Das große Schlachten – 100 Jahre „Erster Weltkrieg“

Geschrieben von Dirk Tabellion (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 30. Juni 2014 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2014/06/das-grosse-schlachten-100-jahre-erster-weltkrieg/>
Abgerufen am 24. Januar 2019 um 10:52 Uhr

Am 20. November 1897 sagte der österreichisch-ungarische Außenminister Agenor Graf Goluchowski: „Wie das 16. Und 17. Jahrhundert mit den religiösen Kämpfen ausgefüllt waren, wie im 18. Jahrhundert die liberalen Ideen zum Durchbruche kamen, wie das gegenwärtige Jahrhundert durch das Auftauchen der Nationalitäts-Fragen sich charakterisiert, so sagt sich das 20. Jahrhundert für Europa als ein Jahrhundert des Ringens ums Dasein auf handelspolitischem Gebiete an“. Der Anlass der dann jedoch ein weltweites Schlachten auslöste, kann aus heutiger Sicht betrachtet kaum geringer sein. Ein dilettantisch vorbereitetes Attentat auf den österreichischen Erzherzog Franz Ferdinand am 28. Juni 1914.

Der Zufall kam den Attentätern zu Hilfe, als das falsch abgebogene Auto des Thronfolgers in die Schusslinie des 19- jährigen bosnischen Serben Gavrilo Princip geriet und dieser Franz Ferdinand und seine Frau Sophie tötete. Ein terroristischer Akt. Ganz sicher. Man vermutete Belgrad hinter den Anschlägen. Jedoch war es für Wien schwierig. Ein kriegerischer Angriff auf Serbien hätte, durch Bündnisstrategie dessen Schutzmacht Russland heraufbeschworen. Wien musste sich also die Unterstützung des deutschen Kaisers in Berlin sichern. Berlin wiederum ließ nach Wien verlauten: es läge an Österreich – Ungarn, zu beurteilen, was geschehen müsse, um das Verhältnis zu Serbien zu klären. Wien könne hierbei – wie auch immer die Entscheidung ausfallen möge- mit Sicherheit darauf rechnen, dass Deutschland als Bundesgenosse und Freund der Monarchie hinter ihr stehe.

Der berühmte Blankoscheck des deutschen Kaisers aber auch seines Kanzlers Theobald von Bethmann Hollweg. Das Wiener Ultimatum an Belgrad welches nun folgte, beinhaltete für Serbien Forderungen, die dessen Souveränität massiv eingeschränkt hätte. In den restlichen europäischen Hauptstädten begann man zu begreifen, dass Europa auf einen großen Krieg zusteuerte. Am 28.Juli 1914 erklärt Österreich, Serbien den Krieg.

Vier Tage später folgt die Kriegserklärung Deutschlands an Russland, zwei Tage später an Frankreich. Großbritannien steigt am 4.August 1904 in den Krieg ein, als deutsche Truppen im neutralen Belgien einmarschieren. Japan erklärt den Mittelmächten Deutschland und Österreich-Ungarn am 23.8. 1914 den Krieg. Das osmanische Reich tritt am 29.10.1914 in den Krieg ein. Innerhalb von 3 Monaten entsteht ein Weltenbrand. 36 Nationen sollten im ersten Weltkrieg, der nun folgte gegeneinander kämpfen. Zumeist auf europäischen Schlachtfeldern. Der Philosoph Ernst Haeckel sprach 1914 vom ersten Weltkrieg im wahren Sinne des Wortes. Auch die USA griffen schließlich am 6. April 1917 in die Kämpfe auf Seiten der Entente ein. Das damalige Deutsch-Südwestafrika, das heutige Namibia wurde vom aufstrebenden Südafrika erobert und bis 1990 besetzt gehalten.

Krieg war um 1913 ein durchaus akzeptiertes Mittel der Politik. Das Militär genoss hohes Ansehen, staatliche Festakte kamen ohne Militärparaden nicht aus. Große Teile der europäischen Jugend gehörten paramilitärischen Verbänden an, die teilweise von der Armee unterstützt wurden. Ab Herbst 1914 wird im Schulsport mit Holzgewehren exerziert. Zum Lehrplan gehören Soldatenlieder. So scheint es auch kein Wunder, dass der Beginn des Krieges vom Volk sehnlichst erwartet und freudig begrüßt wurde. In München versammeln sich am 2. August 1914 Tausende auf dem Münchner Odeonsplatz. Dort singen sie die deutsche Nationalhymne und feiern die Mobilmachung des Heeres. Hier ist auch Adolf Hitler mit dabei und meldet sich kurz darauf als Freiwilliger bei der bayerischen Armee.

