Verpflichtet zum Helfen

Geschrieben von Franziska Leipold (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 31. Oktober 2014 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2014/10/verpflichtet-zum-helfen/>
Abgerufen am 27. Mai 2019 um 00:22 Uhr

Sie sind hier. Sie sind unter uns. Sie sind viele.
Und: Sie brauchen dringend unsere Hilfe.

Die Flüchtlinge, die gerade nach Europa strömen, um vor Krieg und Gewalt in ihren Heimatländern zu fliehen, wohnen direkt vor unserer Tür. Einige Mitbürger nehmen sie gar nicht wahr. Andere engagieren sich so sehr, dass sie neben einer 40h-Woche noch den Kindern bei den Hausaufgaben helfen, mit ihnen wandern gehen oder ihnen Hilfestellungen geben, gerade da, wo sie benötigt wird.

Eine von diesen Helferinnen ist Simone Stingl, von Beruf IT-Systemelektronikerin, in Kochel am See. Beim Integrationsfest am 19.10.2014 im katholischen Pfarrheim in Kochel interviewte ich sie kurz zu dieser Aufgabe.

F.L.: Was hat Sie dazu bewegt, sich für die Asylbewerber zu engagieren?
S.S.:  Neben der christlichen Nächstenliebe kommt mein eigenes Interesse für andere Kulturen hinzu. Außerdem leben die Asylbewerber in Kochel  in direkter Nachbarschaft zu meiner eigenen Wohnung. Hier lag es also nahe, dass ich mich eines Tages mit meiner Mutter auf den Weg  machte, um kurzerhand an der Tür zu klingeln, um „Hallo“ zu sagen, mich vorzustellen und meine Hilfe anzubieten.

Wie sieht Ihre Unterstützung für die Asylbewerber konkret aus?
Einmal pro Woche etwa gebe ich Deutschunterricht. Sonst mache ich die organisatorischen Dinge, die anfallen. Hier gehören dazu z.B. Schulmaterial zu besorgen, sie zu Arztterminen zu fahren oder auch Hilfestellung für die Hausaufgaben zu geben.

Wie verständigen Sie sich mit den Asylbewerbern?
Wenige können Englisch. Allerdings ist es mir wichtig, mit ihnen Deutsch zu sprechen.Das ist die Sprache, die sie lernen wollen, um   sich hier verständigen zu können und darin möchte ich sie unterstützen.

Welches war Ihr schönstes Erlebnis mit den Asylbewerbern?
Auf ein Erlebnis kann ich es nicht reduzieren. Es ist eher allgemein die Dankbarkeit, die man von ihnen zurück bekommt. Entweder wird sie ganz offen ausgedrückt oder aber man spürt sie bei der alltäglichen Hilfestellung.
Ein Erlebnis fällt mir dennoch ein. Erst vor kurzem war ich im Urlaub  und kam zurück nach Kochel und da stand ein Blumenstrauß vor meiner Tür. Dieser war von den Asylbewerbern, die dadurch mir ihre Freude über meine Rückkehr mitgeteilt haben.

Was würden Sie sich für ihre Arbeit mit den Asylbewerbern wünschen?P1030156-1
Auf der politischen Ebene: Die Bürokratie zu vereinfachen. Auf der  menschlichen Seite: Mehr Helfer. Und eine Idee wäre, Patenschaften für die Asylbewerber ins Leben zu rufen. Jeder, der vor Ort wohnt und noch helfen möchte, könnte für jeden Asylbewerber bzw. für jede Familie eine Patenschaft übernehmen. D.h. sie mit zum Wandern zu nehmen, sie nach Hause einzuladen oder ganz einfach:  Sich einfach mal mit ihnen treffen, um Deutsch zu sprechen und so einen wesentlichen Beitrag für ein besseres Verständnis zu schaffen.

Ich danke Simone Stingl für das Gespräch.

 

Wie wird denn ein Flüchtling eigentlich zum Asylbewerber? Welchen (formellen) Weg müssen sie zurück legen? Was erwartet sie in Deutschland?

Einen Teil dieser Fragen, v.a. die rechtlichen, konnte mir Annika Dollinger, vom Verein Hilfe von Mensch zu Mensch e.V. beantworten.

