Risiko Soziales Netzwerk

Geschrieben von Daniel Beiter, Medienfachberatung Schwaben (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 31. Oktober 2014 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2014/10/risiko-soziales-netzwerk/>
Abgerufen am 18. November 2019 um 07:59 Uhr

Die digitale Beziehungspflege in „Sozialen Netzwerken“ vor allem via WhatsApp und Facebook ist aus dem Alltag vor allem junger Menschen kaum mehr wegzudenken, das Smartphone ständiger Begleiter und Statussymbol. Immer wieder ist deshalb von der „Generation Facebook“, den „Digital Natives“ (digitalen Eingeborenen) oder im doppelten Sinne mit Blick auf das Smartphone von der „Heads-Down-Generation“ zu lesen.
In der Tat kennen und nutzen sie die vielfältigen Möglichkeiten der Geräte oft intensiv und wie selbstverständlich. Sie spielen, informieren sich über ihre Interessen und Freunde und bleiben ständig in Kontakt. Mit hochgeladenen Profilfotos, Statusnachrichten und Videos probieren und tauschen sie sich aus, immer auch auf der Suche nach Orientierung und somit nach dem eigenen Selbst in Bezug zu den anderen, zur Gesellschaft.
Zu dieser Beziehungspflege bieten die Sozialen Netzwerke eine Vielzahl von Werkzeugen an, die längst nicht mehr nur von Kindern und Jugendlichen genutzt werden. Wer sie nutzt, sollte sie allerdings kritisch hinterfragen – unabhängig vom Alter.

Die Digitale Beziehungspflege und ihre Schattenseiten
Bei Facebook beispielsweise gibt man per Klick auf „Gefällt mir“ („Like“) eine schnelle Rückmeldung zu einem Beitrag. Während sich noch darüber streiten lässt, ob ein „Like“ die gleiche Qualität hat wie ein persönlich formulierter Kommentar, gibt etwa das Einfordern von „Likes“ sowie das Sammeln hunderter Kontakte durch Jugendliche (vgl. JIM-Studie 2013) Grund zur Annahme, dass die Sozialen Netzwerke die Wahrnehmung und Gestaltung sozialer Beziehungen verändern.
Die stets prominente Anzeige der Anzahlen der Kontakte, Nachrichten, „Likes” und mehr verleiten dazu, soziale Beziehungen zählbar wahrzunehmen, womit die Qualität der Beziehungen gegenüber der Quantität leicht an Bedeutung verlieren kann. Geht es tatsächlich nur noch darum, Kontakte, „Likes“ und Kommentare anzuhäufen, stellt sich auch die Frage, ob die Nutzung der Sozialen Netzwerk das Miteinander oder doch eher eine Selbstdarstellung zum Ziel hat.
Dabei suggeriert Facebook mit der Bezeichnung „Freunde“ für die persönlichen Kontakte einen neuen, weit gefassten Freundschaftsbegriff. Freundschaften müssen den Mechanismen und Bezeichnungen auf der Plattform zufolge nicht mehr angebahnt und gepflegt werden, sondern können einfach per Klick angefragt, hinzugefügt und auch wieder entfernt werden. Und da alle Kontakte grundsätzlich als „Freunde“ klassifiziert werden, teilt man persönliche Informationen nicht mehr mit wenigen, ausgewählten Personen, sondern mit Hunderten von Bekannten. Jugendliche scheinen dies mehr und mehr zu begreifen und achten – teils aufgrund negativer Erfahrungen – vermehrt darauf, mit wem sie sich vernetzen und mit wem sie welche Informationen teilen, indem sie die vielzähligen Datenschutzeinstellungen nutzen, ihre Kontakte in Listen organisieren und Informationen gezielt per Nachricht an einzelne Personen oder Gruppen verschicken.
Aber auch diese Nachrichten-Funktion der Sozialen Netzwerke hat ihre negativen Seiten. Die Verfügbarkeit der Dienste rund um die Uhr ist natürlich praktisch, erhöht aber beim Absender auch die Erwartung auf eine baldige Antwort und beim Empfänger den Druck, erreichbar zu sein und zeitnah zu antworten. Wer sich diesem Druck verweigert und auch an Gruppenabsprachen nicht teilnimmt, ist schlichtweg außen vor. Daher darf das Smartphone auch kaum mehr am Esstisch und bei Treffen mit Freunden fehlen, was natürlich die sozialen Kontakte mit den Personen, mit denen man gerade zusammensitzt, belastet. Mit dieser als selbstverständlich angenommenen Erreichbarkeit und der Flut der Informationen müssen nicht nur Jugendliche, sondern unsere ganze Gesellschaft noch umzugehen lernen.
Hierbei greift Facebook den Nutzern bereits ungefragt unter die Arme: In der Übersicht über die Neuigkeiten werden in der Standardeinstellung lediglich Beiträge anzeigt, die für den Nutzer aufgrund seiner bisherigen Interaktionen wahrscheinlich relevant sind. Die Aktivitäten enger Kontakte können mit solchen Filtern freilich leichter im Auge behalten werden. Gleichzeitig allerdings rückt diese automatische Auswahl Aktivitäten von Kontakten, mit denen man nur selten interagiert, noch weiter aus dem Blickfeld. Wer das nicht möchte und lieber alle aktuellen Beiträge angezeigt haben möchte, muss die Ansicht eigenhändig umstellen – wenn man weiß, dass Facebook diese Vorauswahl überhaupt getroffen hat.

