Somewhere over the rainbow

Geschrieben von Sibylle Ulbrich (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 30. Juni 2014 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2014/06/somewhere-over-the-rainbow/>
Abgerufen am 9. Dezember 2019 um 11:33 Uhr

The colors of the rainbow so pretty in the sky
Are also on the faces of people passing by
I see friends shaking hands
Saying, “How do you do?”
They’re really saying, I… I love you
[…] And I think to myself
What a wonderful world

Regenbogenromantik und der Traum von einer wunderbaren Welt der Liebe. Ein ewig währender Traum? Erst 2010 erfuhr der Song von Armstrong seine Renaissance in einem genialen Medley* mit „Somewhere over the rainbow“, der Hymne der Schwulenbewegung. Der Regenbogen steht als weltweites Symbol für Toleranz, Vielfältigkeit, Hoffnung und Sehnsucht. Kein Wunder, dass seit Jahren die LGBT-Organisationen (Lesbian, Gay, Bisexual und Trans) die Regenbogenfahnen schwingen. Weltweit kämpfen sie für Toleranz und Menschenrechte. Zigtausende gehen auf die Straßen, zeigen sich oft schrill, bunt und unerschrocken. In vielen Ländern der Welt braucht es tatsächlich viel Mut um für seine Sexualität einzustehen: in Uganda (http://www NULL.spiegel NULL.de/spiegel/print/d-126511982 NULL.html) droht Schwulen und Lesben nach dem Outing das Gefängnis, oder der gar der Tod.  Putin kokettiert mit seiner Homophobie  und stößt ganze Nationen (http://www NULL.zeit NULL.de/sport/2014-02/sotschi-olympia-ban-homophobie) vor den Kopf. Selbst unser beliebtes Urlaubsland Kroatien (http://www NULL.bpb NULL.de/apuz/158174/homophobie-im-zeitgenoessischen-kroatien?p=all) sieht sich im Streit um den Sexualkunde-Unterricht gespalten.

Wer homosexuell ist kann froh sein in Deutschland zu leben. Wir sind schließlich tolerant. Schwule und Lesben dürfen seit 2001 eine Lebenspartnerschaft eingehen, wir haben einen schwulen EX-Fußballnationalspieler und unseren österreichischen Nachbarn verdanken wir einen Eurovision Contest mit Frauenkleidern und Vollbart. Warum gehen Schwule und Lesben eigentlich bei uns noch auf die Straße? Angesichts der anstehenden großen Paraden zum Christopher Street Day (CSD) hat eine große Tageszeitung die folgenden fünf Gründe proklamiert:

HOMOPHOBIE: Der Hass auf Homosexuelle ist nicht verschwunden. Allein in Berlin wurden im Jahr 2013 etwa 260 Fälle mit homophobem Hintergrund registriert.

GLEICHBERECHTIGUNG: Eingetragene Lebenspartnerschaften sind noch immer nicht mit der Ehe gleichgestellt und das Adoptionsrecht gilt nicht für gleichgeschlechtliche Paare. Sind Lesben und Schwule bei katholischen Einrichtungen etwa als Lehrerin oder Krankenpfleger beschäftigt, müssen sie bei einem Outing die Kündigung fürchten.

GEFÄHRLICHE und HOMOPHOBE LÄNDER: Der ugandische Präsident Y. Museveni hat im Februar ein Gesetz mit teils drakonischen Haftstrafen für Schwule und Lesben verabschiedet. In Russland verbietet ein Gesetz, in Gegenwart von Minderjährigen über gleichgeschlechtliche Partnerschaften gut zu reden. Ausländern drohen Einreiseverbote.