Wenn ein Flüchtling nach Deutschland kommt, muss er unverzüglich einen Asylantrag stellen. Während dieses Verfahrens haben die AsylbewerberInnen eine Aufenthaltsgestattung. Dieses Verfahren dauert zwischen sechs Monaten und drei Jahren. Nach der Ankunft in Deutschland, kommt der AsylbewerberInnen in ein Erstaufnahmelager für maximal drei Monate. Dies kann allerdings unter Umständen auch sehr viel länger dauern, da die Wohnungen bzw. die Folgeunterkünfte bereits alle belegt sind. Aus dem Erstaufnahmelager kommt ein/eine AsylbewerberIn durch eine bundesweit geregelte Zuweisung (der sogenannte Königsteiner Schlüssel) in einen Landkreis. In diesem Verlauf wird nun der Asylantrag vom Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge (BAMF) geprüft.

Sollte der Asylantrag sich hier bereits als unzulässig erwiesen haben, folgt die Ausweisung und Rückreise in den zuständigen Staat.

Ist der Asylantrag aber zulässig, kommt es zu einer Anhörung durch das BAMF. Hierbei haben die AsylbewerberInnen die einzige Chance, von sich und ihrer Geschichte zu erzählen. Außerdem spielen die Recherchen des BAMF über die Situation im Herkunftsland eine nicht unwesentliche Rolle im weiteren Verlauf des Antrags.
Nach dieser Anhörung gibt es verschiedenste Möglichkeiten, welchen Status ein/ eine AsylbewerberIn bekommt.

Zum einen den Status „Asylberechtigt“ nach Art. 16a des GG für politisch Verfolgte.

Dann gibt es den Status des „Flüchtlingsschutzes“ nach § 3 Abs. 1 AsylVfg, wenn das Leben oder die Freiheit wegen seiner Rasse, Religion, Staatsangehörigkeit etc. bedroht ist.

Weiter gibt es den Subsidiären Schutz nach § 4 Abs. 1 AsylVfg, wenn u.a. Folter, erniedrigende oder unmenschliche Behandlung drohen.

Nun gibt es noch den Status des „nationalen Abschiebungsschutzes“ nach § 60 Abs. 5 oder 7 AufenthG, wenn schwerwiegende Gefahren für Freiheit, Leib oder Leben drohen.

Dies sind die „grünen Zeichen“ für AsylbewerberInnen, nämlich, dass ihrem Antrag auf Asyl stattgegeben wird.

Daneben gibt es allerdings noch die „roten“, d.h. entweder wird der Antrag abgelehnt, der Antrag wird mit „offensichtlich unbegründet“ (wenn unglaubhaft, widersprüchlich, Dokumente gefälscht, zu späte Antragstellung u.v.m.) abgelehnt oder aber die Abschiebung wird ausgesetzt, d.h. die AsylbewerberInnen werden „geduldet“. Dies kann dann der Fall sein, wenn eine Krankheit auf der Seite des/ der AsylbewerberIn vorliegt, ein Pass oder aber eine Reisemöglichkeit fehlt.

Von Januar bis August 2014 wurden insgesamt 115.737 Asylanträge gestellt (Vergleich zum gesamten Jahr 2013: 127.023; Quelle: BAMF). Davon wurden 32,6% abgelehnt und nur 1,5% bekamen die Anerkennung nach Art. 16a des Grundgesetzes. 40,9% davon waren sog. „formelle Entscheidungen“. Formelle Entscheidungen erfolgen ohne nähere inhaltliche Prüfung des Asylvorbringens (z.B. Ablehnung des Antrags auf Durchführung eines weiteren Asylverfahrens oder Einstellung des Verfahrens wegen Antragsrücknahme durch den Asylbewerber).[1]

Auf diesem Weg von der Ankunft bis zum Erhalt einer Anerkennung oder auch Abschiebung gibt es viele Stolpersteine, die die AsylbewerberInnen bewältigen müssen. Hierzu brauchen sie unsere Hilfe. Vor Ort gibt es viele Möglichkeiten, sich einzubringen. Durch materielle wie finanzielle Spenden, durch Hilfe vor Ort, durch Mitdenken, was noch benötigt wird und was auch verbessert werden kann.

 

[1] http://www.bamf.de/DE/Service/Left/Glossary/_function/glossar.html?lv2=1364172&lv3=1504446 (http://www NULL.bamf NULL.de/DE/Service/Left/Glossary/_function/glossar NULL.html?lv2=1364172&lv3=1504446), 22.10.2014