Der ländliche Raum im Wandel – Demografische Entwicklung in Schwaben

Geschrieben von Lisa Kaltenbacher (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 31. März 2015 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2015/03/der-laendliche-raum-im-wandel-demografische-entwicklung-in-schwaben/>
Abgerufen am 15. Oktober 2019 um 02:15 Uhr

Die Geschäftsführer/innen der schwäbischen Kreis- und Stadtjugendringe trafen sich Mitte März in der Jubi Babenhausen, um sich mit dem Thema „Demografische Entwicklung in Schwaben und deren Auswirkungen auf die Jugendarbeit“ auseinanderzusetzen.

Winfried Dumberger-Babiel, Geschäftsführer des Bezirksjugendrings, machte nach seiner Begrüßung deutlich, dass im ländlichen Raum derzeit ein Wandel stattfindet, bei dem auch die Jugendarbeit aufgefordert ist, diesen mitzugestalten. Anregungen, wie solche Handlungen aussehen können, gab anschließend Christian Rindsfüßer vom SAGS Institut Augsburg in seiner Präsentation „Demografische Entwicklung in Schwaben aus Sicht der Jugendarbeit“. In diesem Rahmen gab Christian Rindsfüßer vom SAGS Institut Augsburg in seiner Präsentation einen Überblick über die demografischen Entwicklungen in Schwaben.

Bevölkerungssituation
Schwaben ist im Allgemeinen eine ländlich geprägte Region, die mit den kreisfreien Städten einige Zentren aufweist. Seit der Jahrtausendwende ist die Bevölkerung sehr stabil und nimmt kaum merklich zu. Dieser Zuwachs ist wegen den sinkenden Geburtenzahlen durch Zuwanderung zu erklären. Wenn man sich die Entwicklung der Bevölkerung getrennt nach Städten und Landkreisen anschaut, erkennt man verschiedene Trends. Bis ca. 1970 zog die Bevölkerung vermehrt vom Land in die Städte, weshalb diese einen enormen Zuwachs bekamen. Dieser Trend kehrte sich später allerdings um, die Einstellung „Raus ins Grüne“ bekam immer mehr Zuspruch. Die neuste Entwicklung seit 2000 ist jetzt, dass die Städte wieder wachsen, während die Bevölkerung der Landkreise stagniert.

Altersverteilung in Schwaben
Heute gibt es bei Kindern unter 10 Jahren kaum Unterschiede zwischen Stadt und Land. Bei den 10 bis unter 18 Jährigen sieht das allerdings anders aus. Auf dem Land leben deutlich mehr Kinder und Jugendliche als in der Stadt. Das kann man damit erklären, dass die Eltern dieser Kinder damals alle aus der Stadt in die umliegenden Landkreise zogen. Heute ist der Trend anders, da Familien mit Kindern lieber in den Städten wohnen bleiben. Dies bedeutet nur noch sehr wenig Zuwanderung von jungen Familien aufs Land.

Geburten
Seit den frühen 90er Jahren nahm die absolute Zahl der Geburten in Schwaben stark ab, wobei der Rückgang in den Städten (mit knapp 20%) deutlich schwächer ausfiel als in den Landkreisen (ca. 30%). In den nächsten Jahren ist mit stagnierenden, bzw. sogar leicht steigenden Geburtenzahlen v. allem in den Städten zu rechnen.
Der starke Geburtenrückgang bedeutet jedoch nicht, dass die Frauen weniger Kinder bekommen. Wenn man sich die Kenngröße „Kinder je Frau“ anschaut, erkennt man, dass seit 40 Jahren immer ungefähr auf 1000 Frauen 1400 Kinder kommen. Das bedeutet, dass sich seitdem das Familienverhalten trotz absolut sinkenden Geburten nicht verändert hat.
Wanderungen

Bei Senioren und bei kleinen Kindern gibt es kaum Wanderungen, während bei der Gruppe der 18 bis unter 25 Jährigen mit Abstand die meisten Wanderungen stattfinden. Diese ziehen z.B. zum Studium oder für ihre Ausbildung vom Land in die Städte. Problematisch ist dies aber nur, wenn diese danach nicht wieder zurückkommen, sodass die Landkreise einen dauerhaften Verlust der Jugendlichen an die Städte zu verbuchen haben.
Bei den 25 bis unter 40 Jährigen gibt es allerdings immer noch viele Familien, die wieder aufs Land zurückziehen.
Prognose bis 2032

Bis 2032 wird die jugendliche Bevölkerung in Schwaben allgemein abnehmen. Besonders stark ist in den Städten die Altersgruppe der 18-25 Jährigen betroffen mit einem Rückgang von fast 15%. In den Landkreisen ist die Abnahme in allen Altersgruppen stärker, wobei hier besonders Kinder und Jugendliche von 10-24 Jahren fehlen werden (Rückgang bei 15-24 Jährigen knapp über 20%).

