Das Bermudadreieck unserer Gesellschaft

Geschrieben von Julia Cammann (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 31. Juli 2014 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2014/07/das-bermudadreieck-unserer-gesellschaft/>
Abgerufen am 24. Januar 2019 um 10:57 Uhr

Dieses Jahr feiert die Tafelbewegung ihren 21. Geburtstag. Personifiziert man dies, so ist sie nun wirklich voll straffähig und ihr wird vom Staat die volle Mündigkeit zugesprochen.

Bei einem jungen Erwachsenen ist dieser Anlass sicherlich ein Grund zur Freude. Doch trifft dies auch auf die Tafelbewegung zu? Freilich entspringt die Bewegung einem guten Gedanken: Um der Verschwendung Einhalt zu gebieten ist es nur sinnvoll, die noch guten, übriggebliebenen Tonnen an Lebensmitteln an jene zu verteilen, welchen es genau an diesem essentiellen Gut mangelt. Anfangs nur für Obdachlose konzipiert, gehören zu den „Kunden“ der Tafeln heutzutage hauptsächlich Sozialhilfeempfänger, Alleinerziehende, Rentner und Kinder. Sie wundern sich, dass das Wort „Kunde“ in Anführungsstrichen gesetzt wurde? Nun, zur kurzen Erläuterung lässt sich nur sagen, dass sich das Wort „Kunde“ über die Möglichkeiten einer Person definiert, sich im Supermarkt die gewünschten Waren auszusuchen und dann aus eigenen finanziellen Mitteln zu erwerben. Sich an einer Tafelausgabestelle anzustellen, einen Euro zu zahlen, die Tasche aufzuhalten und dabei zuzusehen wie Waren hineingelegt werden, erscheint doch sehr weit entfernt von der eigentlichen Wortbedeutung zu sein. Deshalb wird hier im weiteren Verlauf auf die Bezeichnung „Kunde“ verzichtet.

Nicht nur darin kann das Verhalten der Tafelbewegung als durchaus ambivalent bezeichnet werden. Das Jubiläum im letzten Jahr wurde groß zelebriert, Vorträge wurden gehalten, Ehrenamtliche geehrt und überhaupt wurde sich zu diesem enormen Erfolg gegenseitig freudig beglückwünscht. Erfolg bedeutet in diesem Fall die Expansion der Tafelausgabestellen. Mittlerweile existieren bereits um die 900 in ganz Deutschland. Trotz der Glückwünsche und Belobigungen wird immer wieder betont, dass sich die Tafel eigentlich selbst überflüssig machen will.

Bei genauerer Betrachtung könnte sich unter die feierliche Stimmung ein gewisses Unbehagen mischen. Gut einerseits, dass Bedürftige unterstützt werden. Schlecht andererseits, dass es in diesem Sozialstaat überhaupt erst soweit kommen konnte. Steht nicht sogar schon im Grundgesetz an erster Stelle, die Würde des Menschen sei unantastbar und dass es die Verpflichtung aller staatlichen Gewalt sei, diese zu schützen? Des Weiteren ist im Sozialgesetzbuch festgeschrieben, den Menschen durch die sozialstaatlichen Transfers ein Leben zu ermöglichen, welches der Würde des Menschen entspricht. Soweit so gut. Bezeichnet man es als würdevoll, auf offener Straße an einer Ausgabestelle bei Wind und Wetter anzustehen und darauf zu warten, dass einem die Tüten vollgemacht werden, hat der Staat seine Versprechungen erfüllt.

Demonstranten des "Arbeitskreis Arbeitslose Linden" (http://www NULL.politische-bildung-schwaben NULL.net/2014/07/das-bermudadreieck-unserer-gesellschaft/800px-transparente_mit_eigenen_fragen_und_forderungen_vom_arbeitskreis_arbeitslose_linden_hier_bei_der_solidaritaetstafel_2012_in_der_georgstrasse/)

Demonstranten des “Arbeitskreis Arbeitslose Linden”

