Ey, bist du behindert! – Wahre Begebenheiten aus dem Leben eines Rollstuhlfahrers

Geschrieben von Nico Wunderle (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 28. Februar 2015 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2015/02/ey-bist-du-behindert-wahre-begebenheiten-aus-dem-leben-eines-rollstuhlfahrers/>
Abgerufen am 17. August 2018 um 11:30 Uhr

Nico Wunderle

“Sag mal, bist  du eigentlich behindert, oder was?”, höre ich eine Gruppe  Jugendliche sagen, die wahrscheinlich gerade in die Schule kommen. Ich schmunzle in mich hinein und parke meinen Rollstuhl  in der S-Bahn vor die Klappsitze, wo schon zwei Fahrräder stehen. “Ja, und?”, denke ich mir. Auf meinem Ausweis steht ja schwarz auf grün “The holder of this card is severely disabled”. Außerdem bestätigen mich die Merkzeichen, die  mir unter anderem einen Grad der Behinderung von 100 attestieren und mich als “H” wie “hilflos” bezeichnen. Ganz ehrlich, so schlimm  fühle ich mich gar nicht. Die Jugendlichen sitzen immer noch da und beleidigen sich immer wieder als “behindert”. Dabei ist das überhaupt nicht böse gemeint, sondern einfach so dahin gesagt, ohne vorher überlegt zu haben. Ich frage mich stets, ob ich darauf einfach mal “ja!” antworten sollte, entscheide aber meist dagegen, weil es mich eigentlich nicht großartig stört und ich mich daran gewöhnt habe. Ich  finde, man soll die Behinderung nicht in den Mittelpunkt stellen und sich  nicht selbst auf die Behinderung reduzieren, denn ich will als Student Nico wahrgenommen werden und nicht als der (im) Rollstuhl.

Nach einer halben Studen bin ich am Hauptbahnhof in München angekommen. Ich möchte meine Freundin in Köln zu ihrem Geburtstag mit einem Besuch überraschen und  nehme deswegen den ICE. Alle Menschen sind sehr hilfsbereit und fragen, ob sie helfen können, doch schon das Einsteigen kann mit Rollstuhl nicht reibungslos funktionieren, denn um hineinzukommen, müsste ich drei Stufen hochsteigen. Ohne Geländer habe ich da keine Chance. Die Hebebühne, die ich mit meiner Erfahrung  vorbestellt habe, muss her. Der freundliche Schaffner bringt mich an meinen Platz und bietet mir an, ich solle mich immer bei ihm melden, wenn ich etwas bräuchte. In der Hoffnung, dass ich seine Hilfe nicht vor meinem Ausstieg in Köln brauchen würde, bedanke ich mich. Ich esse und trinke, um mir die Zeit zu vertreiben und merke, wie meine Blase immer stärker zu drücken beginnt. Also entschließe ich mich, die Toilette aufzusuchen. Eigentlich ist das kein Problem, bis ich einen Zettel lese, auf dem “WC defekt” steht. Also wende ich mich an den Schaffner mit der Bitte, ob er mir helfen könne, weil es auf der Herren-Toilette für mich zu eng ist. Wenig später kommt er zurück und sagt, dass er mich bei der nächsten Haltestelle aufs Klo brächte. Endlich in Mannheim angekommen, höre ich die Durchsage “Sehr verehrte Damen und Herren, Bitte haben Sie Verständnis, dass sich Weiterfahrt um 15 Minuten verzögert, da der Rollstuhlfahrer im Abteil 24 die Toilette aufsuchen muss.” Vor Scham laufe ich rot an und möchte am liebsten im Boden versinken, weil mir das so peinlich ist.

