Der Neo-Realismus als klassische Theorie der internationalen Beziehungen

Geschrieben von Thomas Kneuer (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 30. Januar 2015 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2015/01/der-neo-realismus-als-klassische-theorie-der-internationalen-beziehungen/>
Abgerufen am 22. Mai 2019 um 15:57 Uhr

Die Welt erlebt zur Zeit Krisen und Kriege auf allen Kontinenten. Besonders schwer ist die Bedrohung durch die IS-Kämpfer. Aber auch die Brennpunkte in der Ukraine oder im Nahen Osten sind immer noch nicht gelöscht. Dabei stellt sich die Frage, wie sich die Staaten im internationalen Systeme verhalten. Aufgabe und Absicht ist dabei allerdings nicht, Strategien oder Vorgehensweisen für Außenminister oder Staatschefs zu entwickeln, sondern zu versuchen, einheitliche, allgemeine Muster hinter dem Verhalten von Staaten herauszufinden. Mit der Vorstellung des Neorealismus, soll dabei eine Reihe eröffnet werden, in der verschiedene Theorien der internationalen Beziehungen vorgestellt werden.

Der Neorealismus, der von Kenneth Waltz begründet wurde, betont, dass das internationale System aus zwei wichtigen Komponenten besteht: Aus der structure, das sind die Eigenschaften des internationalen Systems, und aus den units, also die Staaten, die sich innerhalb dieses Systems aufhalten.

 

STAATEN

1) Handeln rational, nach bestimmten Kosten-Nutzen-Analysen

2) Primäres Ziel ist die Sicherung der eigenen Existenz

3) Nur Staaten sind fähig und legitimiert, nach außen politisch zu agieren.

Von den Eigenschaften her sind zwar Staaten als identisch anzusehen, sie unterscheiden sich aber freilich aufgrund ihrer militärischen, wirtschaftlichen und technischen Kapazitäten. Je nach Verteilung dieser Kapazitäten können sich drei verschiedene Konstellationen im internationalen System einstellen.

INTERNATIONALES SYSTEM

1) Ein unipolares System mit einem starken Hegemon

2) Ein bipolares System mit zwei relativ gleich starken Staaten

3) Ein multipolares System mit vielen, ähnlich starken Staaten.

Die wichtigste Eigenschaft des internationalen Systems ist die Anarchie, d.h. Das Fehlen einer Weltregierung auf internationaler Ebene. (altgr.: anarchia = Herrschaftslosigkeit). Es existiert demnach keine Regierung über den einzelnen Regierungen.

Der Zustand der Staaten untereinander wird dabei – analog zum hobbesschen Naturzustand der Menschen – als Kriegszustand definiert (Among states, the state of nature is a state of war). Das bedeutet allerdings nicht, dass sich die Staaten permanent überfallen und bekriegen, sondern dass es unter gegeben Konditionen äußerst schwierig sein wird, eine friedliche Koexistenz der Staaten zu erwirken und die eigene Existenz zu gewährleisten. Um zu überleben, müssen und können sich Staaten deshalb nur selber helfen; dazu müssen sie im Vergleich zu anderen Staaten an Macht gewinnen. Streben aber alle Staaten gleichzeitig danach, ihre Macht zu vergrößern, entsteht dasselbe Dilemma wie im hobbesschen Naturzustand. Bei Hobbes herrscht unter den Menschen ja absolute Freiheit – dazu gehört auch die Unabhängigkeit von Ethik und Moral. D.h., jeder Mensch genießt ein sogenanntes Recht auf alles und auf jeden (ius in omnia et omnes): Er darf alles an sich nehmen und jeden anderen angreifen oder töten. Gleichzeitig muss er sich aber bewusst machen, dass alle anderen ebenso verfahren werden. Die absolute individuelle Freiheit führt also im Kollektiv zur absoluten Unfreiheit, da jeder Mensch davon ausgehen muss, jederzeit von einem anderen überfallen oder getötet zu werden. Übertragen auf die internationale Ebene bedeutet das, wenn alle Staaten nach Machtzuwachs streben, enstünde ebenfalls ein Zustand größter Unsicherheit. Folglich werden Staaten versuchen, ihr Überleben durch ein Gleichgewicht der Macht (balance of power) zu sichern.

Dieses Gleichgewicht ist am stärksten gewährleistet, wenn innerhalb des internationalen Systems zwei große und relativ gleichstarke Staaten vorhanden sind, also in einem bipolaren System. Je nach Größe und Ressourcen der Staaten werden sie dabei unterschiedliche Strategien anwenden, um dieses Gleichgewicht bzw. dieses bipolare System zu erreichen. Größere Staaten werden versuchen, sich als einen Pol im internationalen System zu etablieren. Kleinere Staaten können entweder durch Verbindung mit anderen Staaten einen Gegenpol bilden (balancing), oder aber sie versprechen sich von einem größeren Staat Sicherheit und schließen sich diesem an (bandwagoning).Gegenpol (http://www NULL.politische-bildung-schwaben NULL.net/wp-content/uploads/2015/01/Gegenpol1 NULL.jpg)

 

Trotz dieser Bündnisbildung darf man dennoch nicht davon ausgehen, dass sich eine ausgeprägte Form von Zusammenarbeit unter den Staaten herausbilden könnte. Solche Bündnisse sind in den meisten Fällen sehr kurzfristig, da Veränderungen der Machtkonstellation eintreten können, und deshalb auch sehr fragil. Dadurch ist natürlich auch die Möglichkeit von ausgeprägten Kooperationen von Staaten oder gar die Bildung von Allianzen und Institutionen äußerst schwierig. Diese werden nämlich nur dann stattfinden, wenn eine konkrete Bedrohung für das Überleben eines Staates besteht. Ein Beispiel dafür bildet die Allianz im Zweiten Weltkrieg zwischen den USA (neben Frankreich und England) und der UdSSR. Diese zwischenstaatliche Kooperation konnte nur entstehen, weil die Alliierten durch die Achsenmächte, besonders durch Nazi-Deutschland, bedroht waren. Bündnisse wie diese fallen nach der Beseitigung der Bedrohung wieder auseinander. Nach der Niederlage der Achsenmächte 1945 wurden die ehemaligen Verbündeten nun zu Feinden. Dass der Kalte Krieg übrigens nicht zu einem heißen wurde, wird von Vertretern des Neorealismus unter anderem auf die strenge Aufteilung in West und Ost erklärt, da sich im internationalen System eben eine bipolare Konstellation entwickelte. In solchen Zeiten können sich dann auch teilweise Phasen eines friedlichen Miteinanders einstellen. Solche Phasen sind allerdings äußerst temporärer Natur. Eine langfristige Phase des Friedens unter den Staaten würde sich erst ergeben, wenn die Anarchie im internationalen System aufgehoben werden würde. Hier aber besteht das große Dilemma, denn um die Anarchie aufzuheben, müsste eine weltweit agierende Institution gegründet werden, um die Unsicherheit unter den Staaten abzubauen. Da sich die Staaten aber untereinander nicht vertrauen, kann diese Institution nicht umgesetzt und realisiert werden.