Politische Bildung Schwaben: Wir sind 12, wir sind 10 und wir sind 500 ! – eine einmalige Erfolgsgeschichte

Geschrieben von Prof. Dr. Gerhard Kral (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 31. August 2014 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2014/08/politische-bildung-schwaben-wir-sind-12-wir-sind-10-und-wir-sind-500-eine-einmalige-erfolgsgeschichte/>
Abgerufen am 26. März 2019 um 06:12 Uhr

Dieser Rundbrief im August 2014 ist eine Jubiläumsausgabe: das beispielgebende Netzwerk Politische Bildung Schwaben kann auf nun schon 12 Jahre zurückblicken, seit genau 10 Jahren erscheint unser monatlicher Rundbrief und die Website www.politische-bildung-schwaben.net (http://www NULL.politische-bildung-schwaben NULL.net) – und dieser Artikel ist tatsächlich unser Beitrag Nummer 500. Ein Anlass zum Feiern, zum Rückblick und zum Durchstarten in eine hoffentlich weiter so erfolgreiche Zukunft. Der Bezirk Schwaben hat dafür bereits erfreulicherweise eine erste wegweisende Entscheidung getroffen.

Der Blick zurück:

Es begann im Sommer 2002. Der Bezirk Schwaben hatte zuvor im Rahmen des Agenda-21-Prozesses auf das Problem geringer werdender Wahlbeteiligung, der mangelnden Kenntnisse Jugendlicher über die Kommunalpolitik und der Distanz junger Leute zur politischen Arena „Bezirk“ reagiert. Beim Blick auf die Politische Bildung war deutlich geworden: hier lag einiges brach; der größte (Nachhol-)Bedarf bestand vor der politischen Haustür, der Kommunalpolitik. Vom Bezirk Schwaben beauftragt, geeignete Maßnahmen zur Förderung und Verstärkung der politischen Bildung in wissenschaftlicher Begleitung zu initiieren, gewann der Bezirksjugendring Schwaben (BezJR) die Katholische Stiftungsfachhochschule (KSFH) als Kooperationspartner bei diesem Vorhaben. Der Geschäftsführer des BezJR Winfried Dumberger-Babiel und Professor Gerhard Kral, Professor für Politikwissenschaft und Soziologie am Fachbereich Soziale Arbeit Benediktbeuern und Forschungsbeauftragter der KSFH, legten im Sommer 2002 das Fundament und entwickelten die ersten Projektideen. Sozusagen als die „Gründungsväter, Pioniere und Impulsgeber“ des Kooperationsprojektes haben sie bis heute die Leitung und Federführung in Händen. Als weiterer Partner kam sehr schnell Dr. Christian Boeser, Akad. Oberrat am Lehrstuhl für Pädagogik mit Schwerpunkt Erwachsenen- und Weiterbildung an der Universität Augsburg, dazu. Er initiierte, strukturierte und leitet bis heute das „erweiternde Parallelprojekt“ Politische Bildung Bayern (www.politische-bildung-bayern.net (http://www NULL.politische-bildung-bayern NULL.net)). Das neue Modell, ein Verbund einer Jugendarbeits- und –bildungsinstitution mit einer Hochschule und einer Universität zur Stärkung der Politischen Bildung und der politischen Mitwirkung, abgesichert durch ein kommunalpolitisches Organ, war fertig.

Der Auftakt war eine flächendeckende empirische Erhebung über die Situation der Politischen Bildung im Bezirk Schwaben. In zweijähriger intensiver Arbeit werteten v.a. Student/innen etwa 600 Fragebögen aus, teils ergänzt durch aufwändige Telefoninterviews. Die Landeszentrale für politische Bildungsarbeit ermöglichte den schnellen und sicheren Kontakt zu den Schulen, Bildungswerken und zur außerschulischen Jugendbildung. Der daraus entstandene Atlas Politische Bildung in Schwaben ist ein Grundlagenwerk, die Grundlage für die weiteren strategischen Planungen ab 2004.

Unser Ziel war von Anfang an: immer in Zusammenarbeit mit Multiplikatoren im Bereich der Politischen Bildung und der Kommunalpolitik – z.B. Schulen, Volkshochschulen, kommunalen Organen, Jugendbeauftragten, Kommunalverwaltungen – dieses Politikfeld interessant und erlebbar zu machen. Unser Ansatz war und ist Lebensnähe. Politik wird erlebt, nicht gelehrt. Politische Bildung und Politik werden zur Lebenserfahrung, eine entscheidende Grundlage für aktives Engagement, Beteiligung, Mitwirkung.

