man bestreiten soll und der allgemeingültig ist. Die Realität sieht leider anders aus. Der IT-Consultant wird seine mächtig aufgemotzte Powerpoint-Präsentation mit einer rudimentären Gegenüberstellung der einzelnen zur Auswahl stehenden Programmiersprachen herzeigen, während der Politikstudent vermutlich zunächst einmal den Versailler Vertrag und die Weimarer Republik erklärt, ohne auch nur überhaupt den Funken eines Statements zur aktuellen Lage abgeben zu können. Die Entscheidung wird einem (Gott sei Dank) selbst überlassen.

Doch woher nimmt sich der Otto-Normal-Wähler eine gewisse Grundexpertise über so ein komplexes System wie die Politik? Reicht es ihm, schlicht einfach nur über die Wahl eines Betriebssystems und evtl. noch zwischen einem Asus oder Sony Laptop zu entscheiden, oder will er das gesamte Spektrum verstehen, ohne 18 Semester Politikwissenschaften zu studieren?

Die Aussagen in den öffentlich-rechtlichen Medien sind leider meist zu kryptisch und einseitig formuliert, während alternative Wissensquellen im Internet oft nicht vertrauenswürdig oder von flankenextremistischen Gruppierungen verfälscht sind. Die Politik von Grund auf zu sanieren kommt natürlich auch nicht in Frage, da man ja sonst merken würde, wie einfach es wäre und viele Politiker hätten keine Existenzberechtigung mehr (Oder wie man in der Informatik sagt: Never change a running system).

Warum nicht also ein Medium bzw. eine Bildungsquelle schaffen, die jedem Menschen auf verständlichem Niveau das politische Geschehen näher bringen kann. Dabei kann der User selbst entscheiden, auf welchem Level er einen Einblick erlangen möchte und kann sich auch inkrementell tiefer in die Materie einarbeiten, bis er zu einer für ihn vertretbaren Meinung und v.a. Entscheidung kommt.

Der einzelne Leser mag sich nun beim Lesen dieses Textes fragen, was sind Java, C#, .NET und Perl? Genauso geht es den knapp 60% der Wahlbeteiligten wenn sie Buzzwords wie TTIP oder Fracking hören oder einfach nur den Unterschied zwischen EU-Komission und europäischem Parlament benennen müssen.

Ihre Stimme verfällt, einfach aufgrund der Tatsache, dass sie mit der Qual der Wahl und ihrem mangelnden Wissen – was nicht unbedingt mit mangelndem Interesse zusammenhängt – überfordert sind.