Zurück im Zug konnte die Fahrt endlich wieder fortgesetzt werden. Eine Frau, die sich nach der ersten Station von mir weggesetzt hat, wahrscheinlich, weil sie sich durch mich gefährdet fühlt, beobachtet mich. Als ich sie frage, ob sie ihre Tasche, die auf dem Sitz liegt, wegnehmen würde, weil ich für einen anderen Fahrgast Platz machen will, reagiert sie nicht, und ruft nur: “Ihm muss man helfen! Er ist behindert!” Außerdem fügt sie hinzu: “Unglaublich, dass solche Leute  alleine Zug fahren dürfen!” und bittet sogar eine Frau, auf mich aufzupassen. Am liebsten hätte ich ihr gesagt, dass die Zeiten, in denen Menschen mit Behinderungen getötet oder versteckt wurden, vorbei sind, aber – wie das immer ist – in der jeweiligen Situation fallen mir diese Bemerkungen nicht ein.

In Köln angekommen, muss ich in die U-Bahn umsteigen, doch der Lift ist wieder einmal außer Betrieb, sodass ich zwei Leute anspreche, mir zu helfen. Das funktioniert einwandfrei, denn alle sind sehr hilfsbereit, wenn ich sie gezielt um Hilfe bitte. Nun rolle ich in die Bahn ein und bemerke wie ein Mann, von mir offensichtlich sehr fasziniert, starrt. Er spricht laut und langsam “Hilfe” und wirft dann noch ein, dass ich in der falschen Bahn säße, nur um mich als blöd darzustellen. Vielleicht ist sein Auftreten gut gemeint, aber in leichter Sprache hätte er nicht mit mir sprechen müssen. Ich verstehe auch ganze Sätze. Ich will mich gleich mit der Mutter meiner Freundin am Barbarossaplatz treffen, weil wir gemeinsam noch einen Strauß Rosen besorgen wollen. Da ich weiß, dass die Station nicht behindertengerecht ist, suche ich den Kontakt zu einem Mitpassagier und frage, ob er mir helfen würde. „Ja! Ich sage Ihnen dann, wann Sie aussteigen müssen!“, antwortet er. Ganz verdutzt von seiner bizarren Antwort kläre ich ihn auf, dass er den Rollstuhl schieben möge, was er schlussendlich auch tut.

Wie vereinbart, treffe ich mich mit der Mutter meiner Freundin im Blumenladen und bestelle den Blumenstrauß. Wie häufig spricht auch diese Verkäuferin im Verkaufsgespräch meine Begleitung an, aber daran habe ich mich auch schon gewöhnt. Bei meiner Freundin angekommen, entscheiden wir spontan mit einer gemeinsamen Freundin ihren Geburtstag noch in der Disco zu feiern. Rollstuhlfahrer in der Disco sind immer was besonderes. Deswegen begegnen uns gerade dort zunächst viele mit großer Unsicherheit. Am Rande bekomme ich mit, wie jemand unsere Freundin fragt, ob ich schon auch deutsch verstehe. Schlagfertig antworte ich “Nee, nur Englisch, Latein, Französisch und Italienisch!” und grinse ihm zu. Wir stoßen an und weil ihm diese Frage nun peinlich ist, lädt er mich auf einen Drink ein.
Übrigens, Rollstuhlfahrer haben in der Disco einen großen Vorteil, der zum Nachteil werden kann. Viele haben noch nie einen “wheely-tanzenden” Rollstuhlfahrer  auf der Tanzfläche gesehen und laden deswegen gerne auf Getränke jeglicher Art ein. Bei mir merkt man es auch nicht, wann ich so betrunken bin, dass ich nicht mehr laufen kann.

Nichtsdestotrotz sehen wir an meinem, beschriebenen, heutigen Tag, dass es viel einfacher wäre, wenn ich endlich normal laufen lernen würde, was nie passieren wird.

Wir stellen fest: Für eine komplett funktionierende Inklusion ist noch viel zu leisten, denn die größte Barrieren sind leider in unseren Köpfen und sehr schwer zu beseitigen, aber wir sind auf einem guten Weg!