Charakteristisches Merkmal der Projektkonstruktion ist die kontinuierliche studentische Mitarbeit, bei der Erstellung von Beiträgen für den monatlichen Rundbrief sowie in der Vorbereitung und Durchführung von Sonderveranstaltungen. Dabei sammeln sie neben dem Studium wertvolle Erfahrungen im Organisieren und Recherchieren, in der Kontaktaufnahme und Souveränität in der Gesprächsführung, in den Interviewtechniken, in den journalistischen Standards und der Erstellung gelungener Beiträge. Ein vielfach im Leben nutzbarer Kompetenzgewinn – nutzbar natürlich auch schon bei Themenwahl, Aufbau, Vorgehensweise und stilistischem Feinschliff der Bachelor- oder Masterarbeit. Mehrfach waren bisher Teile des Projektes Gegenstand von Abschlussarbeiten an der KSFH, und mehrfach wurden schon in Arbeit befindliche Bachelorarbeiten nach einer journalistischen Fortbildung sprachlich-stilistisch „bereinigt“. Seit 2009 gehört neben einer jährlichen Klausurtagung eine journalistische Fortbildung für die Teammitglieder zum festen Jahresprogramm. Die dabei gewonnenen Kenntnisse und das dafür ausgestellte Zertifikat erfreuen sich einer genauso hohen Wertschätzung wie das Gutachten über die kompetente Mitwirkung in den vielfältigen Arbeitsbereichen des Projektes. Bei Ausscheiden aus dem Team hat damit die Studentin/der Student ein gewichtiges Zeugnis für gesellschaftliches, freiwilliges Engagement neben dem Studium und praxisrelevante Fertigkeiten in Händen. Erfahrungsgemäß erfährt es bei Bewerbungen die adäquate, verdiente Anerkennung. In den zurückliegenden zwölf Jahren gehörten dem Projektteam 32 Student/innen allein der KSFH, Abteilung Benediktbeuern, (nicht zu vergessen die vielen Student/innen der Universität Augsburg) an – 14 Diplom- und, nach der Studienreform, 18 Bachelor- und Masterstudent/innen. Aktuell sind sechs Student/innen im Team aktiv.

Markenzeichen – und mittlerweile Vorbild für andere Bezirke, Institutionen und Anbieter der Politischen Bildung – sind neben der engen Verzahnung von Bildung, Forschung, wissenschaftlicher Vertiefung und Praxis v.a. immer wieder neue kreative Projektideen, innovative Wege zum Erleben des politischen Handelns und der politischen Handlungsmöglichkeiten. Wir greifen Themen auf, die als schwierig, wenn nicht gar als undurchführbar angesehen werden. Sogar mit Coaching mussten wir mehrmals bestehende Ängste und Vorbehalte von Mitarbeiter/innen in Verwaltungen und Mandatsträger/innen überwinden. Sie hatten einfach keine Erfahrung im Umgang, im Gespräch mit Jugendlichen. In mühevoller Kleinarbeit entstand so ein lebendiges, tragfähiges Netzwerk. Für die Praxis vor Ort haben wir ganz neue Formate entwickelt und unerkannte Zugangswege eröffnet wie

  • Kommunalpolitik erleben
  • Bezirk Schwaben erleben
  • Nacht der Demokratie
  • Politische Bildung mit jugendlichen Zuwanderern
  • Bezirkspolitik trifft Jugendarbeit
  • Fortbildungsreihe für Jugendbeauftragte in Gemeinden,
  • Energiedetektive
  • Jungbürgerversammlung.

Andere Bezirke übernehmen jetzt schon Teile unserer Formate, Materialien und Methoden. Im Sinne der Demokratie und der politischen Anteilnahme übernehmen wir diese Vorarbeit gerne.

In den vergangenen zwölf Jahren sind immerhin 21 Publikationen entstanden, meistens als partnerschaftlich-gemeinsames Teamwork, teils aber auch als Dokumentation von einzelnen Arbeitsgruppen in Abstimmung mit dem ganzen Team. Neben dem