„Soziale Netzwerke“ – oder doch besser „Kommerzielle Netzwerke“?
Um eine solche individuell maßgeschneiderte Ansicht zu ermöglichen, sammeln die Betreiber von Facebook, YouTube & Co. Daten über ihre Nutzer und werten sie aus. Das ist allerdings nicht der einzige Grund: Sie finanzieren ihre Plattformen vor allem dadurch, dass sie Unternehmen, politischen Parteien und anderen Interessenten ermöglichen, bei ihrer jeweiligen Zielgruppe gezielt Werbeanzeigen zu schalten. Dazu benötigen die Betreiber ein möglichst vollständiges Bild über die Nutzer. Um dieses zu erhalten, bietet beispielweise Facebook unzählige Funktionen, um Meinungen und Vorlieben auszudrücken, und lädt auch durch Fragen wie „Was machst du gerade?“ ein, immer mehr persönliche Daten preiszugeben. Darüber hinaus zeichnen Facebook und Google Interaktionen auf anderen Seiten auf; Facebook bietet die Möglichkeit, sich mit dem Facebook-Konto bei Skype und anderen Diensten anzumelden. Wenn man nun die Verflechtung der einzelnen Dienste bedenkt – Facebook hat kürzlich WhatsApp aufgekauft, YouTube gehört zu Google, Skype zu Microsoft und so weiter – stellt man fest, dass ein großer Teil unserer täglichen Internetaktivitäten im Endeffekt über wenige amerikanischen Großkonzerne läuft. Dass diese mit ihren Angeboten und der Erstellung von Nutzerprofilen weniger soziale als wirtschaftliche Interessen verfolgen, dürfte niemanden überraschen.
Aber auch über die von Großkonzernen angebotenen Plattformen und die zielgruppenspezifischen Werbeanzeigen hinaus ist der Kommerz in den Sozialen Netzwerken allgegenwärtig. Als Möglichkeit des direkten Kontakts zu den Kunden sind die Sozialen Netzwerk seit Jahren fester Bestandteil von Marketingstrategien. Über Fanseiten bekennen sich Nutzer zu Ihren Lieblingsprodukten und Marken und erhalten im Gegenzug aktuelle Informationen, Gewinnspiele und unterhaltsame Fotos und Videos, die dann freiwillig geteilt und weiterverbreitet werden. Besonders ausgefallene und witzige Ideen und damit die Markenbotschaften verbreiten sich wie Viren; „virales Marketing“ hat sich hier sogar zum offiziellen Begriff entwickelt. Product Placement ist nicht mehr und im Fernsehen und Kinofilmen zu finden, sondern bei „Unboxings“, „Let’s Plays“ und anderen beliebten YouTube-Formaten. So erreichen Unternehmen mit den Sozialen Netzwerken direkt ihre Zielgruppen und können ihnen spezifisch Produkte anbieten, die ihnen ihrem Wunsch, sich in der Vielfalt der Möglichkeiten als Individuum zu definieren, einen Schritt näher bringen sollen. Dass das Produktangebot lediglich eine Konsequenz vorheriger Interaktionen war, ist schwer zu durchschauen und ein Grund mehr, sparsam mit persönlichen Daten umzugehen.