GESELLSCHAFTLICHES KLIMA: «Schwul» im Sinne von «doof» ist auf deutschen Schulhöfen immer noch ein Schimpfwort. In manchen Familien trauen sich die erwachsenen Kinder nicht, zu sagen, dass der Begleiter nicht «ein» Freund ist, sondern «der» Freund

VIELFALT ZEIGEN: Eine politisch korrekte Vokabel lautet aktuell: LGBTI (Lesbian, gay, bisexual, transgender, intersex). Das darf man ein bisschen anstrengend finden. Man kann es aber auch so verstehen: Die Welt ist bunt. (Rhein-Neckar-Zeitung, Montag, 30. 06.2014)

Geht es in Deutschland wirklich nur (noch) darum sich zu zeigen und für Werte einzutreten, die wir gegen andere Länder verteidigen müssen? Die Bundeszentrale für Politische Bildung schreibt zum Begriff homosexuell: „in den 1950er Jahren eng mit medizinischen, psychologischen und kriminologischen Diskursen über Devianz und Perversion verknüpft, gilt es heutzutage als weitgehend neutrale Beschreibung für die Liebe zu Menschen des gleichen Geschlechts.“ Doch wie weit geht dieses „weitgehend“? Wenn ein renommierter Theologe Homosexualität mit Polygamie, Polyandrie oder Sodomie gleichsetzt und ein ganzer Saal von Politikern das für gegeben hinnimmt, dann kann es mit der Toleranz nicht weit her sein. So geschehen im münchner Süden. (http://www NULL.sueddeutsche NULL.de/muenchen/gastredner-bei-csu-geretsried-pater-klagt-ueber-inflation-von-menschenrechten-1 NULL.1908050)

In Punkto Toleranz hätte die Bundesregierung eine wichtige Vorreiterrolle einnehmen können. Die längst überfällige und doch gescheiterte Rehabilitation, der wegen Homosexualität verurteilten „Straftäter“ ist hier als trauriges Beispiel zu nennen. Im März diesen Jahres hat sich die Abschaffung des § 175 (http://www NULL.bpb NULL.de/politik/hintergrund-aktuell/180263/20-jahre-homosexualitaet-straffrei) im Strafgesetzbuch zum 20ten mal gejährt. Kaum zu glauben, dass bis in die 90er Jahre noch hunderte Männer wegen ihrer sexuellen Orientierung verurteilt wurden. Teilweise sind sie deshalb bis heute vorbestraft. Ein Vorstoß von Grünen und SPD zur Rehabilitation und Wiedergutmachung ist bis heute gescheitert. Dabei geht es nicht nur um ein paar Randerscheinungen. „Bis zur endgültigen Streichung des § 175 aus dem Strafgesetzbuch im Jahr 1994 wurden fast 65.000 Männer verurteilt – nur weil sie schwul waren. Dazu kommt eine Dunkelziffer von Menschen, die angeklagt, verdächtigt, verfolgt, deren gesellschaftliche Reputation zerstört wurde und die sich deswegen zum Teil umgebracht haben. […] Eine Entschuldigung wie im Jahr 2000 reicht hier nicht aus. Vielmehr bedarf es einer Rehabilitation, sofern eine Straflosigkeit nach heutigen Maßstäben sichergestellt ist. Der Bundesrat hat hier schon eine klare Position bezogen – der Bundestag muss nun schnell und parteiübergreifend nachziehen.“ (Arbeitsgemeinschaft der Lesben und Schwulen in der SPD).

Derweil heißt es auf die Straße gehen und für die Sache kämpfen. Schrill, bunt und unerschrocken. Gehen Sie doch einfach mit! Nicht nur in den Großstädten gibt es prachtvolle Paraden, auch im Ländlichen zeigt man sich offen. „20 Jahre SchuTz e.V. Schwule und Lesben in Tölz und im Oberland“ heißt die Jubiläumsveranstaltung der oberbayrischen Organisation für die Belange von Homosexuellen. Anfang August gibt es erstmals eine Gay-Pride (Street-Day-Parade) von der Tölzer Marktstrasse zur “alten Schießstätte”  Und auch bei einer Rainbownight wird gefeiert … somewhere over the rainbow. Viel Erfolg auf dem Weg zu mehr Toleranz, Achtung und Selbstbewusstsein!

Veranstaltungshinweis: 20 Jahre SchuTz e.V. (http://www NULL.politische-bildung-schwaben NULL.net/wp-content/uploads/2014/06/HandzettelR NULL.jpg)

Veranstaltungshinweis: 20 Jahre SchuTz e.V.

*”Somewhere over the rainbow” von Israel Kamakawiwoʻole, 1993

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