  • Atlas Politische Bildung in Schwaben (2004) sind das:
  • Dokumentationen von fünf Foren, vom Forum „Baustelle Politische Bildung Schwaben (2003), „Come together – ein Netzwerk entsteht“ (2004) über „Beteiligung – motivieren, befähigen, ermöglichen“ (2005) und „Miteinander Fremdheit überwinden“ (2006) bis zu „Wahlen und mehr“ (2007).
  • Baustein Kommunalpolitik I: „Kommunalpolitik erleben“. Eine Handreichung für Schulen (2005)
  • Baustein Kommunalpolitik II: „Bezirk Schwaben erleben“. Eine Handreichung für Schulen (2007)
  • Handreichung „Du hast die Wahl“ – Methodensammlung für Veranstaltungen zur Kommunalwahl (2008)
  • Dokumentation der Tagung „Bezirkspolitik trifft Jugendarbeit“ – Veranstaltung zur Bezirkstagswahl (2008)
  • Baustein Kommunalpolitik III: „Politische Bildung mit jugendlichen Zuwanderern“. Eine Handreichung für die Jugendarbeit (2009)
  • Dokumentation „7 Jahre Politische Bildung Schwaben“. Ein Expertenworkshop zur Bestandsaufnahme und zur Weiterentwicklung des Projekts (2009)
  • Teilprojekt: Entwicklung und Erprobung einer Fortbildungsreihe für Jugendbeauftragte in Gemeinden, im Landkreis Ostallgäu (2010 – 2012)
  • Teilprojekt: Entwicklung und Erprobung einer Fortbildung für Jugendgruppenleiter/innen „Energiedetektive – Energiecheck für öffentliche Gebäude“ (2011 – 2012)
  • „Leitfaden: Jungbürgerversammlung“. Eine Handreichung für Jugendbeauftragte in Kommunen (2012)
  • Praxis-Handreichung: „Nacht der Demokratie“. Ein neues Konzept des Demokratie-Lernens (2012)
  • Praxis-Handreichung: Argumentationstraining gegen Politik(er)verdrossenheit“ (2012)
  • Praxis-Handreichung: „Politik lernen mit Videospielen“ (2012)
  • Workshop: „Dialoge mit politischen Parteien“. Eine Vorbereitung auf die Bundestags- und Landtagswahl (2013)
  • Workshop: Der Bezirk des (un)bekannte Wesen!?“ Veranstaltung zur Bezirkstagswahl (2013)
  • Dokumentation: „Anpacken und handeln – jugendfreundliche Gemeinden stellen sich vor“. 7. Jugendempfang des Bezirks (2013).

Ergänzend dazu könnten noch mehrere Evaluationsstudien und Diplom-/Bachelorarbeiten über einige Teilprojekte aufgeführt werden, erstellt an der Universität Regensburg und der KSFH in Benediktbeuern. Die bisher entwickelten Bausteine zur Kommunalpolitik werden überregional gut nachgefragt, sie sind erlebnis- und erfahrungsorientiert, praxisbezogen und erprobt. Stark nachgefragt ist auch der Leitfaden zur Jungbürgerversammlung: die 600 Exemplare der ersten Auflage sind längst vergriffen, die zweite Auflage ist nachgedruckt. Zur Vorbereitung auf die Europawahl gestaltete das Projektteam im April 2014 eine „Europa-Rallye“ für den BezJR-Ausschuss. Im Mai 2014 war das Projekt u.a. zum wiederholten Mal mit einem eigenen Stand und einem Wahl-O-Mat zur Europawahl auf dem Lernfest in Benediktbeuern präsent.

Lag die redaktionelle Federführung für die monatlichen Rundbriefbeiträge in den ersten Jahren in Händen des Teams der Universität Augsburg, ist seit 2008 das studentische Team der KSFH in Benediktbeuern allein verantwortlich. Das Augsburger Team konzentriert sich seitdem auf bayernweite Informationen, das erweiterte Projekt Politische Bildung Bayern (www.politische-bildung-bayern.net (http://www NULL.politische-bildung-bayern NULL.net)). Empfänger des Rundbriefs sind etwa 600 Personen im Netzwerk. Alle Berichte seit 2004 sind auf der Homepage nachzulesen – wer sich die Mühe machen will: es sind bis hier 500. Wie ein roter Faden zieht sich bis heute durch, dass zu allen Wahlen (Gemeinde, Städte, Kreise, Bezirke, Land, Bund, Europa) Informationen, Berichte, Interviews mit Kandidat/innen und Mandatsträger/innen sowie Sonderveranstaltungen aufbereitet sind. Durchgängig finden sich auch über die Jahre Berichte über unsere Projekte, Vorhaben, Arbeitshilfen, Praxisberichte von Mitgliedern aus dem Netzwerk sowie neue Methoden und innovative Formate. Weitere Artikel erklären Stichworte der Politischen Bildung – Bürgergesellschaft, Partizipation, Netzwerke u.ä. – oder erinnern an wichtige Jahrestage/historische Ereignisse – Bücherverbrennung, 60 Jahre Grundgesetz, Erster Weltkrieg. Thematisiert sind auch Internationale Konflikte, Europa/Europäische Union, Frieden, Ökologie. Ab 2008 liegt der Fokus verstärkt auf der Kommunalpolitik, der Jugendpolitik und Best-Practice-Beispielen in Schwaben, Gesprächen mit schwäbischen Mandatsträger/innen, Interviews mit Parteivertreter/innen, Berichten über die Arbeit des Bezirks, der offenen Jugendarbeit oder der Jugendbeauftragten. Seit 2009 orientiert sich die Rundbriefarbeit bewusst an journalistischen Standards und Qualitätsmaßstäben – es gibt jährlich eine professionelle journalistische Fortbildung. 2010 wurde die Teamarbeit neu strukturiert, es wurden klare Handlungsleitlinien für die Rollen im Team festgelegt.