Ein Zuzug von Jugendlichen in die Landkreise könnte dieser Entwicklung entgegenwirken, ist allerdings nur mit gezielten Maßnahmen zu erreichen z.B. wenn sich Gemeinden als jugendfreundlich präsentieren. Eine der potenziellen Gruppen, die zuziehen könnten, sind auch Flüchtlinge und Migranten. Diese wollen aber erfahrungsgemäß lieber in Großstädten wie z.B. Augsburg oder München leben. Gründe dafür können sein, dass in größeren Städten mehr Möglichkeiten geboten werden, fremde Religionen auszuüben (z.B. in Moscheen) und dass die Zuwanderer möglichst mit Menschen desselben Hintergrundes zusammen sein möchten.

Insgesamt wird sich die Bevölkerung bis 2023 in Schwaben kaum verändern. Dies bedeutet auch, dass der Anteil der älteren Menschen zunimmt.

Wohnsituation für Jugendliche
Es ist ein natürlicher Prozess, dass viele Jugendliche zum Studium oder zur Ausbildung wegziehen. Bekannt ist allerdings auch, dass Jugendliche, z.B. wegen ihrer Tätigkeit in Vereinen, wegen ihrer Bindung zu Freunden oder zu ihren Familien, gerne in ihrer Gemeinde wohnen bleiben wollen. Welche Möglichkeiten haben sie?

Das Ergebnis ist, dass es in ländlichen Regionen kaum Mietwohnungen für diese Jugendliche gibt, sie also meist gezwungen werden, in die Städte zu ziehen.
Diese Erkenntnis führte zu einer regen Diskussion, bei der es um die Jugendfreundlichkeit von Gemeinden ging. Zum Vergleich: Kinderfreundlichkeit wird vielfach groß geschrieben, während Jugendfreundlichkeit in der Gemeinde kaum zur Sprache kommt. Eine für Jugendliche attraktive Gemeinde kann ein entscheidender Punkt sein, um eine Bindung an ihre Heimat zu schaffen und kann so der Abwanderung entgegenwirken.
Ein Ansatz hierfür ist es, generationenübergreifende Wohnräume zu schaffen, in denen z.B. je nach Bedarf verschiedene Wohnungsgrößen zur Auswahl stehen, sodass nicht nur eine Zielgruppe in die Häuser zieht. Dieses „Generationen-Konzept“ bietet ebenso für Senioren oder Alleinerziehende Chancen auf bedarfsgerechte Wohnungen.

Ein anderer Aspekt zur Wohnsituation ist die Mobilität. Gibt es ausreichend Bus- oder Bahnverbindungen zu den Ausbildungs- und Arbeitsstätten? Davon hängt auch die Attraktivität einer Gemeinde ab.

Schulbesuche und Kinderbetreuung
In den Städten leben viele Akademiker und oft Eltern, die auf die Bildung ihrer Kinder viel Wert legen. Das Schulangebot ist hier breit gefächert. Auf dem Land ist die Mittel– und Realschule stark vertreten. Diese unterschiedliche Schulsituation ist oftmals ein Grund dafür, in der Stadt zu bleiben.

Immer mehr Eltern legen Wert auf eine frühe Betreuung ihrer Kinder. Dazu zählt auch für ältere Kinder die Ganztagsschule. Auf dem Land sollten Ganztagsschulen und Vereine mehr kooperieren, um das Angebot zu erweitern und den Kindern einen besseren Zugang zu Vereinen zu ermöglichen.

Absolventen ohne Hauptschulabschluss
Im Jahr 2014 gingen in Schwaben 5,7% aller Schüler und Schülerinnen ohne Hauptschulabschluss von der Schule ab. Besonders hoch war diese Zahl in den Städten Kempten und Memmingen mit 12,8% bzw. 12,7%. Allerdings bedeutet das nicht, dass die Schulen schlecht sind, oder viel zu wenig Schüler und Schülerinnen mindestens einen Hauptschulabschluss bekommen. Um diese Daten richtig zu interpretieren, muss man sich genau anschauen, woher die Prozente genau kommen. Dies kann z.B. von einem hohen Anteil von Schülern einer Förderschule herrühren oder von Kindern mit Migrationshintergrund oder Flüchtlingskindern. Diese haben kaum Chancen, wenn sie in höheren Klassen in die Schule kommen, bis zur Abschlussprüfung ausreichend gut Deutsch zu lernen und gleichzeitig Stoff aufzuholen. Dieses Problem tritt überwiegend in größeren Städten auf, da es dort Zentren für Förderschüler gibt und ein hoher Anteil der Schüler einen Migrationshintergrund hat. In den statistischen Werten findet allerdings keine Trennung von diesen Schülergruppen statt, weshalb man hier aufpassen muss, wer in dieser Zahl überhaupt miteinbezogen ist.