Legal, illegal, …egal
Doch gerade die jüngeren Nutzer haben solche Konsequenzen beim Entdecken der Möglichkeiten des Internets wenig im Blick. Ob Bilder von Partys oder ein im Netz gefundenes Foto des eigenen Idols: In den Sozialen Netzwerken wird hochgeladen und geteilt, was man für interessant hält; Rechte anderer Personen wie Urheber- und Persönlichkeitsrechte sind nicht bekannt oder werden einfach nicht beachtet – warum denn auch, die anderen machen es ja auch nicht.
Vielen wird die Problematik erst bewusst, wenn es schon zu spät ist, beispielsweise wenn man entdeckt, dass ein unvorteilhaftes oder verunstaltetes Foto eines Freundes an die ganze Schulklasse verschickt oder für alle sichtbar bei Facebook hochgeladen wurde. Auch wenn dies manchmal nur als Spaß gedacht ist, kann sich in den Sozialen Netzwerken eine nie dagewesene Eigendynamik entwickeln. Fotos und Videos werden in Windeseile weiterverbreitet, eigene Versionen erstellt und Handy-Videos von folgenden Hetz-Aktionen hochgeladen, erleichtert durch anonyme Benutzerkonten. So beweisen Jugendliche auch beim Cyber-Mobbing technisches Geschick und Kreativität, das Mobben entwickelt sich zu einem regelrechten Sport. Mit schwerwiegenden Folgen: Das Opfer wird mehr und mehr isoliert, bis es nicht mehr weiter weiß, Depressionen und Selbstmordgedanken sind nicht mehr weit. Auch wenn es unglaublich klingt, hat jeder Dritte Jugendliche solches Cyber-Mobbing bereits im Freundeskreis miterlebt.

Risiken kennen – Medien selbstbestimmt nutzen
Damit es gar nicht erst so weit kommt, sollte man Kinder und Jugendliche nicht nur mit den Risiken von Cyber-Mobbing und anderen Fallstricken der Sozialen Netzwerke vertraut machen, sondern sie bei ihrer Mediennutzung von Anfang an begleiten und ihnen frühzeitig den Sinn von Datenschutz, Persönlichkeits- und Urheberrechten vermitteln.

Dies gelingt beispielsweise, indem sie eine Fotostory, einen Film oder ein anderes Medienprodukt erstellen. Bei der Entwicklung und Umsetzung setzen sie sich mit einem für sie wichtigen Thema – beispielsweise Liebe, Freundschaft oder auch Cyber-Mobbing – intensiv auseinander. Dabei begreifen sie Medien als etwas, das sie selbst gestalten können, um ihre eigenen Ansichten und Botschaften zu übermitteln, aber auch als etwas, das stets von Menschen erstellt wurde und ein Manipulationspotenzial mit sich bringt, das es zu hinterfragen gilt. Und sie lernen direkt am Beispiel ihrer eigenen Werke die Rechte kennen, die sie und ihre Werke schützen.

Diese aktive Medienarbeit hilft Kindern und Jugendlichen folglich, sich zu kritischen, selbstbewussten und selbstbestimmten Mediennutzern zu entwickeln, die die Funktionen Sozialer Netzwerke und anderer Medien beherrschen, statt sich von ihnen beherrschen zu lassen.

Informationen zur und Unterstützung bei der außerschulischen aktiven Medienarbeit sowie Beratung bei Fragen rund ums Thema Medien gibt es bei der Medienfachberatung Schwaben (Bezirk Schwaben / Bezirksjugendring Schwaben): www.medienfachberatung-schwaben.de (http://schwaben NULL.medienfachberatung NULL.de/)