Aus der Sicht der Tafelnutzer sieht die Sache dann wohl doch anders aus. Der subjektiven Wahrnehmung der Tafelgänger muss allein aus dem Grund Beachtung geschenkt werden, da Würde nur durch die subjektive Empfindung definiert werden kann. Es gibt zwar Eckpfeiler, an welchen Würde oder Entwürdigung festgemacht werden kann, letztendlich aber ist nur die persönliche Wahrnehmung der Betroffenen ausschlaggebend, um die Tafeln hinsichtlich der Wahrung der Menschenwürde beurteilen zu können. Natürlich gibt es vorbildliche Tafelausgabestellen, in welchen den Menschen das Anstehen auf der Straße erspart wird und welche mit Kaffee und Kuchen versorgt in einem Raum warten dürfen, bis sie dran sind. Dennoch können all diese Bemühungen nichts an dem persönlichen Schamempfinden ändern, von welchem viele Tafelnutzer betroffen sind. Schließlich ist es ein tiefer Fall, angefangen beim Verlust des Jobs, über den Gang zum Sozialamt bis hin zum Aufbrauchen aller Ersparnisse, bis man an der Tafel landet. Dann wirklich sehen sich die meisten am untersten Rand der Gesellschaft angekommen.
Dass nur ca. 10 Prozent aller, welche die Möglichkeit hätten, den Gang zur Tafel wagen zeigt schon, dass damit die Überwindung einer großen Hürde verbunden ist. Zu beachten ist außerdem, dass man zwar die eigene Bedürftigkeit für einen Berechtigungsschein belegen muss, jedoch kein Mensch einen gesetzlich geregelten Anspruch auf die Nutzung der Tafel hat. Der Bundesverband Deutsche Tafel e.V. ist keine staatliche Institution, sondern ein eingetragener Verein. Dieser unterliegt nicht der Pflicht, jedem Bedürftigen Zugang zu gewähren und Waren zuteilwerden zu lassen. Dies impliziert, dass die Waren freiwillig verteilte Almosen sind, für welche ein Bedürftiger automatisch die Position eines Bittstellers einnimmt, der zu Dank verpflichtet ist. Es sollte wohl weitläufig die Meinung vorherrschen, dass in der Definition eines menschenwürdigen Lebens das Betteln nicht mit inbegriffen ist.

Nur das ehrenamtliche Engagement Zehntausender macht den großen logistischen Aufwand, welchen das Sammeln und Umverteilen von diesen Warenmengen erfordert, überhaupt erst möglich. Doch was passiert, wenn von einem Tag auf den anderen alle Tafeln schließen würden? Keiner könnte sie davon abhalten. Was macht denn dann der Sozialstaat mit all seinen Bedürftigen? Einerseits hat er nicht genug monetäre Mittel zur Verfügung gestellt, um die Nutzung der Tafel überflüssig zu machen, während er sich andererseits auf der Arbeit der Tafel ausruht und volles Vertrauen in das zivile Verantwortungsgefühl den armen Mitmenschen gegenüber setzt. Für einen Sozialstaat allerdings, welcher sich in seinem eigenen Sozialgesetzbuch dazu verpflichtet hat, den Menschen nicht nur genug zum Überleben, sondern auch ein Mindestmaß an soziokultureller Teilhabe zu ermöglichen, stellt dieser Zustand doch ein ziemlich wackliges Fundament dar.

Alles in allem ein Bild, welches das Potential hat, einige soziologische Fragen aufzuwerfen. Dabei darf jedoch eine Gruppe nicht vergessen werden, welche das Bermudadreieck aus Sozialstaat und Tafel vollständig macht. Diese Gruppe sind wir, die Verbraucher. Die ziellose Umverteilung von Waren, ohne etwas an den Wurzeln der Armut zu bekämpfen, übernehmen die Tafeln. Die Menschen mit so wenig abzuspeisen, dass sie „betteln“ gehen müssen, übernimmt der Staat. Doch all das wäre unmöglich, wenn nicht wir Verbraucher, die Wegwerfgesellschaft aus den „echten“ Kunden, den Anspruch hätten, jederzeit alle Waren in rauen Mengen zur Verfügung zu haben. Nachfrage erzeugt schließlich erst das Angebot. Nur ein Angebot, welches dieser Nachfrage gerecht wird, kann so hohe Überschüsse erzeugen, welche dann die Regale der Tafeln füllen. Für das schlechte Gewissen, welches von so viel essbarem “Müll” eventuell erzeugt werden könnte, sind ja zum Glück die Tafeln da, um es aufzufangen. Ganz nach dem Motto:”Ist ja nicht so schlimm, kommt ja an die Tafel”. Somit hat der Gedanke der Nachhaltigkeit eine ganz neue Dimension erreicht. Das neue nachhaltig bedeutet nicht, vorausschauend zu handeln, sondern Abfälle zu einem guten Zweck zu erzeugen.

Ein Bermudadreieck also, in dem die Würde verschwindet und der Gedanke der Nachhaltigkeit verkommt. Ein Teufelskreis, aus dem es kein Entkommen gibt, wenn nicht an jeder einzelnen Stelle grundsätzliche Änderungen des Handelns, der Grundsätze und des Bewusstseins von Statten gehen.