Mit Blumen im Gewehrlauf und dem Segen Gottes ziehen die Soldaten in die Schlacht. Ab 1915 werden in Deutschland die Lebensmittel knapp. Kaffee aus Löwenzahn, Krähen zum Abendessen. Die Menschen stehen stundenlang vor Geschäften. Wenn sie endlich dran sind, gibt es oft kein Brot, kein Gemüse und keine Milch mehr. Die Menschen suchen nach jeder Möglichkeit, Lebensmittel zu bekommen. Auf den Balkonen werden Gemüse angebaut. Brennnessel wird als Spinat gegessen. Steckrüben sind Alltag und für viele, vor allem die Arbeiterfamilien, das einzige Mittel gegen den Hunger. Sie werden zu Suppen, Aufläufen, Pudding, Frikadellen, Koteletts, Klöße etc. verarbeitet. Schließlich empfiehlt das Ernährungsamt allen, die auf Fleisch nicht verzichten wollen Krähen zu erlegen und diese zu essen. Bis Kriegsende sind 700000 deutsche Soldaten an den Folgen von Unterernährung gestorben. Als 1918 der Krieg endliche endet, steht Deutschland vor einem politischen Trümmerhaufen. Im November 1918 dankt der Kaiser ab und geht ins holländische Exil. In Kiel, Hamburg und Hannover herrscht Revolutionsstimmung.

In Berlin überschlagen sich am 9. November 1918 die Ereignisse. Zunächst überträgt Prinz Max von Baden sein Reichskanzleramt dem SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert. Am selben Tag noch ruft Eberts Parteifreund Philipp Scheidemann vom Balkon des Reichstags die „deutsche Republik“ auf parlamentarisch-demokratischer Linie aus. In etwa zeitgleich, proklamiert der Sprecher des Spartakusbundes und spätere Mitgründer der KPD, Karl Liebknecht, im Berliner Tiergarten und etwa zwei Stunden später nochmals vom Balkon des Berliner Stadtschlosses die „freie sozialistische Republik“.

Die „Weimarer – Republik“ entsteht.

Am 11. November 1918 endet für das Deutsche Reich im Wald von Compiègne bei Paris der Erste Weltkrieg. Deutschland kämpfte seit 1914 mit seinen Verbündeten unter anderem gegen Frankreich, Großbritannien, Russland und seit 1917 auch gegen die USA. Im Herbst 1918 droht scheiterte die letzte deutsche Offensive. Die Oberste Heeresleitung unter Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg fordert sofortige Waffenstillstandsverhandlungen und beordert eine zivile Delegation unter Staatssekretär Matthias Erzberger zu den Gesprächen. Am 28.Juni 1919 unterschreibt die junge deutsche Republik im Spiegelsaal des Schlosses Versailles den „Versailler Friedensvertrag“. Deutschland soll auf ein Siebtel seines Staatsgebietes von 1914 verzichten, Ostpreußen ist durch den polnischen Korridor abgetrennt, das Rheinland wird von den Siegermächten besetzt, die Kolonien aufgeteilt. Darüber hinaus soll das Land Reparationszahlungen in Höhe von 132 Milliarden Reichsmark leisten. Nie zuvor hat sich ein Verlierer verpflichten müssen, alle Schäden eines Krieges allein zu übernehmen. Gleichzeitig sollen Wirtschaftssanktionen dafür sorgen, dass Deutschland nie wieder auf die Beine kommt.

Außenminister Brockdorff-Rantzau soll dazu gesagt haben, das der lange Vertragstext ganz unnötig gewesen wäre, die Siegermächte hätten einfach scheiben sollen, Deutschland gibt sein Existenzrecht auf. Diese extremen Konditionen sind ein Novum in der Geschichte. Zu brutal war das Abschlachten von Millionen Soldaten. Jahrhunderte galt Krieg als legitime Methode, als Fortsetzung der Außenpolitik mit anderen Mitteln, 1918 wird er erstmals als Verbrechen angesehen. Es wird erstmals die Frage nach der moralischen Verantwortung gestellt. Leider ebnet aber gerade dies den Weg für die kommende rechte Propaganda und ein weitaus größeres noch systematischeres Schlachten. Den zweiten Weltkrieg.

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