Die Veröffentlichungen und die Beiträge belegen eindeutig, dass die Politische Bildung Schwaben in die verschiedensten Bereiche der Kommunalpolitik, der Schule, der Erwachsenenbildung und der Hochschule hineinreicht – Teile des Projekts sind z.B. ein fester Baustein in einer jährlichen Vorlesung im Fachbereich Soziale Arbeit in Benediktbeuern „Partizipation und politisches Handeln auf kommunaler Ebene“. Die Politische Bildung ist ein im Kern regionales Netzwerk für eine große Anzahl von Akteuren in der politischen und pädagogischen Praxis, das aber auch immer wieder weit über die Region ausstrahlt. Anfragen aus den anderen bayerischen Bezirken, aber auch aus anderen Bundesländern belegen dies.

Der optimistische Blick in die Zukunft:

Noch sprechen wir gewohnheitsgemäß vom Projekt Politische Bildung Schwaben. Nach zwölf Jahren sollten und müssten wir uns korrekterweise vom Projekt-Begriff endgültig verabschieden. Das Ende des Projektstadiums ist längst erreicht, die Politische Bildung ist zweifelsfrei zu einer festen Daueraufgabe des Bezirks und des BezJR geworden, dank nicht zuletzt der klaren Positionierung des Bezirkstags und des Bezirkstagspräsidenten. Dazu beigetragen haben natürlich auch der unermüdliche Eifer, die Beharrlichkeit und der unerschöpfliche Ideenreichtum von Winfried Dumberger-Babiel. Und, wie ich denke, das über die Jahre geschärfte und sich mehr und mehr bestätigende Profil unseres Netzwerkes, neue Wege zu gehen, unbekannte, „unerhörte“ Formate einfach praktisch zu riskieren und durch den Nachweis, es geht doch, immer wieder selbst kritischste Stimmen (das passt nicht in den Lehrplan, das ist zeitlich nicht zu machen, diese Methode kann nicht funktionieren u.a.m.) zu widerlegen. Das Risiko trotz aller Bedenken einzugehen und dann die Praxistauglichkeit eindeutig nachweisen zu können, ist sicher ein zentrales Moment des Erfolgs in den zwölf Jahren. Das Netzwerk ist stabiler denn je, der Rundbrief steht sicher auf einer zehnjährigen Bewährungszeit und der Vorrat an neuen Ideen, Methoden und Praktiken wird so schnell nicht erschöpft sein. Also machen wir so weiter auf dem eingeschlagenen Kurs, auch wenn mit anstehenden personellen Wechseln – zum einen in der Leitung, zum anderen im studentischen Team im Jahr 2015 – gewisse Unsicherheiten verbunden sind. Bisher jedoch waren jederzeit genug neue Student/innen zur Mitarbeit zu gewinnen, wenn verabschiedete Student/innen zu ersetzen waren. Und höchst erfreulich: die Politische Bildung beim BezJR Schwaben wird personelle Verstärkung bekommen. Darauf hat sich gerade der Bezirksausschuss bei seiner jüngsten Sitzung verständigt und eine zusätzliche (halbe) Stelle für die Jahre 2015/2016 genehmigt. „Damit geben wir ein wichtiges Signal an die Wähler von morgen. Nur mit einer solchen Bildungsarbeit ist es möglich, Jugendliche stärker in politische Prozesse einzubinden und einem Rückgang an politischer Teilhabe zu begegnen“, so die Erklärung des Bezirkstagspräsidenten Jürgen Reichert. Die Stelle soll in Kürze ausgeschrieben werden. Mit dieser anspornenden Aussicht können wir die nächsten Monate, die nächsten Jahre und die nächsten Rundbriefe mit voller Kraft und bester Zuversicht angehen. Das „Projekt“ (weil ja zeitlich begrenzt) ist Vergangenheit. Als weiterhin beispielgebendes, tief in die Politik Schwabens einwirkendes und auch weit darüber hinaus Aufmerksamkeit erregendes „Pilotmodell“ nehmen wir gerne Kurs auf zu neuen Ufern.